DIE VERSCHWÖRUNG ZUR ABSCHAFFUNG DES RISIKOS

Die selbstbestimmte Entdeckerlust der Kinder in der freien Natur schwindet zusehends. Warum uns das Beunruhigen sollte und warum vor allem wir Erwachsene umdenken müssen, hat uns Dr. phil. Andreas Weber, der bekannte Buchautor, Journalist und Biologe, im Interview erzählt. 

Kinder spielen in der Natur im Park am Gleisdreieck, Foto: Irma Stopka, Stiftung Naturschutz

Kinder spielen in der Natur im Park am Gleisdreieck, Foto: Irma Stopka, Stiftung Naturschutz

Herr Weber, Sie haben sich intensiv mit der Frage beschäftigt: Wie wichtig ist die Verbindung zwischen Kind und Natur? Wie lautet Ihre Antwort?

Weber: Das Kind ist selber eine Kraft der Natur, wenn wir die Natur als einen Prozess verstehen, der ständig neue kreative Verbindungen schafft. Wenn ein Kind beim freien Spielen in der Natur diese schöpferischen Kräfte in ihm selbst und in anderen Wesen aktiv erleben darf, hat seine Fähigkeit, der Welt auf produktive Weise zu vertrauen, eine Chance, sich zu entwickeln.

Natur ist nicht heil, aber lebendig – und damit so wie wir selbst. Durch diese Wechselwirkung kann ein Kind in der Natur seine Identität auf eine positive Weise ausbilden, also innerlich wachsen. Insofern macht sie seelisch gesund. Im Kontakt zu Bäumen, Wiesen und Tieren werden solche Dimensionen der eigenen humanen Identität gespiegelt, die sich nicht in Konzepten, Verhaltensprogrammen oder Gleichungen erfassen lassen, sondern die ein Kind nur erleben kann. Die Natur „antwortet“ auf tiefer existentieller Ebene und bindet den, der mit ihr in Kontakt tritt, in das gemeinsame Reich des Lebendigen ein.

 

Haben Großstadtkinder an diesem Punkt schon verloren?

Weber: Nein. Denn damit meine ich nicht, dass ein Kind eine perfekte Naturumgebung braucht, um auf schöpferische Weise seine Identität zu erfahren. Kinder können auch in der Großstadt wunderbar spielen, wenn man sie lässt und ihnen die Freiheit gibt, zu gestalten und zu experimentieren, weil Kinder (wie alle Menschen) in ihrer imaginativen Fantasie Natur sind. Die entscheidende Frage lautet also: Gestatte ich meinen Kindern eine schöpferische Kraft dieser Welt zu sein?

 

Wollen Kinder überhaupt noch raus auf Entdeckungstour? Vielleicht sitzen die meisten lieber vor dem Computer?

Weber: Nein, nicht unbedingt. Natürlich möchten Kinder gerne Computer spielen. Das ist klar. Aber sie möchten auch gerne draußen spielen und auf abenteuerliche Erkundungstour gehen, dieser natürliche Suchtrieb ist in die Kinder eingebaut. Untersuchungen wie etwa der Jugendreport Natur von 2010 zeigen, dass mehr als zwei Drittel aller Kinder davon träumen, in freier Wildbahn zu spielen. Zugleich fällt ihnen das immer schwerer – und wird ihnen auch immer schwerer gemacht.

Es fehlt auch inzwischen die Kulturtradition für das gemeinsame Draußensein, sie wird in den Peergroups nicht mehr vermittelt. Deshalb kommt die Abenteuerlust im Freien tatsächlich in der heutigen Welt nicht mehr so richtig zum Tragen. Wohingegen die Kulturtradition für das Computerspielen über die Peergroups weitergetragen wird.

 

Kein Wunder, Kinder können heute nicht mehr jederzeit mit ihren Freunden raus, wie es früher üblich war…

Weber: Das stimmt. Kinder sind natürlich durch Schule, Nachhilfe, Musikschule, Sportkurs etc., den größten Teil des Tages bereits verplant. Der Verkehr rollt pausenlos, überall finden Kinder in Grünanlagen „Betreten verboten“ Schilder.

