DER SPIELPLATZ ALS BÜHNE

WIE DER SPIELPLATZ UND UNSER VERSTÄNDNIS FÜR KINDERERZIEHUNG ZUSAMMENHÄNGEN

Ein Gastbeitrag von Dr. Darijana Hahn-Lotzing.

Darijana Hahn-Lotzing

Dr. Darijana Hahn-Lotzing, Kulturwissenschaftlerin aus Hamburg

In meinem ersten Beitrag „WIE ERLEBEN ELTERN IHREN SPIELPLATZBESUCH?“ hatten, bis auf den Typ „verweigernd“, die vier anderen Typen „selbstverständlich“, „positiv“, „enttäuscht“ und „abgrenzend“ eines gemeinsam: Die Eltern sind auf den Spielplatz gegangen, weil ihre Kinder an der frischen Luft unter anderen Kindern spielen sollten.

Es scheint also nur logisch, dass es Spielplätze gibt.  Spielplätze sind jedoch viel mehr als eine logische Selbstverständlichkeit. Spielplätze sind eine Art „Bühnenbildner“, die auf Kinder, Mütter und Väter erzieherischen Einfluss nehmen.

Das zeigt sich an der Geschichte des Spielplatzes. Diese beginnt in einer Zeit, von der wir heute meinen, dass Kinder noch lange unbeschwert auf der Straße hätten spielen können. „Über Spielplätze für kleine Kinder“ heißt ein Aufsatz, der vor über 200 Jahren, 1793, in Berlin veröffentlicht wurde. Darin fordert der Theologe Peter Villaume, dass es in den Städten verzäunte Plätze geben soll, auf denen die Kinder geschützt sind vor „Pferden, Wagen und Hunden“ und auf welchen den Kleinen Spiele vorgeschlagen werden sollten. Geschützt vor äußeren Gefahren sollten die Kinder auf dem Spielplatz insbesondere auch vor der falschen Behandlung der Eltern in Schutz genommen werden. Von Personen beaufsichtigt, „die gelernt haben, wie man Kinder zu behandeln hat“, sollten sich darüber hinaus die Kinder verschiedener Gesellschaftsstände auf dem Spielplatz mischen.

Das 19. Jahrhundert war geprägt von einem großen Umbruch:  So sorgte die Französische Revolution von 1789 mit ihrer Maxime „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ dafür, dass sich die bis dahin starre, adlige Ständegesellschaft nach und nach in eine bewegliche, bürgerliche Leistungsgesellschaft wandelte. Nun waren Lebenswege nicht mehr allein schicksalshaft vorgegeben. Vielmehr lag es jetzt theoretisch an jedem selbst, was er aus seinem Leben zu machen verstand – sofern er die richtige Erziehung genossen hatte. Und über die richtige Erziehung machten sich in dieser Zeit zahlreiche Menschen Gedanken.

Jean-Jacques Rousseau: "Émile oder Über die Erziehung"

Jean-Jacques Rousseau: "Émile oder Über die Erziehung", der 1762 erschienene Erziehungsratgeber hat zahlreiche Pädagogen beeinflusst

Angeregt durch den bis heute zeitlosen, 1762 erschienenen Erziehungsratgeber „Emile oder über die Erziehung“ von Jean-Jacques Rousseau forderten Pfarrer und Ärzte Mütter nicht nur dazu auf, ihre Kinder vermehrt selbst zu stillen, sondern ihnen auch mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Und ein Einsehen dafür zu haben, die Kinder dorthin zu bringen, wo sie entsprechende, Kind gerechte, Erziehung, erfahren würden.

Der Begriff „Spielplatz“ bedeutet zu Beginn nichts anderes als ein Platz, auf dem Kinder gezielt zusammen gebracht wurden, um dort zu spielen. Über Ausstattung erfährt man in diesen frühen Beschreibungen kaum etwas.

Die uns heute gewohnte Spielplatz-Ausstattung mit Geräten hat dabei zwei „Väter“: Da sind zum einen die vom Turnvater Jahn entwickelten Turngeräte wie Reckstange und Klettergerüst, die zur ertüchtigenden Bewegung auffordern sollen. Und  die einst adligen Vergnügungsgeräte wie Schaukel und Karussell, die im 19. Jahrhundert einerseits Karriere auf dem Jahrmarkt machten und andererseits Einzug auf dem Kinderspielplatz hielten.

