FEHLEN 90 METER FÜR DEN LÄRMSCHUTZ?

Die Stadt Freising plant den Großteil einer beliebten Spielfläche in Bauland umzuwandeln und die Anwohner protestieren, weil sie das Gefühl haben, dass diese Planungen an ihren Bedürfnissen vorbeilaufen. Wir haben berichtet. Was sagt die Stadt Freising dazu? Christl Steinhart, Pressesprecherin der Stadt, steht uns Rede und Antwort.

Der schöne Bolzplatz liegt direkt neben dem Spielplatz. Foto: Blessou

Um dieses schöne Gelände und diesen Bolzplatz im Isarauenpark, Freising, geht es. Foto: Blessou

 

Im Zuge der geplanten Baumaßnahmen im Stadtteil Seilerbrückl soll ein erheblicher Teil der bisherigen Spielfläche zu Baugrund werden und ein Bolzplatz muss weichen. Warum?

Steinhart: Die Große Kreisstadt Freising sieht sich nicht nur als Schul- und Universitätsstadt, sondern auch wegen der anhaltend günstigen Arbeitsmarktsituation seit Jahren mit einem erheblichen Siedlungsdruck konfrontiert. Die Stadtentwicklung wird dabei durch den Expansionswillen des Internationalen Flughafens München erschwert: Der Bau einer Dritten Start- und Landebahn, wie vom Flughafen beantragt, hätte eine Teilabsiedlung des Stadtteils Attaching zur Folge.

Zur Dämpfung der extrem hohen Miet- und Immobilienpreise bemüht sich die Stadt Freising folglich um Nachverdichtung sowie die Ausweisung von Bauland, sprich: die Entwicklung von gut erschlossenen, zukunftsfähigen Wohnquartieren.

Der Bolzplatz wird keineswegs aufgelöst, sondern verlegt und mit weiteren ausgiebigen Grünflächen südlich der geplanten Bebauung neu angeboten – ca.  36 000m² Wohnbauflächen stehen rund 29 000m² Grünflächen gegenüber, um den Bebauungsplanentwurf mit Zahlen zu hinterlegen. Außerdem werden weitere Grünflächen mit kleineren Spielplätzen direkt an den Isarauen entstehen, also östlich der geplanten Bebauung.

 

90 Meter Lärmschutz-Mindestabstand fordert der Gesetzgeber zwischen Bebauung und Spielplatz. Dann hätte der Bolzplatz dort bleiben können. Warum wurden die nicht mit eingeplant?

Steinhart: Aus städtebaulichen Gründen sollen die beliebten und bewährten stadteigenen Angebote wie das Sebaldhaus mit Abenteuerspielplatz, ein Angebot der Stadtjugendpflege Freising, und die Kindertagesstätte  Haus des Kindes an zentraler Stelle zwischen der bestehenden Wohnbebauung im Norden und der geplanten Wohnbebauung im Süden beibehalten und mit der geplanten Kindertagesstätte gestärkt und erweitert werden. Diese Nutzungen werden gegenseitig von Synergieeffekten profitieren.

Die Erschließung der kommunalen Nutzungen erfolgt direkt von der B 11 auf kürzestem Weg und erzeugt keinen zusätzlichen internen Verkehr im Wohngebiet – eine umsichtige Planung, die in den politischen Gremien wie im Gestaltungsbeirat aus gutem Grund auf breite Zustimmung gestoßen ist. Ganz deutlich: Der Bolzplatz wird nicht aufgegeben, sondern einzig verlagert!

 

Ist der Verkauf von Spielflächen zu Bauland ein legitimes Mittel, um leere Stadtkassen zu füllen?

Steinhart: Als Schulstadt misst die Stadtplanung den Bedürfnissen von Familien hohe Beachtung bei – Freising leistet sich neben 35 Kinderspielplätzen, 15 Bolzplätzen (davon ein Kunstrasen-Großspielfeld und ein Kunstrasen-DFB-Minispielfeld),  sog. Spielpunkten (Wipptiere in der Altstadt), einer Skateanlage und einem BMX-Gelände auch die vertragliche Beteiligung am Unterhalt eines Trimm-Dich- und eines Walderlebnispfades. In diesem Zusammenhang einen „Verkauf von Spielflächen als Bauland als legitimes Mittel, um leere Stadtkassen zu füllen“  zu hinterfragen, überrascht, ehrlich gesagt, doch ein wenig.

Bleiben wir bei Ihrem Beispiel der Seilerbrücklwiesen:  Die Fläche des derzeitigen Bolzplatzes mit umgebenden Grünflächen soll laut Bebauungsplan-Entwurf  für eine Kindertagesstätte und studentisches Wohnen verwendet werden – beides bedeutet doch wohl alles andere als einen „Verkauf, um leere Stadtkassen zu füllen“: Hier wird vielmehr für Freising und seine Bürgerinnen und Bürger investiert. Nach unserem Verständnis ein  familienfreundliches Baugebiet, das sich absolut nicht eignet als ein Beispiel für eine andernorts vielleicht, in Freising  s i c h e r   n i c h t   verfolgte Praxis, leere Stadtkassen durch den Verkauf von Spielflächen als Bauland zu füllen! Ganz davon abgesehen würde mit jedem Verkauf die Schaffung einer gleichwertigen Ersatzanlage einhergehen.