Das Betreten dieser Berliner Rasenfläche ist verboten. Foto: Andreas Weber

Das Betreten dieser Berliner Rasenfläche ist verboten. Foto: Andreas Weber

Ein großer Nachteil dieser Welt ist natürlich auch die Vereinzelung. Man wohnt für sich alleine, man trifft sich nicht mehr zufällig draußen zum Spielen, wie es früher der Fall war. Und – vielleicht die größte Schwierigkeit – Kinder haben besorgte Eltern an ihrer Seite, die nicht viel von abenteuerlichen Entdeckungstouren halten, sondern ihre Kinder sicherheitshalber nicht aus den Augen lassen und von A nach B fahren. Klar, dass dann bunte Medienwelten die Kinder verstärkt in ihren Bann ziehen.

Ich verteufle das Spielen am Computer übrigens nicht total. Dafür habe ich inzwischen viel zu viel Ahnung davon und weiß, es gibt viele berechtigte Gründe für die Faszination der digitalen Medienwelten. Ich kann verstehen, dass Kinder diese so anziehend finden. Mein Sohn, der eigentlich ein totaler Tier- und Naturfan ist, hat im Moment zum Beispiel voll auf Datenwelt geschaltet. Er spielt mit seinen Freunden gemeinsam am Computer und die sind dann über Skype miteinander vernetzt. Das hat auch sehr viele schöpferische und soziale Komponenten, man müsste blind sein, um das nicht zu sehen. Ansonsten vertraue ich vollkommen darauf, dass die Zeit kommt, in der mein Sohn von seinen früheren Erfahrungen in der Natur profitiert.

Es geht um Vielfalt, nicht um Ausschließlichkeit. Nicht: Computer weg und raus in die Natur, sondern es geht darum nicht zu vergessen, dass draußen eine Form von Realität auf uns wartet, an die sich unsere biologische und darum auch seelische Bauart seit Jahrhunderttausenden angepasst hat, und die darum für uns voller Kreativität und spannender Abenteuer steckt.

 

Was muss geschehen, damit Kinder wieder mehr draußen spielen?

Weber: Mehrere Dinge: Vor allem möchte ich Kinder dazu ermuntern, der inneren Stimme zu gehorchen und im Zweifelsfall ein paar Regeln zu brechen. Meine wichtigste Botschaft an sie lautet: Ihr seid okay so wie ihr seid mit euren Bedürfnissen. Die Verpflichtungen von außen sind nicht so wichtig, wie eure Lust an der Erkundung, am Ausprobieren, auch am mal Scheitern, an der Freiheit und an euren eigenen schöpferischen Fähigkeiten. Das was ihr in euch drin spürt, als Impuls spielerisch die Welt zu erfahren, dem könnt ihr absolut vertrauen. Das ist wichtiger als irgendein Verbotsschild und die Hausaufgaben für morgen. Übermorgen fragt sowieso keiner mehr danach. Eure Eltern, die Schule, die Behörden sind im Unrecht, wenn sie euch in eurer Abenteuer- und Entdeckerlust bremsen.

 

Klingt gut, aber die Erwachsenen sitzen letztendlich doch am längeren Hebel…

Weber: Deshalb müssen vor allem auch sie umdenken. Erwachsene, die mit Kindern beschäftigt sind, sollten diesen mehr Freiheit lassen. Und sie sollten sie nicht so stark davor bewahren, zu scheitern, sondern vielmehr Situationen ermöglichen, die das Scheitern auch als Option anbieten. Das Sichern und Schützen passiert natürlich aus besten Absichten für das Kind. Aber wir verkennen dabei, was das wirklich Beste für das Kind ist, weil wir übersehen, dass das Beste einen Preis hat, nämlich, dass auch mal etwas schief gehen muss, um zu verstehen und zu begreifen. Indem wir Risiko zu hundert Prozent zu verhindern suchen, blockieren wir die Erfahrung einer selbstbestimmten fantasievollen Existenz. Das hängt meiner Meinung nach miteinander zusammen. Man kann nicht die totale Kontrolle haben und gleichzeitig eine produktive Identität. Das geht nicht.

