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IN ROSTOCK WIRD EIN SPIELPLATZ NEU GEMACHT, ABER NICHT GEMOCHT! WARUM?

Die Freude über den neu gestalteten Spielplatz im Rostocker Probsteigarten hält sich in Grenzen. Foto: Stadt Rostock

120.000 Euro kostet die aufwändige Sanierung. Doch als der Spielplatz fertig ist, bleibt die große Freude aus. Viele Eltern sind unzufrieden mit der Spielgeräte-Auswahl und besorgt um die Sicherheit ihrer Kinder. Die Ostsee-Zeitung titelt sogar „Dieser Spielplatz ist gefährlich“. Wie kann das passieren? Wir haben mit dem zuständigen Senator für Infrastruktur, Umwelt und Bau Holger Matthäus gesprochen.

Herr Matthäus, ist Ihr neuer Spielplatz tatsächlich so gefährlich?

Matthäus: Nein. Im Gegenteil. Der neue Spielplatz Probsteigarten im Kloster zum Heiligen Kreuz ist sicher, sonst hätten wir die Spielfläche gar nicht für die Nutzung freigeben dürfen. Der Spielplatz entspricht der europäischen Spielplatz Norm EN 1176. Das wurde uns bereits Mitte Mai bei der sicherheitstechnischen Abnahme (TÜV) durch die DEKRA bestätigt. Die Sicherheitsprüfer haben damals nichts beanstandet und damit grünes Licht gegeben. Aber ich gebe zu, die neue Gestaltung ist eher extravagant und das verunsichert vielleicht manche Eltern.

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Was macht denn diesen Spielplatz so besonders?

Was viele nicht wissen: Die Spielplatz-Gestaltung ist thematisch eng an die Historie des Ortes gebunden, weil das Gelände Teil des Denkmals „Kloster zum Heiligen Kreuz“ ist. Deshalb unterlag die Sanierung besonders strengen Gestaltungsanforderungen, die sich bis zur Farbgebung und Auswahl der Spielgeräte auswirkten. Wir haben uns bei der Konzept-Entwicklung eng mit der Denkmalbehörde abgestimmt. Deren wichtigste Vorgabe war es, die ursprüngliche Struktur des Gartendenkmals „Probsteigarten“ durch die Gestaltung der Fläche herauszuarbeiten.

Der Rostocker Spielplatz im Klostergarten – vor und nach seiner Umgestaltung. Fotos: Stadt Rostock

Der Probsteigarten war früher ein Obst- und Nutzgarten – daher die Ideen mit den Kletterleitern, Obstkisten und Hochbeeten?

Ganz genau. Die Grundidee war, die Freifläche durch Wegeplatten in die ehemaligen Nutzgartenbereiche zu unterteilen, um den ursprünglichen Charakter der Anlage erlebbar zu machen. In der Gartenfläche wurden dann zahlreiche Obstbäume neu gepflanzt sowie Hochbeete mit Kräutern aufgestellt. Außerdem haben wir zwei große Schaukeln mit unterschiedlichen Achshöhen installiert und mit Obstspalieren kombiniert. Eine Gruppe aus drei Klettergeräten in Gestalt von Obstleitern sowie große Obstkisten nachempfundene Konstruktionen dienen zum Klettern, Verstecken und für das Rollenspiel. Zusatzelemente, wie Netz und Minirutsche sowie eine Sandkiste, komplementieren das Angebot. Als Untergrund bei Schaukel und Rutsche haben wir anstelle von Sand ein grünes Fallschutzmaterial gewählt, um optisch den Gartencharakter nicht zu stören.

Das klingt eigentlich sehr originell. Was gibt’s seitens der Eltern zu kritisieren?

Eltern beschweren sich in der oben erwähnten Zeitung beispielsweise über die zu hoch angelegte Sandkiste, von der die Kinder rücklings herunterfallen könnten. Sie machen sich Sorgen über die Klettergeräte in Leiteroptik, die aus Sicht der Eltern gefährlich sind, weil sie zu schmal nach oben führen. Außerdem hängen die Schaukeln nach dem Geschmack einiger zu hoch und manche Eltern sind unzufrieden mit dem verbauten Fallschutz, der ihnen zu „spitz“ erscheint, so dass sie ihre Kinder auf Grund der Verletzungsgefahr nun nicht mehr barfuß laufen lassen könnten.

