×

TEIL 3: SO SCHAFFT IHR MEHR DRAUSSEN-ZEIT!

Kinder brauchen Natur, um gesund aufzuwachsen. Im hektischen Alltag kommt die jedoch oft viel zu kurz. Hier ein paar Tipps von Biologe und Ökopsychologe Prof. Dr. Jung, wie es gelingen kann, mehr Draußen-Zeit einzuplanen.

Kinder brauchen die Natur, den Wald, Bewegung an der frischen Luft. Foto: Lars Nissen Photoart / pixabay.com

Je früher, desto besser!

Kinder erobern ihre Umwelt konzentrisch. Das heißt, immer ein Stückchen mehr. Zuerst ist es das Bettchen, dann das Zimmer, dann die Wohnung und später die Wohnumgebung. Dabei gehen Kinder mit großer Neugierde und Unvoreingenommenheit an die Sache heran. Auch der Natur begegnen sie mit einem großen Herzen. Kleine Kinder folgen einem begeistert nach draußen oder wünschen sich selbst rauszugehen. Erst bei älteren Kindern, die selten Kontakt zur Natur haben, lässt das Interesse nach, weil sie durch die fehlenden Erfahrungen weniger mit der Natur anfangen können. Deshalb fangt früh an, rauszugehen und gebt eurem Kind regelmäßig die Chance, die Natur kennenzulernen. Und falls ihr es bisher versäumt habt: Mit etwas Zeit und Geduld können auch 10-jährige Kinder und natürlich auch Erwachsene die Liebe zur Natur wiederentdecken.

Fangt mit wenig an!

Es ist wissenschaftlich bewiesen: Im Wald erzielt man die größten Erholungseffekte. Aber im Park stehen in der Regel auch große Bäume, es gibt Büsche, Hügel, vielleicht einen interessanten Spielplatz und mit viel Glück manchmal Wasser. Auch der Garten der Großeltern eignet sich wunderbar, um Draußenspiel zu ermöglichen. Es ist also kein entweder oder, sondern vielmehr zählt: überall draußen ist besser als nichts. Wichtig ist, dass ihr überhaupt anfangt, regelmäßig rauszugehen bzw. eure Kinder zum Spielen nach draußen zu schicken.

Nehmt euch Zeit!

Eltern sollten draußen möglichst viele Zeit einplanen und ihren Kindern ausreichend Zeit lassen, um sich mit der Natur anzufreunden. Gerade wenn Kinder, aber auch Erwachsene, die Natur nicht gewohnt sind, kann es anfangs vielleicht etwas langweilig sein. Aber wenn ihr länger draußen seid, werdet ihr merken: es wird definitiv immer interessanter. In der Natur begegnen einem sehr viele verschiedene Sinneseindrücke, die unser Gehirn alle verarbeiten muss. Ziel ist es also, sich so viel Zeit zu nehmen, dass ihr den Kopf frei kriegt und nicht in Gedanken bei den Dingen seid, die ihr im Anschluss machen wollt.

Sprecht positiv über die Natur!

Natur ist beseelt und Kinder haben durch ihre positive Naivität die enorme Fähigkeit, dass sie das spüren. Sie erkennen, die Naturwesen sind ihnen ähnlich (insbesondere die Tiere) und sie fühlen sich von Beginn an verbunden. Eltern sollten versuchen, ihre eigene anerzogene Naturentfremdung zu überwinden und sich von der angeborenen Neugierde ihrer Kinder anstecken lassen. Wenn Kinder intuitiv mit Käfern und Schnecken reden. Lasst sie das tun und spart euch Sätze wie: „Du bist doch kein kleines Kind mehr!“. Denn die Beziehung, die Kinder zur Natur aufbauen, die Haltung, die sie entwickeln, ist Gold wert. Überzeugungen, die eure Kinder aus eigener Erfahrung sammeln und emotionale Bindungen, die sie entwickeln, sind auch später im Erwachsenenalter nicht zu beseitigen. Sie sammeln von Beginn an, genügend innere Motivation, die Natur zu schützen und zu achten, weil sie ihnen etwas wert ist.


Prof. em. Dr. Norbert Jung ist Biologe und Ökopsychologe und lehrt zum Thema Naturerfahrung und Umweltengagement an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Obwohl im Ruhestand, hält er eine Vorlesung „Ökopsychologie und Ethik“.

 


Lasst eure Kinder machen!

Eltern kontrollieren und erziehen ihre Kinder ständig: „Vorsicht, klettere da nicht hoch! Nicht, das ist zu gefährlich! Igitt, fass das nicht an! Mach dich nicht schmutzig!“ Dadurch werden Kinder im Umgang mit der Natur unsicher, ängstlich und trauen sich immer weniger zu. Oder sie fangen an, sich vor der Natur zu ekeln und haben Sorge, sich dreckig zu machen. Daher solltet ihr mit all diesen Reglementierungen bewusst zurückhaltend umgehen und eure Kinder einfach mal machen lassen.

Macht selbst mit!