 

Vor diesem Hintergrund dürfte auf den hoch gesicherten Spielplätzen wenig Schöpferisches passieren…

Weber: Ja, leider. Kinder mögen zwar Spielplätze, aber die mögen sie zehn Minuten und dann wird’s langweilig. Ein paar elementare Bewegungsgeräte, wie Schaukel oder Reckstangen, sind zwar gut, aber das reicht nicht aus. Der beste Spielplatz wäre ein Ort, an dem ganz viel Material, wie Bretter, Seile, Äste und Sand liegt, mit dem man die Welt verändern kann. Hier könnten Kinder schöpferisch tätig sein und ihre Umgebung gestalten. Es hat sich immer wieder gezeigt, dass Kinder nur das Material brauchen, keine Anleitung, was sie damit machen sollen. Das fällt ihnen von ganz allein ein.

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Im Park am Gleisdreieck können Kinder mit losen Materialien spielen. Foto: S. Rank, Stiftung Naturschutz

Aber wenn man in Wirklichkeit einen solchen Spielplatz bauen würde, müsste man alles rund um die Uhr dirigieren und im Auge behalten. Sonst wäre gleich das Ordnungsamt zur Stelle und würde das entstandene Risiko bannen.

Und obwohl Kinder, wenn man sie fragt, selbst sagen, es müsse ein bisschen riskant sein, damit es Spaß macht und interessant wird, findet genau an diesem Punkt zwischen allen Erwachsenen – Eltern, Pädagogen, Behörden, der Industrie, die die Sicherheitssysteme herstellt – die Verschwörung zur Abschaffung des Risikos, statt. So ist diese Welt total langweilig und dann wirkt die Bildschirmwelt mit den schier unendlichen Möglichkeiten deutlich spannender.

 

Sie plädieren also für ein deutliches Mehr an Risiko?

Weber: Ich plädiere vor allem dafür, zu akzeptieren, dass Risiko zur Lebendigkeit gehört. Es geht nicht darum, den gefährlichen Kick zu favorisieren, sondern Offenheit, Ungewissheit und Unplanbares zuzulassen. Daran musste ich mich bei meinen eigenen Kindern auch erst langsam gewöhnen.

Max - der Sohn von Andreas Weber - klettert auf sein selbst gebautes Meisterwerk. Foto: Andreas Weber

Max – Andreas Webers Sohn – klettert auf sein selbst gezimmertes Baumhaus. Foto: Andreas Weber

Ein Beispiel: Mein Sohn hat mal mit neun oder 10 Jahren zusammen mit seinen Freunden während einer Osterferien-Woche ein Baumhaus gebaut. Ich habe ihm den Schuppenschlüssel gegeben und habe gesagt: Mach was du willst. Und dann haben die Kinder ein Baumhaus gebaut. Natürlich kamen mir auch oft die Zweifel, ob ich dieses oder jenes Risiko eingehen kann. Aber immer wenn ich so ein bisschen vorsichtiger war, haben meine Kinder mir gesagt: „Wieso glaubst du eigentlich, dass wir das nicht können. Wir können für uns sorgen und auf uns aufpassen.“

Erwachsene haben oft die Vorstellung, Kinder sind doof und man muss ihnen alles beibringen, weil sie nichts von allein können. Das ist diese Schulidee. Aber Kinder sind überhaupt nicht doof. Spätestens sobald sie aus dem Kleinkindalter raus sind, kann man sie alleine entscheiden lassen, was sie machen wollen. Auch vorher wissen sie meist, was gut für sie ist. Wir kommen mit einer perfekten Intuition für unsere Bedürfnisse auf die Welt. Meine Erfahrung ist: Die können das dann. Es sind wir Erwachsenen, die zweifeln und glauben, dass Kinder etwas nicht können. Und erst durch diesen Zweifel verhindern wir wirklich, dass sie es schaffen.

