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„FÜR MICH SIND DAS SO KLEINE METALL-KUNSTWERKE“

Ganz schön hoch - dieses in Dresden saniertes Klettergerüst in Sputnikform ist eigentlich nur 1,50 m hoch. Foto: René Langner

Wie ist es, Spielplatzgeräte mit Kletterausrüstung zu erklimmen? Das wollten René Langner und sein Freund herausfinden. Daraus ist ein Kletter-Kalender entstanden sowie die Leidenschaft für nostalgische Klettergerüste aus Stahl.

Im Frühjahr 2020 sitzen René Langner und sein Freund und Hobbykletterer Stefan König zusammen und kommen auf die, zugegeben, etwas verrückte Idee, Klettergerüste mit professioneller Kletterausrüstung zu erklimmen und das Ganze in einem Fotokalender festzuhalten.

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Kletterspaß und Formenvielfalt

Gesagt, getan. In ihrer Heimatstadt Halle legen sie Kletterausrüstung an, erklimmen Spielplatzgerüste und schießen die ersten Aufnahmen für ihren Kletter-Kalender. Zu Beginn fokussieren sie sich ganz auf das Klettererlebnis: „Wenn wir die Gerüste beklettern schauen wir, was geht da alles. Wie sind die Kletterwege durch Ringe und Querstreben.“, erklärt mir René Langner seine Kletter-Idee am Telefon.

Gar nicht so leicht, diese dünnen Stahlrohre hochzuklettern. Aber der Hobbykletterer Stefan König hat alle fest im Griff. Foto: René Langner

Doch schnell merkt gerade der Kunstfan Langner, dass ihn vor allem die Metallgerüste aus Stahlrohr faszinieren: „Design und Formen der nostalgisch anmutenden Klettergerüste sind wirklich sehr spannend und so unterschiedlich.“ Die Vielfalt der Metallgerüste ist enorm. Da sind die klassischen Pilze, Raketen oder Quader, aber auch Kugeln oder schlangenförmige Gerüste. Und sogar verschiedene Tiere begegnen René Langner. Diese Formenvielfalt bringt ihn auf weitere Ideen, sich künstlerisch mit den Klettergerüsten auseinanderzusetzen.

Klettergerüst als grafisches Kunstwerk

Gerade die unterschiedlichen Formen sind spannend. Auch die Farben begeistern mich.

René Langner

René Langner zeichnet die gesammelten Klettergerüste grafisch in den Original-Farben nach und trägt die stetig wachsende Sammlung der verschiedenen Gerüst-Modelle auf seiner Webseite und auf Instagram zusammen. „Für mich sind das so kleine Metallkunstwerke. Gerade die unterschiedlichen Formen sind spannend. Auch die Farben begeistern mich. Fast immer kommen blau, gelb, grün und rot zum Einsatz. Und wenn man die Spielgeräte vom Hintergrund loslöst, wirkt das Design noch interessanter.“, erzählt René Langner begeistert.

Klettergerüst
Eine große Auswahl der Klettergerüst-Grafiken findet ihr auch bei Instagram. Screenshot: gerueste_der_republik

So entstehen Postkarten-Sets, die René Langner im Internet und auf Kunstflohmärkten anbietet. Auch bei Spreadshirt lädt er seine Designs hoch. Wer Interesse hat, kann sich dort selbst ein T-Shirt oder Hoody machen. Coole Idee ☺

Auf meine Frage, ob sich das alles finanziell lohnt, winkt René Langer ab: „Nein. Wir müssten riesige Mengen verkaufen, damit sich der Aufwand, die Zeit und all die Fahrtkosten rechnen. Das wird kaum möglich sein. Aber das ist auch nicht unser Anspruch. Es macht einfach Spaß und ich freue mich, wenn es den Leuten gefällt.“

Das Klettergerüst als ein Stück Zeitgeschichte

Nach Veröffentlichung des Kalenders, melden sich immer wieder Leute bei René Langner und geben Hinweise wo sich weitere Gerüste befinden. Neugierig geworden durch die ungeahnte Formenvielfalt recherchiert René Langner mittlerweile auch zunehmend im Internet nach weiteren Fundorten. Auch auf Spielplatztreff.de sind Spielplätze mit Metallgerüsten eingetragen, so wie dieser Spielplatz Haldenweg in Weingarten.