Wenn Eltern sich darauf einlassen können, Natur gemeinsam mit ihren Kindern zu entdecken, werden sie schnell merken, wie faszinierend Natur ist und wie viel Spaß es bereitet, Naturerlebnisse zu teilen. Wie wäre es, wenn ihr den Waldspaziergang zu einem Familien-Event macht? Nehmt etwas zu Essen mit und plant ein Picknick im Wald ein. Dann haben eure Kinder gleich doppelt Spaß rauszugehen. Derartige gemeinsame Draußen-Abenteuer stärken übrigens nicht nur die Abwehrkräfte, sondern auch den Familienzusammenhalt.

Tut euch mit anderen Eltern zusammen!

Ideal ist es, wenn Kinder gemeinsam mit ihren Freunden spielen. Zusammen sind sie im Spiel ganz besonders erfinderisch und kreativ. Deshalb tut euch mit anderen Familien zusammen, die auch Interesse daran haben, dass ihre Kinder mehr draußen spielen. Schmiedet konkrete Pläne, wie man zeitgleiche Lücken im Alltag einrichtet und lasst eure Kinder zusammen von der Leine lassen. Wenn ihr Waldnachmittage plant, könnt ihr euch gut mit dem Fahren abwechseln.

Organisiert mediale Auszeiten!

Oft sind Kinder schlapp und kommen müde aus der Schule. Dann halten sie sich natürlich am bequemsten fest und schalten den Computer ein. Erwachsene verhalten sich ja ähnlich. Dennoch ist es Aufgabe der Eltern, die tägliche Bildschirmzeit zu begrenzen und dafür zu sorgen, dass die Geräte zwischendurch auch mal ausgeschaltet werden. Nur so können Freiräume entstehen. Das ist nicht immer einfach und kostet auch Nerven. Aber dafür sind Eltern eben auch da! Übrigens ist das eine gute Gelegenheit, seine eigenen Nutzergewohnheiten zu hinterfragen. Kinder orientieren sich stark am Verhalten ihrer Eltern. Das sollte einem stets bewusst sein.

Spart euch den ein oder anderen Förderkurs!

Nicht wenige Eltern stressen sich, weil sie glauben, frühzeitige Förderung müsse unbedingt sein. Das geht manchmal so weit, dass das Nachmittagsprogramm von Kindern so vollgestopft wird, dass kaum noch unverplante Zeit übrigbleibt. Ein hoher Erwartungsdruck und viel Stress für alle Beteiligten können die Folge sein, psychische Krankheiten inklusive. Warum schicken Eltern ihre Kinder zu all diesen Kursen? Oft steckt die Angst dahinter, dass die Kinder in dieser Gesellschaft untergehen, dass sie nicht gut vorbereitet sind für ihr späteres Berufsleben. Doch hier sagt die Wissenschaft: Wenn Eltern wirklich etwas für die Persönlichkeitsentwicklung und für die berufliche Zukunft ihrer Kinder tun wollen, dann sollten sie sie nachmittags rausschicken oder in den Wald fahren. Gehen Kinder regelmäßig raus zum spielen in die Natur (am besten mit anderen Kindern), können sich Eltern alle Beschäftigungsmaßnahmen für ihre Kinder sparen. Denn die Natur ist am besten für die Persönlichkeitsbildung, sagt auch Prof. Dr. Jung in seinem Interview mit mir.

Checkt eure konkrete Situation!

Welche Draußen-Aktivitäten sich für euch umsetzen lassen, hängt von eurer konkreten Lebenssituation und von eurem Wohnumfeld ab. Beantwortet folgende Fragen

  • Welche Möglichkeiten bietet meine Wohnumgebung?
  • Gibt es einen grünen Park oder einen interessanten Spielplatz in der Nähe?
  • Können meine Kinder Spielorte im Grünen selbstständig erreichen?
  • Gibt es eine Möglichkeit, ohne lange Fahrerei in den Wald zu kommen?
  • Wie lässt sich das organisieren?
  • Welche Eltern in der Nachbarschaft haben ebenfalls Interesse mehr rauszugehen?
  • Ganz wichtig ist auch der Faktor Zeit: Gibt es bereits Freiräume im Alltag?
    Falls nicht, lässt sich daran etwas ändern?

Im Zeitalter der Hetze, ist es nicht so leicht, die Lücke zu finden. Aber wo ein Wille ist, ist bekanntlich ein Weg.

Sortiert eure Prioritäten!

Wer verstanden hat, wie wichtig der regelmäßige Kontakt zur Natur für das gesunde Aufwachsen von Kindern ist und wie sehr auch wir Erwachsenen profitieren, dem gelingt es auch, die dafür nötigen Freiräume zu schaffen. Denn letztendlich ist alles, wofür man sich entscheidet, eine Frage der Prioritäten. Also raus in die Natur und rein in den Wald. Und das bei jeder Gelegenheit. Fangt einfach damit an!

Wie oft schafft ihr es mit euren Kindern rauszugehen oder sie vor die Tür zum Spielen zu schicken? Wie organisiert ihr euch? Habt ihr noch weitere Tipps?

 

Mehr zu dem Thema:

TEIL 1: „KINDER HABEN BOCK AUF NATUR!“ – Interview mit Biologe und Ökopsychologe Prof. Dr. Jung

TEIL 2: NATUR BILDET PERSÖNLICHKEIT! – Diese vielfältigen Fähigkeiten erwerben wir in der Natur

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.