 

Einerseits trauen wir Kindern weniger zu, aber andererseits erlernen Kinder bestimmte Fähigkeiten gar nicht mehr, weil sie nie die Chance dazu hatten.

Weber: Das ist der klassische Teufelskreis, den Sie beschreiben. Wenn Kinder nie die Möglichkeiten haben, mit Risiken umzugehen, gefährliche Dinge zu tun, dann ist es sogar gerechtfertigt Angst zu haben, weil man nicht weiß, wie die Kinder das beherrschen. Das macht es ja so gefährlich.

Jedes Kontrollverhalten ist selbstverstärkend und erfordert mehr Kontrolle. Insofern muss man früh anfangen und etwas riskieren. Und riskieren heißt eben nicht nur zu sagen, mein Kind darf jetzt im Garten spielen und ich gucke nicht hin. Ich muss ihm auch zugestehen, dass es alleine in den Wald gehen darf und dafür auch über die Straße muss. Deshalb lautet meine Botschaft an alle Eltern: Habt mehr Vertrauen. Habt weniger Angst. Lasst mehr Freiheit zu. Versucht weniger zu kontrollieren.

Vielen Dank, Herr Weber, für dieses inspirierende Gespräch.

 

Andreas_Weber_200Dr. phil. Andreas Weber, Jahrgang 1967, ist Buchautor, Journalist, Politikberater, Biologe und Philosoph. Sein GEO-Artikel „Lasst uns raus“ wurde mit dem Deutschen Reporterpreis 2010 ausgezeichnet. Sein Buch Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur wurde ein Bestseller. Andreas Weber lebt mit seinen zwei Kindern Max und Emma in Berlin und in Varese, Ligurien.

 

Einige Bücher von Andreas Weber:

mehr-matsch-weberMehr Matsch!: Kinder brauchen Natur
(2012)

 
 
 

quatsch-matsch-buch-weberDas Quatsch-Matsch-Buch:
Das Aktionsbuch: großstadttauglich und baumhausgeprüft
(2013)

 
 
 
lebendigkeitLebendigkeit. Eine erotische Ökologie
(2014)

 
 
 

Healing Ecology: Finding the Human in Naturehealing-ecology
(erscheint im Feb. 2016)

 
 
 

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2 Antworten auf DIE VERSCHWÖRUNG ZUR ABSCHAFFUNG DES RISIKOS

  1. Bettina Bettina sagt:

    Vielen Dank, Nicole, für deinen Kommentar. Mir geht es ähnlich wie dir, irgendwie macht man sich immer Sorgen… Aber TROTZDEM lässt du deine Kinder alleine raus zum Spielen und gibst ihnen die Freiheiten, die sie brauchen, um Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. Das find ich gut und wichtig! Stimmt, ein paar mehr Kinder auf einen Haufen könnten dabei nicht schaden 😉

  2. Nicole sagt:

    Ich bin Mutter von 2 Kindern (6 und 8 Jahre alt). Und gehöre zu den ewig besorgten Eltern, die sich ständig fragen, ob auch nichts passieren kann. Wir wohnen mitten in der Großstadt mit ein paar Spielplätzen in der Nähe, die meine Kinder am Wochenende nach eigener Wahl aufsuchen dürfen, alleine! Zeitlich auf ein paar wenige Stunden begrenzt, aber ohne Vorgabe, wo sie sich aufzuhalten haben, ohne Handy, ohne Kontrolle.
    Ich bin im selben Viertel groß geworden und war ständig draußen unterwegs. Ich habe es geliebt, tun meine Kinder übrigens auch. Und wer wäre ich, würde ich meinen Kindern diese wertvollen Erfahrungen verwehren. Schade ist, dass kaum bis gar keine anderen Kinder alleine unterwegs sind. In der Gruppe, würden sie noch mehr aufeinander aufpassen können und schon bräuchte man sich als Elternteil nur halb so viele Sorgen zu machen…

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