KINDERN EINE STIMME GEBEN – SO GELINGT KINDER- UND JUGENDBETEILIGUNG BEIM SPIELPLATZ-BAU

Wird ein neuer Spiel- oder Bolzplatz gebaut, ist es inzwischen üblich, Kinder nach ihren Wünschen zu fragen. Das ist auch richtig so. Denn, was viele nicht wissen: laut UN-Kinderrechtskonvention Artikel 12 haben Kinder ein Recht auf Mitsprache und Beteiligung. Simone Maier vom Projekt „Raum für Kinderträume“ des Bezirksamtes Berlin Spandau (Straßen- und Grünflächenamt) kann diesbezüglich auf langjährige Erfolge verweisen und verrät, nach welchen Prinzipien in Spandau die Kinder- und Jugendbeteiligung für alle gewinnbringend funktioniert.

Spandaus Spielplätze können sich sehen lassen: abwechslungsreich und top in Schuss. Fotos: Bezirksamt Spandau

 

Wir nehmen die Kinder und Jugendlichen ernst:

Wenn wir Kinder nach ihrer Meinung fragen, müssen wir sie auch ernst nehmen und zeitnah Ergebnisse liefern. Kinder müssen merken, sie werden nicht irgendetwas gefragt, sondern wir sind interessiert an ihrer Meinung, um ihre Vorschläge auch in die Tat umzusetzen. Sonst kann es schnell frustrierend für alle Beteiligten werden. Wenn Kinder erfahren, dass ihre Meinung nicht viel zählt, werden sie sich im Zweifel später gegen eine aktive Beteiligung an der Gemeinschaft entscheiden. Da haben wir auch eine große Verantwortung. Die Kinder sind übrigens oft sehr positiv überrascht. Sie freuen sich, dass sie gefragt werden und mitgestalten dürfen.

Wasserspielplatz Ziegelhof Berlin Spandau

Wasser steht bei Kindern sehr hoch im Kurs und wird oft gewünscht. Hier ein Bild vom Wasserspielplatz Ziegelhof. Foto: Bezirksamt Spandau

 

Wir definieren die Zielgruppe und binden diese mit ein:

Bevor wir mit der Beteiligung loslegen, definieren wir genau, welche Art von Spielplatz soll es werden? Ein Kleinkinderspielplatz oder einer für größere Kinder, für Jugendliche oder doch einer für verschiedene Generationen? Erst, wenn wir die Zielgruppe für den Spielplatz-Standort bestimmt haben, suchen wir uns dazu passende Einrichtungen im Umfeld aus, also Kitas, Grundschulen, Oberschulen, Jugendfreizeiteinrichtungen, etc., und laden diese ein, beim Beteiligungsprozess mitzuwirken. Zwei bis drei Institutionen können es schon sein, da wir Interesse daran haben, ein breites Meinungsbild einzuholen. Die meisten Kitas und Schulen sehen solche Beteiligungsprozesse übrigens als tolle Bereicherung, sich auch mal mit anderen Themen zu beschäftigen und den Kindern zu ermöglichen, ihr Wohnumfeld mitzugestalten.

 

Wir präsentieren die Ergebnisse zeitnah:

Viele einzelne Schritte sind nötig, bevor Kinder auf einem neuen Spielplatz spielen können. Dennoch versuchen wir, unsere Spielplatz-Projekte so schnell wie möglich umzusetzen. Wir gehen dabei nach einer straffen Jahresplanung vor: Im Frühjahr starten wir mit der Kinder- und Jugendbeteiligung und bauen parallel dazu den alten Spielplatz ab. Wir bitten die Spielgerätehersteller die Ergebnisse der Kinder- und Jugendbeteiligung in Spielplatzkonzepte umzusetzen. Im Anschluss trifft sich eine Jury auch mit Vertretern des vorangegangenen Beteiligungsworkshops und entscheidet über die Entwürfe, so dass zeitnah der Auftrag für den Bau erteilt werden kann. Nach Abschluss aller Arbeiten wird der Spielplatz im besten Fall zum Herbst mit allen am Beteiligungs- und Bauprozess Beteiligten eingeweiht.

Bei größeren Maßnahmen kann es auch schon mal etwas länger als ein Kalenderjahr dauern, aber in der Regel passiert alles innerhalb eines Jahres. Das ist eine vertretbare Zeitspanne.

 

Wir holen uns Beteiligungsprofis mit ins Boot:

Wichtig für das Gelingen einer Beteiligung ist es, dass wir professionelle Partner an unserer Seite haben, die mit uns gemeinsam die Kinderbeteiligung durchführen und je nach Zielgruppe mit unterschiedlichen Methoden arbeiten. Es wird ein mindestens ein Workshop mit Kindern und Jugendlichen der benachbarten Einrichtung gemacht und gemeinsam mit allen Interessierten erarbeitet, was sie sich an dem Standort vorstellen könnten, welche Bewegungs- und Spielinhalte sie haben wollen und ob es vielleicht ein Thema gibt, was sie sich wünschen würden. Meistens machen wir wenig bis gar keine Vorgaben, sondern lassen die Kinder frei überlegen.

Spielplatzplanungsparty für den „Piratendorf“-Spielplatz am Cosmarweg (Staaken) Foto: Bezirksamt Spandau

Üblicher Weise erarbeiten die Kinder und Jugendlichen in diesen Workshops Ideen, kleben Kollagen, bauen Modelle, die dann im Rahmen eines Spielplatzfestes oder einer Schülerversammlung einem größeren Publikum vorgestellt werden, die dann mit Punkten für ihre Favoriten stimmen.