Kletter-Spielplatz in Weingarten
Dieses gut erhaltene und farbenfrohe Metall-Klettergerüst steht auf einem Spielplatz in Weingarten. Foto: Spielplatztreff.de

Bei seinen Recherchen macht René Langner eine interessante Entdeckung: „Zuerst dachten wir ja, das wären DDR-Klettergerüste, weil wir sie aus unserer Kindheit noch genauso in Erinnerung hatten. Doch dann haben wir festgestellt, dass diese Klettergerüste an vielen Orten stehen. Auch im Westen Deutschlands, in der Schweiz und in Osteuropa.“ Ein Spielgeräte-Katalog der Firma Turnmeyer (Hagen) von 1965, auf den René Langner bei seiner Internet-Recherche stößt, zeigt, dass die Metallspielgeräte damals Standard und daher weit verbreitet waren.

Spielgeräte Katalog
In den 60er Jahren waren Metallgeräte Standard, wie das Cover des Turnmeyer Spielplatzgeräte Katalogs von 1965 zeigt, Foto: turnmeyer.de

René Langner würde er sehr gerne mehr über die historischen Hintergründe seiner metallenen Lieblingsstücke erfahren, sagt er. Doch bisher kommt er nicht dazu, sich intensiv mit der Geschichte der Metall-Gerüste zu beschäftigen. „Man findet dazu nicht wirklich viel im Internet und an den Geräten selbst steht ja nichts dran. Man müsste wahrscheinlich versuchen Leute zu finden, die sich damit schon beschäftigen und viel in städtischen Archiven wühlen. Mal sehen, ob ich das in Zukunft mal angehe.“

Erhalten anstatt wegreißen

Es interessiert die meisten Leute gar nicht. Das ist oft wie mit anderen architektonischen Sachen, die einfach weggerissen werden. Und hinterher stellt man fest, es war ja doch gar nicht so schlecht.

René Langner

Die Freude über die immer wieder neuen Fundorte ist groß. Das täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass diese nostalgisch anmutenden Metallgerüste immer seltener werden. Am liebsten würde René Langner alle retten. Er erzählt mir, dass manche Geräte sogar bei Ebay Kleinanzeigen angeboten werden. Er selbst hat jedoch keinen Platz und konnte bisher niemanden seiner Freunde dazu überreden, sich so ein Gerät in den Garten zu stellen.

Der Metallgerüst-Fan bedauert, dass die Städteplanung alte Spielplätze einfach abreißt, wenn Geld für einen neuen Spielplatz da ist. Zu selten wird geschaut, ob noch etwas erhalten werden kann: „Es interessiert die meisten Leute gar nicht. Das ist oft wie mit anderen architektonischen Sachen, die einfach weggerissen werden. Und hinterher stellt man fest, es war ja doch gar nicht so schlecht. Aber dann ist es zu spät. Das wird mit den Spielgeräten, die im Moment angesagt sind, genauso passieren. Die werden gammelig und dann kommt ein neuer Trend.“

Neuer Kletter-Kalender 2022

Im Moment hat Langner alle Hände voll zu tun und konzentriert sich voll und ganz auf seine grafische und fotografische Arbeit. Während der Kletter-Kalender 2021 gerade noch einmal neu aufgelegt wird, weil er schnell vergriffen war, läuft auch die Planung für den neuen Kletter-Kalender 2022 bereits auch Hochtouren. Dafür sammeln die beiden Freunde bereits neue Motive u. a. in Dresden, Neubrandenburg, Hannover… kürzlich waren sie sogar in Gdansk in Polen. Dort entdeckte René Langner dieses wunderbare Kletter-Pferd.

Kletterpferd in Polen
Das Kletter-Pferd gehört zu den Lieblingsklettergerüsten von René Langner und steht in Gdansk in Polen. Foto: René Langner

Rechtspfeil

Wer die Sammelleidenschaft der beiden Freunde unterstützen und ihnen bei der Suche nach weiteren Gerüsten helfen möchte, kann gerne eine E-Mail an René Langner schreiben oder den Spielplatz auf Spielplatztreff.de eintragen.


René Langner, Foto: privat

René Langner (50), zweifacher Vater, arbeitet als studierter Kultur- und Medienpädagoge an einer Freien Schule in Halle. In seiner Freizeit fotografiert er leidenschaftlich gerne und interessiert sich für alles rund um Kultur und Medien. Außerdem arbeitet René Langer ehrenamtlich in verschiedenen Theater- und Kunstvereinen, spielt selbst Improvisationstheater und produziert jede Menge kreativer Ideen.


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