Hinweisschild historisches Karussell

Das Hinweisschild „Historischer Spielplatz“ im Blühenden Barock in Ludwigsburg führt zu einem Karussell, das einst nur Adligen zum Zeitvertreib diente, Foto: Hahn-Lotzing

Als sich Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr Bürger-Initiativen in ihren Städten für die Anlage von Spielplätzen stark machten, ging es jedoch erst mal hauptsächlich um den freien Platz, auf dem Spiele abgehalten werden konnten, also eher um das, was wir heute als Sportplatz bezeichnen würden.

Spielplatz als Sportplatz

Bis in die 30er Jahre bezeichnete man Sportplätze auch als Spielplatz, hier in Hamburg-Hamm, Foto: Hahn-Lotzing

Das Spielen der Kinder im Sande

Das Buch "Das Spielen der Kinder im Sande" von Hans Dragehjelm ist ein frühes Grundlagenwerk zum Thema Spielplatz

Um die Jahrhundertwende gab es auch schon zahlreiche Kleinkinderspielplätze, die hauptsächlich aus Sandflächen bestanden. Das geht aus dem 1909 veröffentlichten Buch „Das Spielen der Kinder im Sande“ vom dänischen Sozialpolitiker Hans Dragehjelm hervor. Seine deutschlandweite Spielplatzuntersuchung zeigte damals, dass zahlreiche deutsche Städte von Arnstadt bis Zwickau bereits Kinderspielplätze angelegt hatten.

Besonders interessant ist Dragehjelms Kritik, die Mütter unternähmen zu wenig, um ihre Kinder tatsächlich auf den Spielplatz zu schicken bzw. zu begleiten. Er berichtete von einem Beispiel aus Augsburg, bei dem sich die Mütter per Unterschrift verpflichteten, ihre Kinder zum Spielplatz zu schicken. Er hoffte, dass, wenn dieses Beispiel Schule machte, die „Sandspielplätze einer aussichtsreichen und gesicherten Zukunft entgegen sehen“ würden und mahnte: „Dieses Ziel muss aber erreicht werden!“.

Nach und nach setzte sich die Einstellung durch, dass eine Mutter, die ihre Kinder einfach auf der Straße spielen lässt, eine unwürdige Mutter wäre. Trotz allen Müttererziehungsmaßnahmen blieb die Kinderziehung immer noch eher pragmatisch, so lange eine Frau einigermaßen naturgegeben Mutter wurde.

Ab den 70er Jahren vollzieht sich schließlich ein markanter Wandel in der Kinderziehung, der auch als „Inszenierung der Kindheit“ bezeichnet wird. Damit wird ausgedrückt, dass dem Kind, je bewusster man bzw. frau sich dafür entscheiden kann, ein immer größerer Stellenwert eingeräumt wird. Mit der Folge, dass das Kind nicht mehr in den Alltag der Familie eingeordnet wird, sondern vielmehr als Hauptperson den neuen Alltag bestimmt. Dazu passt nicht zuletzt, dass Mütter und Väter ganz bewusst mit ihrem Kind auf den Spielplatz gehen, wo es sprichwörtlich im Mittelpunkt, auf einer Art Bühne ist, während die Mütter und Väter eher die passive Zuschauerrolle innehaben.

Das Ziel des Spielplatzspiels und der allgemeinen Kinderziehung besteht nicht mehr allein darin, dass die Kinder gesund aufwachsen, sondern insbesondere auch, dass sie glücklich sind. Um dies zu erreichen, nehmen Mütter und Väter ganz bewusst Anteil an den Umwelten ihrer Kinder. Sie engagieren sich nicht nur in Kindergarten und Schule, sie engagieren sich auch ganz aktiv an der Gestaltung von Spielplätzen.

Nun scheint es eher so, dass Spielplätze deswegen angelegt werden, weil sich die Eltern dafür einsetzen. Vergangen sind die Zeiten, als ein Spielplatz die Eltern erst daran erinnern sollte, was gut wäre fürs Kind.

Wie nun aber ein Kind gerechter Spielplatz aussehen soll, darüber wird seit mindestens 40 Jahren diskutiert. Nicht zuletzt hat sich in der sehr spielplatzbewegten Zeit zu Beginn der 70er Jahre auch das Deutsche Kinderhilfswerk gegründet, das sich seit 40 Jahren für die Verbesserung der Spielsituation von Kindern einsetzt.

