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HEUTE SCHON GESPIELT?!

Immer öfter fehlt Kindern die Zeit zum Spielen. Auch deshalb, weil wir Eltern übersehen, wie toll sie im Spiel ihre Potenziale entfalten können. Deshalb mal bewusst Spielpausen schaffen!

Spielend die Welt entdecken. Schnecken beobachten braucht Zeit! Foto: Schilling

 

Fit für die Zukunft

Fällt euch das auch auf? Mit dem Argument, die Kinder fit für die Zukunft zu machen, sind die Tage unserer Liebsten manchmal so pickepackevoll gestopft, dass kaum noch Zeit zum Spielen bleibt. Kindergarten, Schule, Lernen, Hausaufgaben, musikalische Frühförderung, Tennisverein, Malkurs, Ballett. Das alles muss nach unserer Vorstellung in den Zeitplan passen. Denn wir möchten, dass unsere Kinder gut durch die Schule kommen und dass ihre Talente möglichst früh entdeckt und gefördert werden. Ist das Pensum zu hoch, fühlen sich Kinder gestresst. Sie haben das schlechte Gefühl, den Ansprüchen, die von außen an sie herangetragen werden, nicht zu genügen. Kopf- und Bauchweh, Schlafstörungen, Wut oder auch Aggression können die Folge sein.

 

Öfter mal einen Gang runterschalten

Bemerken wir derartige Anzeichen, sollten wir dringend einen Gang runterschalten und unseren Kindern eine Pause zum Verschnaufen gönnen. Kinder brauchen Zeit sich auszuruhen, innezuhalten, durchzuatmen… unter der Woche, aber auch am Wochenende. Letzteres darf ruhig mal unverplant sein mit so viel freier Zeit, dass vielleicht sogar die gefürchtete Langeweile aufkommt, aus der dann wieder etwas Neues, Kreatives entstehen kann. Kinder möchten nicht pausenlos verplant sein. Sie möchten ihren eigenen Bedürfnissen nachgehen, sich verabreden und intensive, lange Spielstunden mit Freunden oder ihren Eltern genießen.

Freie Spielzeit ist übrigens nicht gleich verschwendete Zeit, sondern macht fitter für die Zukunft als wir glauben. Gerade „im zweckfreien Spielen lernen Kinder, was für die Zukunft besonders wichtig ist, nämlich sein Leben selbstständig anzupacken, eigene Entscheidungen zu treffen, sein Handeln zu bestimmen, seine Umwelt realistisch einzuschätzen, kreativ und mit viel Freude an Herausforderungen heranzugehen.“, weiß Draußenspiel-Expertin Dr. Christiane Richard-Elsner. Das schöne ist, Kinder folgen beim Spielen ihrer inneren Motivation und spüren keinen Lerndruck. Sie brauchen dafür auch keine Erwachsenen, die sie pädagogisch anleiten und lernen doch so viel. Wie wäre es also, das ein oder andere Frühförderprogramm von der Liste zu streichen und unseren Kinder wieder mehr Freiraum zu Spielen einzuräumen?

 


WELTSPIELTAG unter dem Motto: „Zeit zu(m) Spielen!“ 

Mit dem Weltspieltag am 28. Mai  will das Deutsche Kinderhilfswerk gemeinsam mit seinen Partnern im „Bündnis Recht auf Spiel“ darauf aufmerksam machen, dass die Bedingungen für das freie Spiel von Kindern verbessert werden müssen. Gleichzeitig ist das Motto ein Aufruf an die Eltern, ihren Kindern den nötigen Freiraum dafür zu geben. Am Weltspieltag finden überall in Deutschland bunte Aktionen statt, die Eltern und Kinder zum Spielen einladen.


 

Kinder lernen beim Spielen

Warum Kinder so viel lernen, während sie einfach „nur“ spielen, dazu liefert die Evolutionsbiologie einen Erklärungsansatz. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das Spielen nämlich ein äußerst effektives evolutionsbiologisches Lernprogramm, mithilfe dessen sich Kinder Schritt für Schritt die Fertigkeiten aneignen, die sie zum Überleben brauchen. Die Kreativität und Fantasie, mit der Kinder sich in das freie Spiel ohne Vorgaben begeben, sind eine optimale Grundlage, um neue Dinge auszuprobieren. Im Spiel verarbeiten sie Alltagssituationen, nehmen unterschiedliche Rollen ein, kommunizieren mit anderen Kindern, tragen Konflikte aus und lernen den Umgang mit Emotionen wie Freude, Stolz, Trauer oder Wut. Im Spielen stellen sich Kinder immer wieder neuen Herausforderungen. Indem sie diese meistern, stärken sie ihr Selbstbewusstsein und das Vertrauen in sich und die Welt.

Auch die Neurobiologie unterstreicht die Bedeutung des freien Spiels: Zweckfreies Spiel ist besonders gut für die Entwicklung des menschlichen Gehirns. Beim Spielen werden nämlich viele Bereiche des Gehirns aktiviert, so dass sich die Nervenzellen gut miteinander vernetzen können. Außerdem werden chemische Botenstoffe ausgeschüttet, die für Glücksgefühle und Stressabbau sorgen.

 

Spielen in digitalen Medienwelten

Also alle Kinder nachmittags zum Spielen raus und fertig? Ja! So einfach wäre das. Ähm… theoretisch jedenfalls. Denn praktisch sieht die Sache doch etwas anders aus. Kinder spielen nämlich heute sehr gerne in digitalen Welten und treffen sich mit ihren Freunden zunehmend online zum Spielen. Verspricht die bunte Onlinewelt mehr Spannung als der abgerockte Spielplatz vor der Haustür?

