ABENTEUERSPIELPLÄTZE FÖRDERN SELBSTSTÄNDIGKEIT

Der ABA Fachverband Nordrhein Westfalen setzt sich seit nun mehr 40 Jahren für Abenteuerspielplätze und Offene Kinder- und Jugendarbeit in Nordrhein Westfalen ein. Rainer Deimel, Referent für Bildung- und Öffentlichkeitsarbeit beim ABA Fachverband und dort als Geschäftsführer zuständig für die inhaltliche Arbeit, über die Bedeutung und die Chancen von Abenteuerspielplätzen.

Auf dem Abenteuerspielplatz Friedrich-Wilhelms-Hütte e.V. in Troisdorf ist immer was los. Foto: ASP Friedrich-Wilhelms-Hütte e.V.

 

Rainer, warum sind Abenteuerspielplätze so wichtig?

Rainer Deimel, seit 25 Jahren beim ABA Fachverband

Deimel: Aktuell finde ich, dass Abenteuerspielplätze heute wichtiger sind als je zuvor, was man vor dem Hintergrund gesellschaftlichen Wandels sehen muss: immer weniger Spielmöglichkeiten im Freien, Änderungen im Familienleben usw. Für mich ist es nach wie vor ein wichtiges Ziel, den Appell der Bundesregierung im 10. Kinder- und Jugendbericht (1998), „Abenteuerspielplätze flächendeckend zu verstärken“, umzusetzen.

Im Bericht ist übrigens zu lesen: „Bei Abenteuerspielplätzen scheinen sich am ehesten originäre kinderspezifische Ansätze entwickelt zu haben.“ Das gilt übrigens auch für die Umwandlung von Schulen zu Ganztagseinrichtungen. Auch dort sind Abenteuerspielplätze erforderlich und häufig realisierbar – alles eines Frage des Willens.

 

In NRW gibt es ca. 100, in ganz Deutschland 400 bis 500 Abenteuerspielplätze. Was ist ein Abenteuerspielplatz?

Im Grunde spielen bei Abenteuerspielplätzen immer die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde, Luft eine große Rolle. Hinzu kommt das Material Holz. Es geht ums Hüttenbauen und ums Feuermachen, und es wird mit Matsch gespielt – die Kombination aus Wasser und Sand ist ganz elementar.

Fotografiert von Rainer Deimel

Fotografiert von Rainer Deimel

Und es ist aus fachlicher Sicht entscheidend, dass ein Abenteuerspielplatz von hauptamtlichem Personal betreut wird. Ich würde einen Abenteuerspielplatz fachlich nicht als „klassischen“ Spielplatz, sondern als soziale oder kulturelle Einrichtung einstufen – genau wie ein Jugendzentrum –, wo Kinder die Möglichkeit haben, sich selbst zu betätigen, wo sie gezielt oder auch zufällig in Gruppen zusammenkommen.

 

Abenteuerspielplätze, Bauspielplätze, Aktivspielplätze … Je nach Region werden unterschiedliche Begriffe verwendet.

Das stimmt. Aber aus meiner Sicht, ist der Begriff „Abenteuerspielplatz“ der richtige. Ich definiere „Abenteuer“ in diesem Zusammenhang als einen Prozess mit vorläufig unbekanntem Ausgang. Das Kind erwirbt über sein Experimentieren jede Menge Bildung, indem es selbst tätig wird, indem es mit Risiken umgeht, seine Grenzen ausprobiert und dadurch seine Grenzen zu erweitern lernt.

Bei den Bauspielplätzen – in Dänemark in dieser Form in den 40er Jahren entstanden – ging es eher darum, Spielwelten nachzustellen. Die Kinder haben sich ihre Hütten gebaut und damit das richtige Leben nachgespielt … mit Post und Einkaufladen usw. Heute ist die Trennschärfe manchmal schwierig hinzubekommen.