Finden Sie die Kritik nachvollziehbar?

Ich verstehe zunächst einmal, dass Eltern vielleicht überrascht sind von dem neuen Angebot und das ein oder andere auch gewöhnungsbedürftig ist. Aber wer Kindern beim Spielen und Klettern zusieht und sie auch lässt, wird schnell feststellen, dass Kinder durchaus in der Lage sind, auf ihre Umgebung zu reagieren und sichtbare Gefahren richtig einzuschätzen. Die Spielplatz-Norm weist extra darauf hin, dass es nicht darum geht, sämtliche Gefahren von einem Spielplatz zu verbannen und die Kinder in Watte zu packen, sondern VERSTECKTE Gefahren zu vermeiden.

Haben Sie ein Beispiel?

Ein Beispiel ist unser eingesetztes Fallschutzmaterial Ökocolor. Dieses ist TÜV-geprüft und zertifiziert. Verunreinigungen wie Scherben, Hundekot oder ähnliches bleiben gut sichtbar auf der Oberfläche liegen, arbeiten sich nicht in das Material ein und stellen so keine versteckte Gefahr dar. Übrigens, was vielen Eltern nicht bewusst ist: Sand als Fallschutz kann problematisch sein. Kinder unterscheiden nämlich nicht zwischen Buddel- und Fallschutzsand und werden so häufig in den Gefahrenbereich von Spielgeräten (z. B. Schaukeln) gelockt.

Und was ist mit der hohen Sandkiste?

Auch die Höhe der Sandkiste mit 40 cm entspricht selbstverständlich den Vorgaben aus der Spielplatz-Norm. Ich kann den Eltern versichern: sämtliche Spielgeräte und Ausstattungen sind durch den Planer gemeinsam mit der beauftragten Spielgerätefirma, Holzfachleuten sowie Spielplatzsicherheitsexperten entwickelt worden. Das Angebot ermöglicht die Grundspielfunktionen Schaukeln, Klettern und Verstecken sowie elementare Bewegungsabläufe und verschiedene Herausforderungen für verschiedene Altersgruppen – natürlich unter Einhaltung aller Sicherheitsvorschriften.

Die Sandkiste ist gestaltet wie ein Hochbeet, um zur Gartenoptik zu passen. Foto: Stadt Rostock

Sind Eltern manchmal zu ängstlich?

Eltern schätzen Risiken sehr unterschiedlich ein. Kinder brauchen erfahrbare Grenzen, motorische Fähigkeiten sollten erlernt und trainiert werden können. Deshalb würde es uns freuen, wenn Eltern zunächst einmal mit ihren Kindern den Spielplatz unvoreingenommen ausprobieren und ihre Kinder eigene Erfahrungen machen lassen. Im Übrigen fanden wir es bedauerlich, dass eine lokale Zeitung für den erwähnten Artikel leider nur die negativen Stimmen eingefangen hat. Auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im zuständigen Amt für Stadtgrün, Naturschutz und Landschaftspflege haben Nutzerinnen und Nutzer des Spielplatzes befragt und durchaus auch positive Reaktionen auf die Neugestaltung erhalten.

Vielleicht braucht ein so besonderes Konzept vorab mehr Erläuterung?

Ja, ich denke, da haben Sie Recht. Daher arbeiten wir gemeinsam mit dem Rostocker Kulturhistorischen Museum an Informationstafeln, um den Gestaltungsgedanken zu erläutern und so mehr Akzeptanz zu erreichen. Im Frühjahr ist für den Spielplatz – sollten es die Corona-Regelungen zulassen – auch eine kleine Einweihungsfeier mit Kindern geplant, die wir gemeinsam mit den Museumspädagoginnen und -pädagogen durchführen werden. Aufgrund der Corona-Pandemie haben wir das bisher aufgeschoben. Wir hoffen, mit diesen Maßnahmen mehr Akzeptanz für den neuen Spielplatz zu schaffen.

Vielen Dank, Herr Matthäus, für das interessante Gespräch!

Kennt ihr den neuen Spielplatz schon? Habt ihr ihn bereits ausprobiert? Wie gefällt er euch? Lasst gerne eine Bewertung auf Spielplatztreff da. Dort gibt es noch mehr Spielplätze in Rostock zu entdecken.


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Besondere Spielplätze Spielplatz-Gestaltung Spielplatz-Sicherheit