Kinder sind begeistert von digitalen Spielwelten. Foto: Pixabay

Onlinespiele bieten Kindern viel von dem, wonach sie im Spiel suchen: Onlinespiele sind abwechslungsreich und laden Kinder immer wieder ein, völlig neue Welten zu entdecken, Action zu erleben, unterschiedliche Rollen einzunehmen, Herausforderungen zu meistern, intensive Emotionen zu fühlen und bei gelösten Challenges unmittelbare Erfolge zu feiern. Das macht großen Spaß und ganz nebenbei erwerben Kinder spielerisch Wissen, welches durchaus relevant ist in der Welt, in der sie heute aufwachsen.

 

Eine gute Balance finden

Und während vielleicht manche von uns Schwierigkeiten haben, ihre Kinder überhaupt vor die Tür zu locken, sind andere wiederum ganz froh darüber, ihre Liebsten zu Hause vor dem Computer zu wissen, so kann ihnen draußen nichts passieren. Die Herausforderung für alle Eltern besteht jedoch darin, für eine ausgewogene Balance zwischen digitaler Bildschirmzeit und analoger (Draußen-)Spielzeit zu sorgen, damit Kinder profitieren und es sich nicht ins Gegenteil verkehrt. Denn Untersuchungen haben gezeigt: Kinder, die viel draußen an der frischen Luft spielen, balancieren und klettern, sind motorisch fitter, kräftiger, geschickter und widerstandsfähiger, können sich besser konzentrieren und somit besser lernen.

Je jünger Kinder sind, umso weniger Zeit sollten sie also vor dem Bildschirm verbringen, sondern von Beginn an ihre Umgebung mit allen Sinnen entdecken und möglichst viele haptische Erfahrungen machen können. Mit zunehmendem Alter darf die Online-Spielzeit ausgeweitet werden. Doch aufgepasst: Medien sind ganz schöne Zeitfresser! Und Kinder, die zu lange vor dem Bildschirm sitzen, bewegen sich zu wenig. Darauf sollten wir Eltern ein Auge haben. Gegen ein paar Runden „Zocken“ – gerne auch mal gemeinsam, ist gar nichts einzuwenden. Es sollte aber auch große Zeitfenster geben, in denen die Geräte ausbleiben. Einen hilfreichen Anhaltspunkt zur Orientierung bieten die empfohlenen Mediennutzungszeiten von SCHAU HIN!

Mehr Zeit zum Spielen lässt sich in der Familie übrigens prima integrieren, wenn auch wir uns mal eine Auszeit nehmen und bewusst gemeinsam mit unseren Kindern spielen. Das gute alte Brettspiel hat in digitalen Zeiten noch nicht ausgedient und auch ein Fahrrad-Ausflug zu einem Waldspielplatz kann ein toller Impuls sein, um mehr freies Spielen in der Natur und Bewegung zu ermöglichen. Mit unserer Spielplatztreff App findet sich bestimmt ein passender Spielplatz.

 

Kindern mehr zutrauen

Wir Eltern müssen natürlich nicht immer mit dabei sein, wenn unsere Kinder spielen. Kinder genießen es auch mal, unbeobachtet zu sein und die Gelegenheit sollten sie bekommen. Kinder werden unselbstständig, wenn wir Erwachsenen ständig um sie herum sind und die Probleme für sie lösen.

Ab dem Grundschulalter können Kinder je nach Wohnumgebung schon gut alleine zum Spielplatz gehen. Wichtig ist, dass wir ihnen solche Wege zutrauen und unsere Sorgen bewusst zurückhalten, um unsere Liebsten in ihren Freiheiten nicht zu sehr zu beschränken. Hier kann es helfen, sich mit anderen Eltern abzusprechen und die Kinder gemeinsam rauszuschicken.

Beim Spielen darf es übrigens auch mal riskant zugehen. Kinder wollen schnell rennen und in große Höhen klettern. Wir sollten sie lassen. Denn wenn Kinder im Spiel lernen mit gefährlichen Situationen umzugehen, lernen sie auch mit den Unsicherheiten des Lebens klarzukommen.

Kinder wollen in hohe Höhe klettern und dabei das Kribbeln im Bauch spüren. Foto: Schilling

Aus vielen Beobachtungen weiß Hans-Peter Barz, erfahrener Spielplatz-Experte und Leiter vom Grünflächenamt in Heilbronn, Kinder haben ein gutes Gespür und „sind sehr gut in der Lage, ihre Fähigkeiten selbst einzuschätzen. Sie brauchen ihre Eltern nicht, um zu wissen, was sie sich zutrauen. Die einen klettern hoch hinaus bis ganz in die Spitze. Die anderen kehren auf halber Höhe um, weil sie sich nicht weiter trauen. Eltern sollten wieder mehr in die Fähigkeiten ihrer Kinder vertrauen, ihnen wieder mehr Freiraum geben, eigene Erfahrungen zu machen und dafür vorhandene Sorgen und Ängste bewusst zurückhalten.“

 

Wie ist das bei euch? Schafft ihr es im Alltag euren Kindern genügend Zeit zum Spielen freizuschaufeln? Und wenn ja, welche Tipps habt ihr? Können eure Kinder draußen alleine spielen? Lasst gerne einen Kommentar da.

 

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