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LERNZIEL SPIELEN – AUF DEM ABENTEUERSPIELPLATZ

Wenn man Kinder lässt, finden sie untereinander und ohne Anleitung von außen ihre eigenen Spielideen - so wie auf dem Abenteuerspielplatz Melverode. Foto: Fred Roemer

Durch die coronabedingten Schulschließungen pausiert sein Projekt doch Fred Roemer weiß: es kommen auch wieder andere Zeiten. Spätestens dann sollte das Spiel als kindgerechte Form des Lernens endlich mehr Bedeutung im Schulalltag erhalten. Wie das auf dem Abenteuerspielplatz gelingen kann verrät er uns in diesem Interview. 

Herr Roemer, Sie waren 30 Jahre Lehrer an einer Freien Schule in Braunschweig, haben sich intensiv mit der Bedeutung des Spielens beschäftigt und daraus Ihr Projekt „Lernziel Spielen“ entwickelt. Welche Idee steckt dahinter?

Fred Roemer: Die Idee von „Lernziel Spielen“ ist simpel: wir laden Grundschulklassen ein, einen Teil ihrer Unterrichtszeit spielend auf dem Abenteuerspielplatz Melverode zu verbringen. Dafür zahlen die Schulen pro Kind und Tag nur eine Pauschale von 1,50 Euro für Verbrauch bzw. Verschleiß.

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Idealerweise sind die Klassen gleich mehrere Tage vor Ort und buchen beispielsweise eine ganze Woche, quasi als Klassenfahrt light. Es gibt kein Programm. Die Kinder spielen einfach, toben sich aus und nutzen intensiv das riesige 15.000 m² große und weitgehend barrierefreie Gelände. Dieses bietet eine tolle, vielseitige Infrastruktur mit Urwald, Feuerstelle, Räume, Werkzeug, Bauholz, Tierhaus, etc.. Einige herkömmliche Spielgeräte (Schaukel, Klettergerüst, Seilbahn, u. a.) sind ebenfalls vorhanden. Man kann auch Fußball spielen. Gerade das riesige Urwald-Gelände bietet die Möglichkeit für Kinder unbeobachtet und frei zu spielen.

Lageplan vom Abenteuerspielplatz Melverode
Das Gelände vom Abenteuerspielplatz Melverode ist groß und bietet viele Möglichkeiten. Foto: ASP Melverode

Meinen Sie wirklich, Kinder müssen das freie Spielen erst lernen? 

Heute erleben Kinder solche Flow-Erlebnisse in erster Linie nur noch über digitale Spiele.

Fred Roemer

Meine Beobachtung ist leider, dass viele Kinder tatsächlich heute nicht mehr spielen können. Für mich ist das Wichtige am Spiel das „Flow-Erlebnis“ – also das tiefe Versinken in die Spielhandlung und das Vergessen von Zeit und Raum. Wenn Kinder im „Flow“ sind, spielen sie nicht Robin Hood, sondern sie sind Robin Hood.

Heute erleben Kinder solche Flow-Erlebnisse in erster Linie nur noch über digitale Spiele. Eine Grundschullehrerin erzählte mir mal, dass sie als Hausaufgabe aufgegeben hatte: „Spielt heute Nachmittag einfach mal draußen.“ Am nächsten Tag kam eine ihrer Schülerinnen und erklärte: „Ich konnte meine Hausaufgaben nicht machen, weil ich meine Wii nicht mit rausnehmen durfte.“ Das ist doch traurig.

Das entspricht auch unserer Beobachtung: Kinder spielen immer seltener draußen

Genau. Kindheit findet zunehmend drinnen und in Begleitung von Erwachsenen statt. Und wenn Kinder doch mal draußen spielen, wird es schnell öde. Sie treffen nur selten auf andere Kinder und die Spielplätze sind oft standardisiert und langweilig. Dabei wird die Bedeutung des freien Spielens völlig unterschätzt. Spielen ist ein kindliches Grundbedürfnis. Kinder lernen viele Sachen in erster Linie über das Spiel und das Erlernte verfestigt sich dadurch. Spielen sollte daher unbedingt als kindgerechte Form des Lernens an Bedeutung gewinnen und damit auch in der Schule wieder mehr Zeit und Raum einnehmen.

Die Schulrealität sieht anders aus. Zeit zum Spielen ist knapp…

Das Spielen wird eher als nebensächliche Freizeitaktivität gesehen, die nur als Belohnung eingesetzt wird, wenn alles „Wichtige“ erledigt ist. 

