DANN HAT MAN DAS GEMEINSAM ERLEDIGT. BASTA.

Aus Spielplatz-Schließungen den „Untergang der Welt“ abzuleiten, wäre grundfalsch, so Georg Müller, von der Stadt Lemgo. Wenn Bürger sich wieder verstärkt selbst engagieren und Städte diese alte Tradition des bürgerlichen Engagements fördern, eröffnen sich daraus auch neue Chancen für den Erhalt von Spielplätzen. Das wollte ich genauer wissen…

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Der Spielplatz in der Schillerstraße in Lemgo lebt durch Bürgerengagement weiter. Foto: Haftmann

Herr Müller, auch die Stadt Lemgo hat Spielplätze geschlossen. Warum?

Müller: Im Rahmen der Haushaltskonsolidierung hatten wir relativ hohe Sparvorgaben durch den Haushalt. Das betraf auch die öffentlichen Spielplätze. Deshalb sahen wir uns gezwungen, gemeinsam mit der Abteilung Forst und Grün und dem Jugendamt, Vorschläge zu machen, welche Spielplätze geschlossen werden sollen. Da waren Spielplätze dabei, die schon lange nicht mehr bespielt wurden, aber auch Spielplätze, bei denen es weh tat.

 

Mit der Schließung der Spielplätze waren nicht alle Lemgoer einverstanden…

Müller: Die Plätze, die sowieso nicht mehr bespielt wurden, sind sang- und klanglos zugemacht worden. Da hat sich niemand beschwert. Widerstand hat sich dort geregt, wo die Leute das für wichtig hielten, dass der Spielplatz erhalten bleibt.

So haben wir uns mit insgesamt acht Initiativen – sechs davon sind nicht organisiert, sondern einzelne Anlieger, die sich einbringen wollen – Kooperationsvereinbarungen getroffen und besprochen, unter welchen Bedingungen die Spielplätze erhalten bleiben können.

 

Was tun die Bürger, um ihre Spielplätze zu erhalten?

Müller: Die Bürgerinnen und Bürger übernehmen die Pflege der Spielplätze selbst, sei es als Einzelperson, als Initiative oder als Verein. Sie betreiben regelmäßig Strauchpflege, sie mähen den Rasen, sie beseitigen den Müll, sind regelmäßig vor Ort präsent und haben ein Auge auf den Spielplatz. Dadurch fallen seitens der Stadt erheblich weniger Rahmenkosten an.

Die Stadt übernimmt bei diesen Spielplätzen aber weiterhin die Verkehrssicherung. Diese Aufgabe würde die Menschen überfordern. Wir prüfen also weiterhin nach den gesetzlichen Vorgaben durch zertifizierte Mitarbeiter den Zustand der Spielgeräte. Je nach Intensität der Nutzung sind unsere Mitarbeiter also ein- bis viermal im Monat vor Ort.

 

Das Sparen gelingt, weil sich Lemgoer Bürger engagieren?

Müller: Ja. Durch die Unterstützung seitens der Bürger sparen wir im Wesentlichen Personalkosten, denn wir konzentrieren uns jetzt nur noch auf die gesetzlich vorgeschriebenen Kontrollen der Spielgeräte. Unser Sparziel von ca. 200.000 Euro haben wir dadurch im Prinzip erreicht. Und eins ist klar: Die Stadt hätte besagte Spielplätze ohne das Engagement der Bürger ersatzlos geschlossen.

 

Finden Sie es akzeptabel, dass Spielplätze nur erhalten bleiben, weil sich Anwohner selbst darum kümmern?

Müller: Die Leute nehmen sich selber in die Verantwortung und das finde ich gut. Das ist bürgerliches Engagement im reinsten Sinne. Das hat in Deutschland eine lange Tradition und das gibt es ja nicht nur bei Spielplätzen. Wenn ich zum Beispiel alleine an die vielen ehrenamtlichen Helfer der Tafel denke, die bedürftige Menschen mit Essen versorgen, oder an Kulturvereine.

 

Spüren Sie, dass bürgerliches Engagement zunimmt? 

Müller: Wenn man sich mit Leuten unterhält, die schon lange leben, dann erzählen diese: Es gab Zeiten, wenn man meinte, da musste in der Gemeinde etwas gemacht werden, dann hat man das gemeinsam erledigt. Basta. Aber im Laufe der Zeit hat sich eine andere Lebensweise entwickelt und auch die gesetzlichen Vorgaben sind immer komplizierter geworden, so dass diese Haltung etwas in Vergessenheit geraten ist.

EhrenAmtLemgo-Logo_120x-120Insgesamt erlebe ich aber, dass das Engagement tatsächlich wieder zunimmt. Das finde ich gut. In Lemgo wird Bürgerengagement übrigens systematisch unterstützt und gefördert, nicht nur im Bereich der Spielplätze.

 

 

Wurden im Lemgo vielleicht falsche Prioritäten gesetzt, so dass jetzt das Geld für Spielplätze fehlt?

Müller: Natürlich wäre es schön, wenn wir mehr Geld hätten, auch für die Jugendförderung. Das ist richtig. Aber ich sehe nicht, dass das Geld locker verteilt wird. Und mit dem gleichen Argument, mit dem wir im Kinder- und Jugendbereich argumentieren, dass das Geld zu knapp ist, könnten wir auch in anderen Bereichen der Stadt argumentieren.

Spielplätze und Kinder emotional zu verquicken und daraus den Untergang der Welt herzuleiten, passt natürlich prima. Das ist aber eindeutig so nicht richtig.

 

Was antworten Sie Menschen, die sagen: „Kinder sind unsere Zukunft und deshalb sollte man deutlich mehr in Spielplätze investieren, anstatt zu sparen.“?

Müller: Ich sage, dass der Staat da immer eine Grenze ziehen wird. Selbst wenn wir mehr Geld hätten, hätten wir auch unsere Grenzen. Es hat auch in den guten Zeiten nie wirklich gereicht. Wir haben immer noch Bedarfe gesehen und gesagt, dort müsste dringend was passieren. Diese Fahnenstange hat kein Ende. Und deshalb werden wir immer das Problem haben, dass bestimmte Dinge liegen bleiben, wenn wir sie als Bürger nicht selber in die Hand nehmen.

 

Vielen Dank, Herr Müller, für das Gespräch.  Wir wünschen allen engagierten  Anwohnern gutes Gelingen!

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