KONFLIKTE AUF DEM SPIELPLATZ GEHÖREN DAZU

Katharina Saalfrank, vierfache Mutter, Diplompädagogin und bekannt aus der RTL Sendung „Die Super Nanny“ kennt die Zutaten für einen entspannten Spielplatz-Besuch: Eine Portion Gelassenheit und eine „gute“ Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Auch Konflikte gehören dazu. Das wollten wir genauer wissen…

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Katharina Saalfrank, Dipl. Pädagogin, bekannt aus der RTL Sendung „Die Super Nanny“


Frau Saalfrank, was ist ein guter Spielplatz?

Saalfrank: Ein guter Spielplatz ist ein Platz, wo Eltern sich zurücklehnen und entspannen können, weil sie für diese Spielzeit quasi überflüssig werden und sich aus dem Hintergrund an ihren Kindern freuen können.

Ein guter Spielplatz ist ein Platz, an dem Kinder sich frei bewegen, spielen, explorieren und sich ausprobieren können, ohne dass sie ständig auf Unterstützung von Eltern zurückgreifen müssen.

 

Also haben Sie früher bei Spielplatz-Besuchen eher abseits auf der Bank gesessen, anstatt Ihre Kinder beim Spielen zu begleiten?

Mal so, mal so. Das eine schließt ja das andere nicht aus. Kinder wollen eigenständig sein und gehen neugierig in die Welt – ab und zu brauchen sie dabei Rückversicherung auch Unterstützung und natürlich auch gemeinsames Spiel mit Mama oder Papa, wenn mal kein Spielfreund da ist.

Aber grundsätzlich bin ich der Meinung: Elternschaft heißt nicht, permanent in Habachtstellung zu sein und misstrauisch jeden Schritt zu beäugen. Elternsein heißt auch mit Begeisterung und Freude zu sehen, wie wunderbar sich unsere Kinder ohne unsere ständigen Bemühungen und unser unermüdliches elterliches aktives Zutun entwickeln und ins Leben gehen.

 

Das klingt toll, hilft aber nur begrenzt weiter, wenn sich zwei Kinder um Schaufel und Eimer streiten und handgreiflich werden. Dann werden wir Eltern nervös…

Vielleicht hilft das weiter: Kleine Kinder entdecken erst noch die Bedeutung von „dein“ und „mein“ und dass sie drauf bestehen, dass sie etwas haben, das nur ihnen gehört und sie selbst entscheiden können, ob sie es abgeben oder auch nicht, kann ich nicht nur gut nachvollziehen sondern ist auch ein wichtiger Schritt – das gehört zur Entwicklung dazu.

Wichtig finde ich in dem Fall, als Eltern die Grenze nicht von außen zu setzen, sich also nicht nur auf einfache Verhaltensregeln im Umgang miteinander zu verständigen. Wenn in einer solchen Streitsituation die Eltern ihrem Kind die Schippe aus der Hand reißen, es ausschimpfen, das Verbot bekräftigen und nochmal verbieten mit der Schippe zu hauen, haben die Eltern zwar eine Grenze von außen gesetzt – konstruktiv und wertschätzend dem Kind gegenüber ist es jedoch nicht. Denn die Botschaft der Eltern zum eigenen Kind lautet: Ich will, dass du meine Grenze respektierst, deine aber überschreite ich – sie ist weniger wert, als meine! Kinder haben eigene Grenzen, die nicht verletzt werden sollten, davon ist nur selten die Rede. Die Frage ist also: Wie können wir Grenzen setzen ohne die persönlichen Grenzen der Kinder zu verletzen?

 

Und was ist mit der Grenze des gehauenen Kindes?

Die deutlich zu machen ist auch wichtig. Meist machen die Kinder das ja selbst eben, in dem sie sich dann gegenseitig hauen. Der eine beginnt und der andere haut zurück. Die Frage ist also, wie können wir uns positionieren ohne die Grenze des anderen zu verletzen? Umso wichtiger ist es, dass wir Eltern da Alternativen zeigen und nicht nur Verbote aufstellen.

Die Grenzen, die ich meine sind das, was jeder Mensch für sich selbst setzt. Und zwar nicht, um den anderen einzuschränken oder zu begrenzen, sondern um die eigene Haltung deutlich zu machen. Es geht eben nicht darum, dass wir Zäune aus Maßregelungen flechten (Gib deine Spielsachen ab!), dass wir Kinder „eingrenzen“ (Du darfst nicht hauen!) oder dass wir Wände aus elterlichen Verboten bauen (schubsen tut man nicht!).

Vielmehr ist es wichtig, dass wir Erwachsenen uns unserer eigenen Grenzen und Haltungen bewusst werden. Damit wir selbst wissen, was wir wollen, und damit wir das dann auch vertreten können. Die Kinder erleben Grenzen dann dadurch, dass Eltern sich positionieren: „Ich möchte nicht, dass du haust. Was ärgert dich so?“ Oder: „Wenn du schubst, dann kann sich der andere verletzen. Das will ich nicht!“

 

Wir müssen also unsere eigenen Grenzen für Kinder sichtbar machen?