Fred Roemer

Sie haben recht. Auch dank Pisa, heißt es in der Schule: immer mehr, immer schneller, immer früher, immer digitaler und in immer kürzerer Zeit. Der Fokus liegt auf abfragbarem Wissen. Kinder lernen für Tests und vergessen den Stoff schnell wieder. Das Spielen wird eher als nebensächliche Freizeitaktivität gesehen, die nur als Belohnung eingesetzt wird, wenn alles „Wichtige“ erledigt ist. Dadurch bleibt den Kindern nicht viel Zeit, draußen zu spielen. Bastel-, Koch- oder Sportangebote in der Nachmittagsbetreuung sind zwar gut gemeint, aber kein Ersatz. Ich befürchte, Kindheit war noch nie so stark gefährdet wie heute. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, ist es wichtig, gerade in der Schule dem freien Draußenspiel wieder mehr Platz und Bedeutung einzuräumen. Wenn Schulen unser Projekt nutzen, um Kindern derartige Erfahrungen auf dem Abenteuerspielplatz Melverode zu ermöglichen, ist das ein guter Anfang.

Wann kam Ihnen die Idee zu Ihrem Projekt?

Ich wusste nicht, welche faszinierenden Beobachtungen wir auf dem Abenteuerspielplatz machen würden, wenn wir die Kinder einfach nur mal spielen lassen würden.

Fred Roemer

Die Idee stammt noch aus meiner Lehrertätigkeit an der Freien Schule. Damals haben wir regelmäßig Projektwochen und Klassenfahrten zum Abenteuerspielplatz gemacht. Es wurde nichts vorgegeben, die Kinder kriegten lediglich den Auftrag zu spielen. Eine ganze Woche lang! Das war einfach toll und überraschend. Aus der Schule wusste ich, wie gut können die Kinder rechnen, schreiben, basteln, wie interessiert sind sie an Sachunterrichtsthemen. Aber ich wusste nicht, welche faszinierenden Beobachtungen wir auf dem Abenteuerspielplatz machen würden, wenn wir die Kinder einfach nur mal spielen lassen würden, welche verborgenen Ressourcen und Talente der Schülerinnen und Schüler zu Tage gefördert werden würden.


Nach zweijähriger Vorbereitungszeit findet das Projekt „Lernziel Spielen“ seit April 2019 auf dem Abenteuerspielplatz Melverode in Braunschweig statt. Wenn nicht gerade Corona dazwischenfunkt, verbringt Fred Roemer dort 45 Stunden im Monat mit Grundschulkindern. Das Gelände bietet vormittags genügend Platz für bis zu 60 spielende Kinder. Im ersten Jahr haben bereits ca. 600 Kinder aus 11 Schulen mitgemacht. Das Projekt wird durch die finanzielle Unterstützung seitens der Bürgerstiftung, der Kroschke Kinderstiftung sowie der Firmen Ewe Armaturen und der eck*cellent IT GmbH ermöglicht. 


Interessierte Schulen finden alle Informationen zum Projekt „Lernziel Spielen“ im Web und können sich per E-Mail oder Telefon: 0178-6985264 für die Zeit nach Corona anmelden.

Legen die Kinder direkt los, wenn sie auf dem Abenteuerspielplatz ankommen?

Vielen Kindern fällt der Einstieg gar nicht so leicht. Sie rennen erstmal rum und erkunden aufgeregt den Platz. Ein bisschen wie als wären sie in einem Freizeitpark. Dann kommen sie zurück und fragten: „Und was machen wir jetzt?“ Einige monieren: „Mir ist langweilig.“ Und genau an diesem Punkt wird es spannend. Ich antworte ihnen: „Das ist okay. Euch darf hier langweilig sein. Langeweile auf einem Abenteuerspielplatz kann auch Abenteuer bedeuten.“

Aber Langeweile ist nicht leicht auszuhalten…

Vor allem, wenn man es nicht mehr gewohnt ist, weil die digitale Ablenkung immer in Reichweite ist. Doch sobald der Punkt der Langenweile überwunden ist – das kann bei einigen eine halbe Stunde oder länger dauern – geht es erst richtig los. Plötzlich sprudeln die Kinder vor Ideen und finden gemeinsam allerlei Beschäftigungen. 

Bereits am zweiten Tag wissen dann fast alle Kinder, was sie mit wem machen wollen. Ob das dann bis zum Ende des Tages durchgezogen wird, ist noch mal was anderes. Aber die Kinder haben sich vorher abgesprochen und sich selbst überlegt, was sie auf dem Abenteuerspielplatz tun wollen. Das funktioniert ganz ohne Vorgaben von außen. Natürlich auch deshalb, weil während des Projektes immer viele Kinder gleichzeitig zum Spielen da sind. So finden sich stets genügend, deren Interessen kompatibel sind.

Schulausflug zum Abenteuerspielplatz Melverode
Auf dem riesigen Abenteuerspielplatz finden gleichzeitig 60 Kinder Platz zum Spielen. Foto: Roemer

Wie gut können sich Lehrkräfte auf dieses ungewohnte Spielabenteuer einlassen? 