 

Wobei die Anwohner im Moment anzweifeln, dass es sich tatsächlich um eine „gleichwertige Ersatzanlage“ handelt… Was ist mit den befürchteten Abgas- und Lärmbelastungen?

Steinhart: Für eine bestmögliche Bauleitplanung wurde begleitend zu den Beratungen in den politischen Gremien der Gestaltungsbeirat – ein unabhängiges Beratungsgremium aus Architekten und Landschaftsarchitekten – konsultiert, das die letztlich beschlossene Konzeption ausdrücklich empfohlen hatte. Innerhalb der Bebauung, also unter Beibehaltung des heutigen Standortes, rechnen Stadtplaner mit großen Konflikten mit den künftigen Anliegern.

Mit einer Verlagerung des Bolzplatzes wird ein Rückzugsgebiet für Jugendliche entstehen, das den Heranwachsenden die Möglichkeit biete, auch einmal laut(er) zu toben, ohne bei der  Nachbarschaft anzuecken. Zum Schutz der Wohnbebauung und des Bolzplatzes vor Straßenlärm wird ein Lärmschutzwall vorgesehen.

Die Lärm- und Schadstoffsituation wurde für den Wohnbereich und den Bolzplatz untersucht – es  gibt keine Hinweise auf eine Überschreitung der einzuhaltenden Grenzwerte.

 

Wäre es nicht sinnvoller gewesen, von Beginn an den Dialog mit den Anwohnern zu suchen, um nicht an deren Bedürfnissen vorbeizuplanen?

Steinhart: Mit dem Ziel, ein familienfreundliches Wohnquartier zu entwickeln, geht der Planentwurf jetzt in die frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung sowie die Beteiligung der Behörden und sonstigen Träger öffentlicher Belange – naturgemäß der Zeitpunkt, sich über die Gesamtplanung zu informieren und ggf. Bedenken zu formulieren oder zu konkretisieren.

Die bestmögliche, zukunftsfähige Lösung für die heutigen und künftigen Bewohner/-innen  des Areals kann nur unter Abwägung aller Belange getroffen werden, wie sie selbstverständlich in den politischen Gremien der Stadt erfolgt.

Die Planung hat schließlich den Auftrag, die Schaffung eines neuen Wohnquartiers bestmöglich mit den Ansprüchen an die Bereitstellung von Spiel- und Bolzplatz, Kindertagesstätte und studentischem Wohnen zu verbinden und dabei sowohl eine effiziente Erschließung zu ermöglichen als selbstverständlich auch die Aspekte von Natur und Umwelt hinreichend zu berücksichtigen. – Eine große Herausforderung und Anlass für einen Dialog mit allen Beteiligten und beteiligenden Stellen, also selbstverständlich auch, aber nicht nur mit den heutigen Anrainern!

 

Ab Anfang März wird der Bebauungsplan für die Bürgerinnen und Bürger öffentlich zugänglich sein. Sind Sie bereit tatsächlich in einen offenen Dialog zu gehen und ggf. Ihre Pläne zu ändern?

Steinhart: Die Stadt sieht der öffentlichen Auslegung vom 05. März bis einschließlich 02. April 2014 mit großem Interesse entgegen, denn der Bebauungsplan „Seilerbrücklwiesen“ birgt große Chancen für eine geordnete Stadtentwicklung. Die Anlieger haben hier die Möglichkeit, ihre Bedenken und Wünsche zu formulieren in der Gewissheit, dass alle Äußerungen, wie in einem solchen Verfahren vorgeschrieben und selbstverständlich üblich, in den Entscheidungsprozess zur endgültigen Planung einfließen werden.

Der von Ihnen angeregte „Dialog“ erfolgt also mit den Anwohnern und der gesamten Öffentlichkeit, die Interesse an dieser Planung hat, und mit dem Ziel einer tragfähigen städtebaulichen Konzeption, die auch den Anliegen der heutigen wie der künftigen Bewohner/-innen dieses Gebietes gerecht wird und den Jugendlichen einen Bolzplatz bieten will und wird, der zum Toben einlädt.

isarauenpark_miniHier könnt ihr nachlesen, warum die Freisinger Bürger im Stadtteil Seilerbrückl so an ihrem Spiel- und Bolzplatz im Isarauenpark hängen und was ihnen wichtig ist.

 

Wir danken der Stadt Freising für diese Auskunft. Es bleibt abzuwarten, was der nun folgende Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort bringt. Wie auch immer die Sache hier ausgeht, es zeigt, wie schwierig es zu sein scheint, die Bedürfnisse aller unter einen Hut zu bringen!

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Eine Antwort auf FEHLEN 90 METER FÜR DEN LÄRMSCHUTZ?

  1. Dirk Weissig sagt:

    Ich bin mir sicher, das auch die Anwohner des älteren Teils vom Seilerbrückl an einer Unterschriftsaktion teilnehmen würden. Hier wohnen ja auch Großeltern, die ihre Enkel gerne zum jetzigen Spiel- und Boltzplatz bringen.

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