„KINDER SIND DIE WAHREN EXPERTEN“

Spielerisch erobern sich Kinder ihre Welt. Die Pädagogin Evelyn Knecht setzt sich mit ihrem Verein Spiellandschaft Stadt e.V. seit mehr als 30 Jahren in München für eine Umgebung ein, die das zulässt. Dabei hört sie ganz genau hin, was ihr die Kinder mit auf den Weg geben.

Kleine Spielplatzforscher in München

Kinder werden zu Spielforschern und füllen ihre Forscher-Ausweise aus. Foto: Spiellandschaft Stadt e.V.

Frau Knecht, dass Kinder vielfältige Möglichkeiten haben, zu spielen, liegt Ihnen ganz besonders am Herzen. Warum?

Knecht: Die Entwicklung der Kinder ist ganz eng mit ihrem Spiel verknüpft. Das Spiel ist die Art, wie Kinder sich ihre Umwelt aneignen, wie sie an Themen herangehen, wie sie ihre Erfahrungen machen, wie sie mit Dingen, Menschen oder Materialien umgehen. Das ist ja alles im Spiel enthalten. Im Spiel können sie sich selber entfalten und weiter entwickeln. Das heißt, damit sich Kinder gesund entwickeln, müssen wir ihre Umwelt so gestalten, dass sie im Spiel ihre Persönlichkeit entfalten können. Und das gilt natürlich auch für Spielplätze bzw. Spielräume.

Wie wichtig sind dabei die Spielplätze?

Knecht: Spielplätze sind ein wichtiger Ort, an dem sich Kinder treffen und gemeinsam spielen können. Es gibt sicherlich tolle, spannende Spielplätze, wie zum Beispiel der Spielplatz im Weißenseepark in Giesing, der Wasserspielplatz im Westpark, der Spielplatz am Georg-Freundorfer-Platz oder der Spielplatz am Piusplatz.

Wasserspielplatz im Westpark in München. Foto: Spielplatztreff-User "borromaus"

Der Wasserspielplatz im Westpark in München bietet vielfältige Spielmöglichkeiten. Foto: Spielplatztreff-User „borromaus“

Aber Spielplätze dürfen nicht als Einengung gesehen werden, so nach dem Motto: „Geh doch auf deinen Spielplatz! Da hast du zu spielen und woanders nicht.“ Ziel ist es, nicht einzelne Spielplätze isoliert zu betrachten, sondern diese immer auch in ein Spielraumkonzept zu integrieren, also die gesamte Umgebung im Blick zu haben.

Kindern das Weiterziehen an andere Orte durch die Stadt zu ermöglichen, also eine Stadt so zu gestalten, dass Kinder sich selbstständig bewegen und sich ihren (Spiel)Raum selbst erschließen können, das ist mindestens genauso wichtig.

Was tun Sie, um München in eine Spiellandschaft zu verwandeln?

Knecht: Wir begleiten immer wieder Projekte, in denen es darum geht, mit Bewohnern Spielideen umzusetzen. Das müssen nicht die ganz spektakulären Dinge sein, die da entstehen, mal ist es ein Spielhäuschen und ein Schachbrett mit selbst hergestellten Schachfiguren, mal eine Murmelbahn, die die Kinder mit entworfen haben.

Uns ist es ganz wichtig, den Menschen zu ermöglichen, ihre Ideen einzubringen und zu verwirklichen. Und vor allem ist es entscheidend, auf die Kinder zu hören, denn sie sind, aus meiner Sicht, die wahren Experten.

Reproduzieren Kinder, nach ihren Wünschen befragt, nicht eher das, was sie bereits kennen?

Knecht: Zunächst einmal haben Kinder das Fachwissen „spielen“. Deshalb ist es sehr wichtig, die Kinder an diesen Gestaltungsprozessen zu beteiligen. Kinder haben sehr klare Vorstellungen davon, was sie brauchen und wollen und wir unterstützen sie darin, diese zutage zu fördern.

Tatsächlich ist allerdings auch unsere Erfahrung, dass, wenn man Kinder einfach nur befragt, sie bekannte Dinge schlicht reproduzieren. Sie denken: das ist es, was die Erwachsenen meinen und hören wollen. Sie wollen alles richtig machen. Deshalb brauchen sie Anregung und Unterstützung seitens der Erwachsenen. Ganz entscheidend ist hier, mit den Kindern zum Thema zu arbeiten und ihr Blickfeld zu erweitern: weg von den einzelnen Spielgeräten, hin zu den Tätigkeiten, die Kinder gerne ausüben.