Fotografiert von Rainer Deimel

Völlig unpassend ist allerdings der Begriff „Aktivspielplatz“. Dieser nimmt das kindliche Spiel nicht ernst. Ein Kind spielt immer aktiv, selbst wenn es mit einem Buch in der Ecke sitzt. Ich vermute, dieser Begriff wurde von Kommunen eingeführt, um sich gegenüber der APO (Außerparlamentarische Opposition) abzugrenzen – „Abenteuer“ gleich „rote Kaderzellen“, „aktiv“ klang natürlich wesentlich neutraler.

 

Wissen Eltern Abenteuerspielplätze zu schätzen?

Fotografiert von Rainer Deimel

Im Grunde genommen schon. Es kann sein, dass Eltern teilweise Vorbehalte haben, wenn sie hören, was Kinder da alles machen können. Mit einer Axt oder Säge umgehen, Werkzeug benutzen, mit Messern schnitzen usw. Diese ganzen Sachen trauen sie ihren Kindern nicht zu. Aber in dem Moment, wo sie die Chance haben, Kinder dort beobachten zu können und auch die Befriedigung entdecken, die Kinder dann haben, wenn sie dort spielen können, dann ändert sich dieses. Ich denke, das ist die eigene Unerfahrenheit, die da eine Rolle spielt.

Das liegt aber auch daran, dass sich die Möglichkeiten geändert haben oder auch das Verhalten der Menschen. Ich komme aus dem Sauerland. Da waren es bis zum nächsten Wald keine drei Minuten. Da sind wir auf die Bäume geklettert, haben die abenteuerlichsten Sachen gemacht und Karl May nachgespielt. Das passiert aber heute nicht mehr.

 

Warum spielen Kinder heute kaum noch alleine in der Natur?

Deimel: Einerseits liegt das natürlich an der immer fortschreitenden Urbanisierung. Und andererseits liegt es an der Angst vor dem teilweise Unvorstellbaren, die von den Eltern auch noch angestachelt wird. Geh da nicht hin! Dort ist es ist zu gefährlich!

Fotografiert von Dr. Hans-Joachim Schemel, Arbeitskreis Städtische Nautrerfahrungsräume

Und dann spielt die extreme Medienpräsenz eine große Rolle. Jedes Vorkommnis, bei dem ein Kind zu Schaden kommt, genießt in den Medien eine solche Dominanz, so dass in der Wahrnehmung der  Bevölkerung, die Situation wesentlich gefährlicher eingestuft wird als sie ist. Früher war es im Grunde gefährlicher als heute. Heute wird es gefährlich, weil so vieles verhindert wird und Erfahrungen unterbunden werden.

 

Abenteuerspielplätze sind vor allem während der Stundentenbewegung entstanden. Woran lag das?

Zu Beginn der 70er Jahre erlebten wir einen Boom, wie danach nicht wieder. Überall in Deutschland wurden Abenteuerspielplätze gegründet – in NRW, Berlin, Hamburg und Baden-Württemberg gab es die meisten Platzgründungen.

Oft gingen diese von reinen Initiativen aus – von Studenten, Hochschulprofessoren oder Elterninitiativen. Die haben sich ein Stück Land genommen, Material rangekarrt, Kinder kamen dort hin und dann haben sie losgelegt. Die Idee der antiautoritären Erziehung spielte dabei eine Rolle und entsprach dem damaligen Zeitgeist, Neues auszuprobieren.

Als die Kommunen innerhalb weniger Jahre dazu übergingen, selbst Abenteuerspielplätze zu gründen, verlor die Bewegung den politischen Schwung. Abgesehen davon leben Initiativen natürlich immer nur eine gewisse Zeit lang. Es ändern sich die Interessen der Leute, sie studieren nicht mehr, sondern sind berufstätig und haben dann ganz andere Dinge im Kopf.

 

Und in dieser bewegten Zeit wurde auch der ABA Fachverband gegründet…

Genau. In Nordrhein Westfalen gab es 1971 in Dortmund den ersten Abenteuerspielplatz. Genau dort ist auch die Idee entstanden den ABA Fachverband zu gründen, mit dem Ziel die Verbreitung von Abenteuerspielplätzen voran zu bringen. Damals übrigens noch unter der Bezeichnung „Landesarbeitsgemeinschaft Abenteuer-, Bau- und Aktivspielplätze NRW“ (LAG ABA).