Anfangs tun sich tatsächlich viele Lehrerinnen und Lehrer schwer und sind etwas verunsichert. Das kann ich grundsätzlich nachvollziehen. Lehrkräfte sind darauf getrimmt, Input zu geben, abzufragen und zu bewerten. Mit Projektstart haben sie keine Aufgabe mehr, die sie an ihr übliches Lehrerdasein erinnert. Sie sitzen zunächst rum und es ist ihnen anzumerken, wie unwohl sich viele fühlen. Sie langweilen sich, manche fangen an auf ihrem Smartphone zu daddeln, obwohl überall Schilder hängen: „Smartphone-freie Zone“.

Geben Sie Hilfestellung, damit der Perspektivwechsel gelingt? 

Ja, manchmal gebe ich Tipps und sage: Lassen Sie Ihre Kinder spielen und beobachten Sie sie dabei. Unterstützen Sie nur, wenn Sie gefragt werden. Behalten Sie die Sicherheit im Baubereich im Auge. So haben die Lehrkräfte etwas zu tun und es fällt ihnen leichter, sich auf das Geschehen einzulassen. Das ist wichtig, denn sie müssen bereit sein, Dinge, jenseits von Lehrplänen, Leistungsbewertung oder Erfolg im klassischen Sinne, als toll anzuerkennen.

Haben Sie ein Beispiel für die alternative Leistungsbewertung?

Die Lehrerinnen und Lehrer erleben, wie bereichernd es ist, mit einem anderen Blickwinkel heranzugehen und dem Spielen so viel Platz einzuräumen.

Fred Roemer

Wenn Kinder zum Beispiel zum ersten Mal mit echtem Werkzeug versuchen einen Tisch oder einen Hamsterkäfig zu bauen und dafür stundenlang ein paar Bretter zusammenzimmern. Dann mag das für Werklehrer und Werklehrerinnen, die auf Vorzeigbares fixiert sind, auf den ersten Blick vielleicht wie vertane Zeit wirken. Doch die Kinder sind stolz auf ihre Ergebnisse und darauf, selbst so etwas geschaffen zu haben – nach eigenen Plänen und mit richtigem Werkzeug.

Am Ende sind die Reaktionen stets positiv. Die Lehrerinnen und Lehrer erleben, wie bereichernd es ist, mit einem anderen Blickwinkel heranzugehen und dem Spielen so viel Platz einzuräumen. Das macht mich glücklich!

Auf Grund der Corona-Pandemie pausiert Ihr Projekt, denn Ausflüge und Klassenfahrten sind bis auf Weiteres nicht erlaubt…

Das stimmt. Es kommen aber auch wieder andere Zeiten. Dafür die Idee schon mal im Hinterkopf zu haben, ist nicht verkehrt. Aus Gesprächen mit Lehrkräften weiß ich, wie schwierig es heute für viele Familien ist, mehr als 100 Euro für eine Klassenfahrt zu bezahlen. Für viele Familien wird es nach der Corona-Krise erst recht finanziell eng werden. Umso wichtiger ist es doch, dass Spiel, Bewegung, Abenteuer und frische Luft nicht auf der Strecke bleiben. Sehr gefreut haben wir uns über eine benachbarte Grundschule, die kurzerhand ihren Sportunterricht zu uns verlegt hat.

Sportunterricht auf dem Abenteuerspielplatz während Corona? 

Genau. Der Sportunterricht in der Halle war ja nach den Herbstferien verboten worden. Die Grundschule Melverode suchte daher nach Alternativen und kam auf die Idee, kurzerhand den Sportunterricht auf unseren Abenteuerspielplatz zu verlegen. Seit Oktober besuchten uns regelmäßig Kinder dieser Schule, um hier vollkommen freie Spiel- und Bewegungsangebote zu realisieren.

Hütten bauen Abenteuerspielplatz Melverode
Die Möglichkeiten echtes Werkzeug auszuprobieren, ziehen viele Kinder magisch an. Foto: Roemer

Die Erfahrungen und das Feedback waren durchweg positiv. Jedes Mal waren die Kinder nach der zweistündigen Auszeit auf dem Abenteuerspielplatz grundglücklich, ausgeglichen und es gab weniger Streit, wie ich von den Lehrkräften erfuhr. Ich hoffe, nach dem Lockdown geht es wieder los mit dem Sportunterricht und nach Corona mit dem Projekt „Lernziel Spielen“.

Das hoffen wir auch. Denn wir finden, dieses Projekt hat riesiges Potenzial und sollte spätestens nach Corona als Exportschlager auf weiteren Abenteuerspielplätzen umgesetzt werden. Herzlichen Dank, Fred Roemer, für dieses interessante Gespräch und Ihr Engagement.

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