Wie arbeiten Sie mit den Kindern?

Knecht: Wir haben schon früh angefangen mit den Kindern Rundgänge im Stadtteil zu machen. Wenn wir also Spielplatz-Beteiligungsprojekte durchführen, dann sind wir oft vor Ort, gehen in die nahegelegene Schule und bauen auf dem Spielplatz unser kleines Forscherbüro auf. Hier können sich die Kinder anmelden, kriegen einen Forscherausweis und beantworten erste Fragen.

Das Forscherbüro der Spiellandschaft Stadt e.V. macht auf einem Münchner Spielplatz Station.

Das Forscherbüro macht auf einem Münchner Spielplatz Station.  Foto: Spiellandschaft Stadt e.V.

Manche Kinder schreiben gerne, andere machen gerne Interviews, wieder andere malen oder fotografieren lieber. Die Kinder können sich zu Forschertouren zusammentun, entweder alleine oder von uns geführt. Dann ziehen sie, mit Kamera und Aufnahmegerät ausgerüstet, los, machen sich Notizen über Dinge, die ihnen wichtig sind, befragen Kinder und Erwachsene, die sie unterwegs treffen und halten ihre Ergebnisse fest, die dann in den Gesprächen mit uns ausgewertet werden.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Die Spielforscher werten ihre ersten Ergebnisse direkt vor Ort aus. Foto: Spiellandschaft Stadt e.V.

Über den Einsatz möglichst unterschiedlicher Methoden erreichen wir viele Kinder und diese schlüpfen mehr und mehr in die Spielrolle als Forscher rein. Darüber eröffnet sich ein breites Themenspektrum und wir erfahren: wo liegt der Fokus der Kinder, wie und an welchen Orten spielen sie, was haben sie schon, was brauchen sie noch und wo sind sie vielleicht an Orten unterwegs, die wir als Erwachsene nicht so geeignet finden?

Und was geschieht mit den Ergebnissen?

Knecht: Die Ergebnisse versuchen wir dann im Interesse der Kinder umzusetzen und das vorhanden Angebot zu optimieren. Zum Beispiel haben wir mal auf diese Weise herausgefunden, dass die Kinder immer in einer Unterführung geskatet sind, die nicht so geeignet war und wo es eigentlich zu gefährlich war. Also war klar, die Kinder brauchen ein Ersatzangebot an einer anderen Stelle. Daraufhin wurde ein Skatepark in der Nähe eingerichtet – erst mobil, um kurzfristig zu reagieren. Später wurde eine feste Anlage installiert, die heute noch steht, die Skateanlage am Wörnbrunner Platz in München Harlaching

Zuerst wurde eine mobile Skateanlage aufgebaut, um kurzfristig handeln zu können. Foto: Spiellandschaft Stadt e.V.

Zuerst wurde eine mobile Skateanlage aufgebaut, um kurzfristig handeln zu können. Foto: Spiellandschaft Stadt e.V.

Diese Skateanlage wurde im Anschluss fest gebaut. Foto: Spiellandschaft Stadt e.V.

Die Skateanlage am Wörnbrunner Platz erfreut sich großer Beliebtheit. Foto: Spiellandschaft Stadt e.V.

Oder wir sind mal mit einem Wasserspielbus zum Weißenseepark gefahren, auf dem Spielplatz dort, hatten sich die Kinder einen Wasseranschluss gewünscht. Durch diesen Einsatz konnten wir zeigen, wie toll das angenommen wird, wie kreativ und intensiv die Kinder mit Wasser plötzlich spielten.

Mit der provisorischen Wasserbaustelle auf dem Spielplatz haben alle Kinder riesigen Spaß. Foto: Spiellandschaft Stadt e.V.

Mit der provisorischen Wasserbaustelle auf dem Spielplatz hatten alle Kinder riesigen Spaß. Foto: Spiellandschaft Stadt e.V.

Da haben wir uns dahinter geklemmt und schließlich erreicht, dass der Spielplatz später einen fest installierten Wasseranschluss bekam. Inzwischen steht die ursprünglich installierte Wasserspielanlage nicht mehr, da diese im Zuge der Neugestaltung der gesamten Parkanlage durch eine neue attraktivere Anlage ersetzt wurde – übrigens auch hier waren wir wieder mit den Spielforschern beteiligt.

