„ICH WERDE NICHT WIE DON QUIJOTE GEGEN WINDMÜHLEN KÄMPFEN!“

Wenn Eltern sich für Spielplätze engagieren, kann Vieles gelingen. Manche Eltern erfahren allerdings leider, dass ihr Engagement alles andere als erwünscht ist, wie Aline Sommer, Mutter zweier Söhne (1 und 3 Jahre alt). Vor ihrer Haustür in Unterschleißheim liegt ein völlig vergammelter Eigentümer Spielplatz. Bei dem Versuch, diesen zu verschönern, sah sie sich plötzlich persönlichen Anfeindungen der alt eingesessenen Eigentümer ausgesetzt…

 

Frau Sommer, beschreiben Sie mal „Ihren“ Spielplatz?

Sommer: Tja, da gibt’s leider nicht viel zu beschreiben. Der Spielplatz am Valentinsfeld verwildert seit 10, 15 Jahren so vor sich hin. Dort steht ein wackliges Reck, ein seit fünf Jahren verdreckter Sandkasten, eine Rutsche, von der die Farbe abblättert und eine Wippe, für die sich wohl vor sechs Jahr mal zwei Anwohner eingesetzt hatten. Das war aber vor meiner Zeit. Ich bin ja erst vor gut einem Jahr vom Münchner Stadtrand in diese Reihenhaussiedlung aus den 60er Jahren nach Unterschleißheim gezogen.

An der alten Rutsche blättert überall die Farbe ab. Foto: Sommer

An der alten Rutsche blättert überall die Farbe ab. Foto: Sommer

Der Asphalt ist kaputt, der Sandkasten verdreckt. Foto: Sommer

Der Asphalt ist kaputt, der Sandkasten verdreckt. Foto: Sommer

 

Und da dachten Sie, eine Modernisierung würde dem Spielplatz gut tun…

Sommer: Ich hab gedacht: Na toll, jetzt gibt’s hier in der Nähe nicht mal einen gescheiten Spielplatz! Der vor der Haustür ist vergammelt und die drei zu Fuß zu erreichenden Spielplätze von der Stadt haben auch ihre Macken. Und deshalb habe ich kurze Zeit später den Entschluss gefasst, dagegen etwas zu unternehmen und die Eigentümer für die Modernisierung dieses Eigentümer Spielplatzes zu gewinnen. Doch das war schwieriger als ich dachte.

 

Mit wem hatten Sie es zu tun?

Sommer: Die Siedlung wurde Anfang der 60er Jahre gebaut und die Bauherren wohnen teilweise noch in diesen Häusern. Es gibt ca. 15 Eigentümer / Mieter mit Kindern. Mein Vermieter hatte für mich das leidige Thema auf der Vorstandssitzung angesprochen und mir geraten mich mit dem Vorstand zu diesem Thema zu unterhalten.

Daraufhin bin ich zum Eigentümer-Vorstand gegangen, der mir zu verstehen gab, ich solle mir ein paar Gleichgesinnte suchen und dann können wir auch was für den Spielplatz tun. Also habe ich den Bewohnern der Siedlung einen Brief in den Briefkasten geworfen und gefragt, ob sie bereit wären, sich für den Spielplatz zu engagieren. Es hat sich daraufhin eine Gruppe von 15 Leuten zusammengetan. Wir haben uns getroffen und das von mir entworfene Spielplatz-Konzept besprochen.

 

Was war für den modernisierten Spielplatz geplant?

Sommer: Nix wildes, denn ich wusste ja schon, der Spielplatz darf nicht viel kosten und auch keine hohen Folgekosten verursachen, „keine fremden Kinder anziehen“ und muss von uns selbst gepflegt werden. Ein Kriechtunnel war geplant, ein neuer Sandkasten, ein Geräteschuppen, in dem mobile Bänke, Tore oder eine Tischtennisplatte hätten verstaut werden können.

Im Modernisierungskonzept waren Kriechtunnel und ein Geräteschuppen geplant. Katlogfotos

Im Modernisierungskonzept waren Kriechtunnel und ein Geräteschuppen geplant (Katalogfotos)

Und wir wollten die kaputten Asphaltflächen durch Wiese ersetzen. Im Vordergrund unserer Überlegungen stand eher die Wiederbelebung des Platzes als Treffpunkt für alle Bewohner der Siedlung, anstelle der Anschaffung teurer Spielgeräte.

 

Das klingt machbar und vernünftig. Wo ist das Problem?