In den 40 Jahren sind jedoch viele andere Aufgabenfelder hinzugekommen. Wir haben uns von einer Interessenvertretung für Abenteuerspielplätze zum Fachverband der Offenen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen entwickelt und kümmern uns außerdem um die Spielplatzpaten in Nordrhein Westfalen.

 

Welchen Wert haben konventionelle Spielplätze?

Damals in den 70er Jahren war ich tatsächlich davon überzeugt: Kinder brauchen konventionelle Spielplätze nicht. Kinder sollen selbsttätig aktiv werden. Das haben damalige Spielplätze nicht ermöglicht. Und natürlich haben Abenteuerspielplätze andere Qualitäten als konventionelle Spielplätze.

Spielplatz Bergstraße in Frankfurt (Oder). Foto: Stadt Frankfurt (Oder)

Mittlerweile bin ich da aber ganz entspannt. Ich sehe in Spielplätzen im Kiez um die Ecke eine wichtige Ergänzung für Kinder, sich überhaupt draußen betätigen zu können. Die konventionellen Spielplätze kommen, alleine durch die unmittelbare Wohnnähe, den Bedürfnissen der Familien entgegen.

Außerdem sind Spielplätze sind besser geworden. Damals waren sie gekennzeichnet durch lieblos aufgestellte Geräte, es gab nichts zu verändern, dafür ein unheimlich hohes Bedürfnis nach Sicherheit. Kinder sollten möglichst keine Risiken eingehen.

 

Was ist gegen Sicherheit auf dem Spielplatz einzuwenden?

Ein zu starkes Sicherheitsdenken ist kontraproduktiv. Wenn man versucht, Kinder idiotensicher aufwachsen zu lassen, trägt man einiges dazu bei, dass diese Kinder unselbstständig werden und umso mehr zu Schaden kommen. Sie haben es eben nicht gelernt, mit Herausforderungen und mit Risiken umzugehen.

Aber inzwischen ändert sich das. Es werden zunehmend Geräte aufgebaut, die beweglicher sind und mehr Risiko zulassen. Die gesetzliche Unfallversicherung, Versicherungen generell und auch die Normexperten, also die Leute, die sich um die Sicherheitsstandards von Spielplätzen kümmern, sind der Meinung, Kinder müssten Herausforderungen haben, damit sie sicherer werden. Das Risiko wird heute in gewisser Weise mit einkalkuliert. Etwas, was der ABA Fachverband seit jeher propagiert.

Eine DIN-Norm (Europäische Sicherheitsnormen für Spielplätze und Spielgeräte) ist heute daher kein Schreckgespenst mehr, sondern eine Orientierungshilfe. Sie wird allerdings im Schadensfalle immer wie ein Gesetz bei Gericht behandelt. Hier kann es manchmal etwas problematisch werden und dann kommt es darauf an, wie fit die Betroffenen in der Argumentation sind. Wer seine Arbeit reflektiert begründen kann, hat im Grunde „juristisch“ nichts zu befürchten. Gedankenlosigkeit gehört, meines Erachtens, zu Recht bestraft.

Rainer, vielen Dank für dieses erhellende Gespräch.  

 

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2 Antworten auf ABENTEUERSPIELPLÄTZE FÖRDERN SELBSTSTÄNDIGKEIT

  1. Pingback: Absolut Familie | Abenteuerspielplätze

  2. Dieses hervorragende Interview zeigt sehr schön die Bedeutung von Abenteuerspielplätzen und einen Blick auf Hintergründe. Die Grundidee und viele Elemente des Abenteuerspielplatzes (außer der Notwendigkeit der Betreuung durch eine Person) decken sich mit denen der Städtischen Naturerfahrungsräume.
    Freundliche Grüße, H.J. Schemel

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