Mit dieser Wasserspielanlage haben die Kinder bis vor 2 Jahren im Weißenseepark gespielt. Foto: Spiellandschaft Stadt e.V.

Mit dieser Wasserspielanlage haben die Kinder bis vor 2 Jahren im Weißenseepark gespielt. Foto: Spiellandschaft Stadt e.V.

Auf dem Spielplatz im Weißenseepark steht jetzt eine besonders robuste Wasserspielanlage. Foto: Spiellandschaft Stadt e.V.

Auf dem Spielplatz im Weißenseepark steht jetzt eine besonders robuste Wasserspielanlage. Foto: Spiellandschaft Stadt e.V.

Sie bleiben also am Drücker…

Knecht: Genau, und das ist auch wichtig. Denn solange sich niemand beschwert, ist alles okay. Wenn aber plötzlich das Bedürfnis laut und sichtbar wird, reagiert man doch eher mal. Das funktioniert in anderen Bereichen unserer Gesellschaft ja ähnlich. Deshalb ist das politische Engagement ein wesentlicher Aspekt unserer Arbeit.

Und wie verschaffen Sie sich politisches Gehör?

Knecht: In München gibt es eine Spielraumkommission. Dort arbeiten seit Jahren Vertreter aus Politik, Verwaltung, freie Träger und wir zusammen und sorgen mit dafür, dass die Themen „Spiel“ und „Spielraum“ in der Stadtplanung fest verankert sind.

Unsere Kapazitäten reichen zwar nicht aus, um flächendeckend für die ganze Stadt München zu arbeiten. Aber punktuell sind wir dabei, wenn es darum geht, Spielräume zu entwickeln und zum Beispiel an Modellprojekten aufzuzeigen, was sinnvoll ist und was nicht, und eben in Gremien auch thematische Schwerpunkte zu setzen.

Entscheidend ist es, bereits in die Planungsprozesse mit reinzukommen und interdisziplinär zusammenzuarbeiten – mit Planern, Pädagogen und auch mit den Bewohnern vor Ort.

Können auch Eltern ihre Kinder unterstützen?

Knecht: Ja, das wäre sinnvoll. Ich finde es manchmal ein bisschen schwierig, wenn Eltern bei der Projektarbeit mit den Kindern für ihre Kinder das Wort ergreifen. Besser wäre es, wenn Eltern während der Beteiligungsverfahren eher ihre Kinder ermutigen würden, sich einzubringen, mitzumachen, ihre Meinung zu äußern. Und im Anschluss daran könnten sie dann auf ihren Ebenen Lobbyarbeit für ihre Kinder machen, indem sie die Wünsche ihrer Kinder mit Nachdruck bei den Verantwortlichen einfordern.

Eine tolle Möglichkeit für Eltern, sich einzubringen, ist es auch, sich als Spielplatzpate zu engagieren. Mittlerweile gibt es über 70 ehrenamtlichen Spielplatzpaten in München, die wir betreuen und die vor Ort gucken, welche Anliegen, Wünsche und Nachfragen es auf dem Spielplatz gibt und sich darüber auch sehr konkret für die Interessen der Kinder einsetzen können.

Vielen Dank an Evelyn Knecht für das interessante Gespräch. Wir wünschen weiterhin viel Erfolg mit der Arbeit Ihres Vereins. Ein tolles Engagement, das vielleicht auch in anderen Städten Nachahmer findet.

evelyn-knecht_120Evelyn Knecht, Pädagogin, gründet vor fast 30 Jahren den Verein Spiellandschaft Stadt e.V.. Ursprünglich wollte sie nach ihrem Studium „nur in die Praxis rein schnuppern“. Doch dann fällt ihr auf: Obwohl alle dasselbe wollen, gibt es kaum Berührungspunkte, Vernetzung muss her. Mittlerweile ist sie Geschäftsführerin des Vereins, in dem heute über 100 Einrichtungen und Akteure miteinander vernetzt sind und sich für das Thema Spielen und Spielräume in München stark machen.

 

Das könnte dich auch interessieren:

OHNE ZAHNSTOCHER UND KREPPPAPIER – Beteiligungsverfahren via Internet

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Nachgefragt abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.