Sommer: Der Vorstand beschloss, dass in den Reihen über unsere Vorschläge abgestimmt werden sollte. Also im Prinzip sollten die Bewohner um „alles oder nichts“ abstimmen, obwohl es sich um verschiedene Maßnahmen handelte und da alles zusammen sehr teuer war, waren die meisten auch gegen die Vorschläge, obwohl einige Ideen gut ankamen, wie ich mitbekam, wenn ich mit Einzelnen sprach.

Ich glaube ein Atomkraftwerk zu bauen, ist hier einfacher als einen Spielplatz zu modernisieren. Das ist wirklich furchtbar! Und als Mieterin habe ich keine „Rechte“, irgendwas zu fordern. Es ist dann sogar soweit gegangen, dass ich vor ein paar Wochen persönlich von einigen alten Bewohnern angefeindet wurde. Eine schrie mich an, ob ich denn nichts Besseres zu tun hätte, als solche Sachen zu schreiben und ein anderer sagte: „Ich wäre wahnsinnig mit meinen Wahnsinnsideen.“

Ein Vorwurf lautet: Wir schreiben schlaue Konzepte, aber kümmern uns nicht um die Pflege. So nach dem Motto: Jetzt sollen wir erst mal zeigen, dass wir den Flecken auch pflegen können und dann können wir den auch schöner machen. Dabei ist doch klar, dass der Spielplatz eine gewisse Attraktivität aufweisen muss, damit man den auch nutzen kann und sich auch kümmern möchte.

 

Warum, denken Sie, stoßen Sie auf diesen Widerstand?

Sommer: Viele schieben das Geld vor. Wir sind bei unseren Berechnungen auf 10.000 Euro gekommen. Aber Vieles wollen wir ja auch selber machen.

Ich denke mal, es gibt da ein ganz grundlegendes Problem: Die Leute werden immer älter und je älter die werden, umso länger liegt die eigene Kindheit und die Kindheit ihrer Kinder zurück und das Verständnis für Kinder. Außerdem wurde früher anscheinend wirklich mehr in Eigenregie gemacht… Allerdings höre ich von einigen, dass es auch da immer dieselben waren, die sich engagiert haben.

Was mich auch ärgert… nirgends ist wirklich definiert, was ein Spielplatz qualitativ beinhalten sollte, damit es ein Spielplatz ist. So hätten Spielplatz-Verantwortliche nicht mehr die Möglichkeit, Spielplätze extra klein und unattraktiv zu halten, so nach dem Motto: Hauptsache es kommt niemand zum Spielen und macht Lärm. Ein Bekannter erzählte mir von einer Eigentümerversammlung, auf der es darum ging, den Spielplatz extra so unattraktiv zu gestalten wie möglich, weil die Eigentümer Angst hatten, dass das „fremde Kinder anziehen würde“. Wie das schon klingt!

 

Und wie geht es jetzt mit „Ihrem“ Spielplatz weiter?

Sommer: Viele der hier lebenden Familien haben inzwischen resigniert und auch bei mir hat sich so ein gewisses Maß an Frustration breit gemacht. Ich hatte das Gefühl, dass ich auf breiter Front ziemlich alleine stehe, es gibt zwar einige, die sagen, dass sie uns unterstützen, aber die meisten belassen es dann doch bei Lippenbekenntnissen. Außerdem muss ich schauen, dass ich mich hier nicht total unbeliebt mache. Ich werde nicht wie Don Quijote gegen Windmühlen kämpfen, ich brauche meine Energie auch für meine Familie und meinen Beruf. Enttäuscht bin ich schon!

 

Kurz nach unserem Telefon-Interview erhielten wir folgende Nachricht von Aline Sommer:

Aline Sommer

Aline Sommer

„Nun passiert offenbar doch etwas. Zwei der Spielplatzbefürworter (Eigentümer mit gutem Standing) haben den Vorstand überzeugt in Eigenregie einen Bagger zu leihen und den Asphalt wegzubrechen und vielleicht kann dann doch im Frühjahr ein Kriechtunnel entstehen…? Es sieht gerade so aus, dass ich einen Stein ins Rollen gebracht habe.“

Die Bagger kommen

Jetzt kommt doch der Bagger und reißt den alten Asphalt ab. Foto: Sommer

Und Aline Sommer hat weitere Pläne… Mit den Spielplatz-Verantwortlichen der Stadt und dem Bürgermeister steht sie bereits in Kontakt. Ihr Ziel ist es, die Spielplatz-Situation speziell für Kleinkinder in Unterschleißheim zu verbessern. Wir werden berichten…

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