Holz- oder Computer-Spielplatz?

Was ist der beste Spielplatz? Geräte aus Holz oder eher dem Zeitgeist entsprechend, voll technisch und mit viel Thrill, ein Computer-Spielplatz in Hamburg

Die 25 Mütter und zehn Väter, die ich zu ihrem Spielplatzerlebnis befragt habe, nahmen von sich aus kaum Bezug auf die konkrete Gestaltung des Spielplatzes. Während die „Selbstverständlichen“ allenfalls den Grad der Sauberkeit ansprachen, haben die „Enttäuschten“ überlegt, wie Spielplätze so gestaltet sein könnten, dass die Kommunikation unter den Erwachsenen verbessert werden könnte, wie z.B. durch eine andere, bessere Aufstellung der Sitzbänke. Wenn die Mütter und Väter ihren Spielplatzbesuch nicht positiv erlebten und verbuchten, so lag das mehr an der Unsicherheit und Unzufriedenheit in ihrem Erziehungsalltag als am Spielplatz selbst.

Unabhängig vom jeweiligen Erlebnis haben Mütter und Väter mittlerweile das verinnerlicht, was in dem Spielplatz steckt, wofür sich Erzieher seit 200 Jahren eingesetzt haben: dass Mütter und Väter sich aktiv um die Belange ihrer Kinder kümmern und nicht zuletzt dafür sorgen, dass die Kinder unter Kindern an der frischen Luft spielen und sich ertüchtigen, bzw. austoben, wie man heute eher dazu sagt.

Die, die mit ihren Kindern nicht auf den Spielplatz gehen, sind entweder die, die ihr Kind sichtbar vernachlässigen. Oder die – siehe die „Verweigerer“ –, die  allgemein unabhängig und vielleicht eigenbrötlerisch durchs Leben gehen. Sie sind diejenigen, die sich am wenigsten in Widersprüche verstricken, die so kennzeichnend sind für unsere Leistungsgesellschaft.

Auf einem Spielplatz

Typisch Spielplatz: Während die Kinder in der Mitte spielen, sitzen die Erwachsenen auf der Bank, Foto: Hahn-Lotzing

Dass es vielen Erwachsenen nicht auf dem Spielplatz gefällt, sie aber dennoch dem Kind zuliebe regelmäßig hingehen, ist eben auch ein solcher Widerspruch, über den nicht gerne gesprochen wird, weil es als sehr egoistisch und unanständig empfunden würde, so offen darüber zu reden, dass die Kinderziehung nicht nur die Freude ist, die man sich erhofft hat.

So spielt sich auf dem Spielplatz auch die Dialektik der Aufklärung ab, ein von den Philosophen Max Horkheimer und Theodor Adorno geprägter Begriff, der beschreibt, dass jede Freiheit stets in neue Unfreiheit übergeht. Die Befreiung sowohl von Arbeiten (z.B. im Haushalt) als auch von „natürlicher“ Mutterschaft, geht einher mit der neuen Unfreiheit, die Eltern heute empfinden, wenn sie sich mehr für die bewusste Erziehung ihrer Kinder verantwortlich fühlen, die am Ende zugleich erfolgreich als auch glücklich sein soll.

Dass ein Spielplatz nicht nur der angelegte und ausgestattete Platz sein muss, sondern überall da ist, wo eben gespielt wird, das wollen Pädagogen und Planer seit vielen Jahren umsetzen. Um damit Erfolg zu haben, braucht es aber nicht nur den sprichwörtlichen Spielraum. Es braucht auch den Spielraum in den Köpfen der Erwachsenen, die tolerant gegenüber Kinder sind, die auch außerhalb vorgedachter Bühnen spielen. Und es braucht die Toleranz und das Vertrauen der Eltern, dass ihre Kinder sozusagen am besten ihre eigenen Bühnenbildner sind.

Teil 1: WIE ERLEBEN ELTERN IHREN SPIELPLATZBESUCH?

Mehr dazu:

Darijana Hahn-Lotzing Spuren im SandDarijana Hahn-Lotzing
„Spuren im Sand – oder:
Der Kinderspielplatz als Indikator der Gesellschaft.“
Eine kulturwissenschaftliche Analyse.

Erschienen: Dezember 2011
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