Genau. Und uns selbst damit auch zeigen, also persönlich werden und authentisch sein. Denn so erfahren Kinder: Der andere hat an dieser Stelle eine Grenze und schlussfolgern daraus: Auch ich habe also Grenzen und darf diese (nach dem Vorbild meiner Eltern) deutlich machen. Wenn sich zum Beispiel ein Kind ständig an der Rutsche vordrängelt und ich das nicht möchte, ist hier meine Grenze erreicht und ich muss das mit dem Kind klären. Menschen und ihre Grenzen werden für andere übrigens auch durch das Äußern ihrer Gedanken und dem Zeigen ihrer Emotionen sichtbar.

 

In Ihrem aktuellen Buch schreiben Sie, die herkömmliche Erziehung hat ausgedient. Warum?

saalfrank_das-ende-der-erziehungDie herkömmliche Erziehung ist ein Konzept, ein Modell und ist entstanden, weil die Menschen dachten, dass Kinder „unfertig“ auf die Welt kommen und erst zum Mensch werden durch Erziehung. Außerdem gab es keine Kindheit und so mussten Kinder sehr früh in die Erwachsenenwelt eingeführt und angepasst werden.

Heute wissen wir es besser. Die Forschungen belegen, dass Kinder mit vielen Fähigkeiten und Kompetenzen schon auf die Welt kommen und die Kindheit als Entwicklungszeit ist auch vorhanden. Wir können uns also trauen, unser Konzept von Erziehung zu überdenken. In meinem Buch lade ich den Leser ein, den Blickwinkel zu verändern und die herkömmliche Erziehung zur Seite zu stellen, um Anderes auszuprobieren.

 

Was macht Ihr neues Konzept aus?

Also, so neu ist es nicht – aber für viele gewöhnungsbedürftig. Der eigentliche Kernpunkt ist, dass es nicht um Erziehung im herkömmlichen Sinne geht, sondern dass wir vor allem eine positive, stabile Beziehung zu unseren Kindern entwickeln. Also nicht die Durchsetzung unserer Ziele in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Beziehung zum Kind in den Mittelpunkt zu rücken.

Eine gute Basis zwischen Eltern und Kindern ist ein Verhältnis, welches auf einer vertrauensvollen und offenen Beziehung basiert, in der jeder mit seinen Bedürfnissen und Wünschen gehört wird. Mir geht es also um die Qualität der Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Darauf sollten wir das Augenmerk legen.

 

Kommt die Beziehung zwischen Eltern und Kindern in der herkömmlichen Erziehung zu kurz?

Eine Beziehung haben Eltern ja immer zu ihren Kindern, egal was sie tun. Aber in der Erziehung wird die Beziehung oft belastet. Kontrolle, Bevormundung, Strafen führen dazu, dass oft beide, Eltern und Kinder, unglücklich zurückbleiben. Das Erziehungsziel, dass Kinder vor allem gehorsam sein sollen, verfolgen viele Eltern heute nicht mehr. Sie wollen, dass Kinder glücklich, eigenständig und selbstbewusst aufwachsen können. Das gelingt, wenn Eltern eine konstruktive, gleichwertige Beziehung zu ihren Kindern eingehen können.

„Erziehung“ ist ein Wort, das stets ein Adjektiv mit sich führt: gute Erziehung oder eben schlechte Erziehung. Durch diese Wertung fühlen auch wir Eltern uns angesprochen. Sind wir „gute Eltern“, dann sind die Kinder gut erzogen. Wenn die Kinder als „schlecht erzogen“ wahrgenommen werden, dann sehen wir als Eltern uns auch dieser negativen Bewertung ausgesetzt. Das macht viel Druck bei Eltern.

 

Fühlen sich Eltern deshalb unwohl in Konfliktsituationen auf dem Spielplatz?

In einer positiven, konstruktiven Beziehung sind sich Eltern und Kinder nah. Auf dieser Basis können sie Konflikte gut miteinander klären. Wenn wir uns das schon mal klar machen, hilft es uns vielleicht, den eigenen Stress zu reduzieren. Häufig fehlt uns im Alltag  die Gelassenheit. Dauernd fühlen wir uns gefordert, dabei gibt es für Eltern nicht ständig etwas zu tun. Wir dürfen uns auch mal entspannt zurückzulehnen und unseren Kindern und deren Entwicklung mit Genuss zuschauen.

Logo Saalfrank FamiliensprechstundeAuf ihrer eigenen Beratungsplattform „Familiensprechstunde“ bietet Katia Saalfrank Online-Video-Coaching in Form einer pädagogischen Sprechstunde an. Die richtet sich an jeden, der Fragen rund um das Familienleben hat und /oder sich selbst in einer Krise befindet.

 

Also mehr Gelassenheit in konkreten Konfliktsituationen?

Natürlich sind Gefühle im Spiel, zum Beispiel ärgern wir uns doch meist gerade in Konfliktsituationen über etwas. Ich meine nicht, dass wir uns gegenseitig mit „Samthandschuhen“ anfassen sollten. Im Gegenteil: Authentisch sein und sagen, was wir denken und fühlen, das macht Eindruck auf den Anderen, das bringt uns in Austausch miteinander. Aber gleichzeitig eben auch wissen, dass das wichtige Entwicklungen sind.

Der Weg ist das Ziel und in den Konfliktsituationen erfahren wir über den Anderen und uns selbst eine Menge – ohne das geht es schlicht nicht, es gehört mit zum Beziehungsalltag dazu und ist wertvoll.

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

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