 

Wir gestalten individuell und herausfordernd:

Wir nehmen bei größeren Vorhaben keine Spielgeräte aus dem Katalog. Wir bitten die Spielgerätehersteller im Rahmen einer funktionalen Ausschreibung die Ideen und Wünsche der Kinder in Spielinhalte individuell umzusetzen. So gleicht kein Spielplatz dem anderen und jeder Spielpatz bietet unterschiedliche Möglichkeiten.

Auf dem Spielplatz im Nauhausweg stehen alle Zeichen auf Zirkus. Foto: Bezirksamt Spandau

Denn eines ist klar: Kinder kriegt man nur auf den Spielplatz, wenn dieser attraktiv und vielseitig ist und sich nicht alle Spielplätze gleichen. Kinder wollen Erfahrungen machen, sich ausprobieren können. Dafür muss es auch Spielanreize geben, die es Kindern ermöglichen auch mal ein riskantes Kletter- oder Balanciermanöver zu wagen. Und es muss Steigerungsmöglichkeiten geben, damit Kinder Fortschritte erzielen und Dinge machen können, die sie vielleicht vor einem halben Jahr noch nicht hingekriegt haben. Wenn das alles gegeben ist, sind die Kinder die ersten, die gerne auf Spielplätze gehen wollen.


Alle neu gebauten bzw. sanierten Spielplätze aus dem Projekt „Raum für Kinderträume“ wurden auf Spielplatztreff.de eingetragen und sind nicht nur online, sondern auch per kostenloser Spielplatztreff App zu finden.


Wir geben auch Kindern und Jugendlichen eine Stimme:

Liegen die Entwürfe der Spielgerätehersteller auf dem Tisch, laden wir zum Jurytreffen ein. Dazu werden dann auch die Kinder und Jugendlichen eingeladen, die vorher bei der Beteiligung dabei waren. Sie haben, genau wie die anderen Jurymitglieder, Stimmrecht und können mitentscheiden, welcher Vorschlag in die Tat umgesetzt werden soll.

Stimmberechtigt sind die Gruppe der Kinder-/Jugendbeteiligung, die Spiel- und Bolzplatzpaten falls vorhanden, ggf. der Sponsor aus dem Projekt „Raum für Kinderträume“, die Vertreter aus der Spielplatzkommission und Mitarbeiter/innen des Bezirksamtes Spandau. Der Entwurf mit den meisten Stimmen erhält den Zuschlag und dieser wird dann auch so gebaut.


Kontinuität anstatt Hauruck: In Berlin Spandau ist nicht ein Spielplatz geschlossen und wenn Spielgeräte kaputt sind, werden diese zeitnah ersetzt. Das gelingt auch, weil seit vielen Jahren kontinuierlich ein bestimmtes Budget für die Sanierung der Spandauer Spielplätze im Haushalt reserviert wird. Daraus können jährlich drei bis fünf Spielplätze saniert und Reparaturarbeiten finanziert werden. Zusätzlich engagieren sich seit Jahren ansässige Firmen im Projekt „Raum für Kinderträume“ für Spandauer Spielplätze. Manche unterstützen punktuell die Sanierung eines bestimmten Spielplatzes, manche sind bereits seit 13 Jahren als Sponsoren dabei. Diese Firmen sind von der Sache überzeugt, dass es wichtig ist, für Kinder etwas zu tun und sie finden es toll, wenn sie vor ihrer Tür oder in ihrem Bezirk, wo sie ansässig sind, etwas bewegen können. Die Freude ist jedes Mal groß, wenn sie bei einer Einweihung dabei sind, die Gesichter der Kinder sehen und wissen, es kommt da an, wo es ankommen soll. Das motiviert zum Weitermachen.


 

Wir feiern Erfolge gemeinsam:

Wenn der Spielplatz fertig ist, dann wird die Kita oder die Schule, die mit entschieden hat, zur Einweihung eingeladen. Beim Eröffnungsfest gibt’s den Startschuss für den neuen Spielplatz. So erfahren Kinder: sie konnten ihre Wünsche äußern, haben mitentschieden und können nun ihren neuen Spielplatz in Beschlag nehmen.

Spielplatz-Einweihung Westerwaldstraße Berlin Spandau. Foto: Bezirksamt Spandau

Diese Kontinuität ist extrem wichtig. Das ist auch der entscheidende Punkt, warum Kinder dann mit den Geräten wertschätzender umgehen. Generell hat sich die Situation auf unseren Spielplätzen deutlich verbessert, seitdem wir Kinder und Jugendliche beteiligen. Wir haben erheblich weniger Vandalismus-Schäden in Spandau zu verzeichnen als noch vor vielen Jahren. Dazu tragen sicherlich auch unsere Spielplatzpaten im Bezirk bei, die auf die Spielplätze ein wachsames Auge werfen und uns auf evtl. Gefahrenstellen oder Probleme hinweisen. Im Moment haben wir 54 Spiel- und Bolzplatzpaten auf insgesamt 89 Spielplätzen. Das ist eine tolle Bilanz!

 

Dem können wir uns nur anschließen! Hut ab vor dieser Leistung und vielen Dank, Simone Maier, für diese spannenden Einblicke. Vielleicht lässt sich die ein oder andere Stadt / Kommune davon inspirieren?

 

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