„ENTWEDER WIR MACHEN JETZT WAS ODER DAS DING GEHT UNTER“

Menschen, die gemeinsam loslegen und einen Abenteuerspielplatz erschaffen, ohne finanzielle Sicherheiten zu haben. Vielleicht ist sie naiv? Bestimmt auch anstrengend. Aber mit viel Herzblut kann es gelingen. So wie in Lahr. Ich habe mit Veronika Feist gesprochen, die diesen neuen Abenteuerspielplatz kürzlich auf Spielplatztreff eingetragen hat.

Die ersten Hütten werden schon zusammengezimmert. Foto: Abenteuerspielplatz Lahr

 

Frau Feist, die Fotos auf unserer Plattform sehen ja schon vielversprechend aus. Ist der Abenteuerspielplatz Lahr fertig?

Veronika Feist: Fertig noch nicht, aber wir freuen uns sehr, nun mit konkreten Angeboten aufwarten zu können. Der Abenteuerspielplatz Lahr ist seit diesem Sommer zweimal monatlich für Bau- und Spielaktionen geöffnet und es können handwerkliche sowie erlebnis- und naturpädagogische Angebote bereitgestellt werden. Im Mai 2017 beim Eröffnungsfest konnten die ersten Gruppen ihre Hüttenbauprojekte beginnen. Mittlerweile haben wir einen eigenen Werkzeug-Bestand und viele gespendete Paletten. Es gibt eine Feuerstelle, eine Hüttenbaustelle, eine Lehmbaustelle sowie einen kleinen Garten.

Kinder und Jugendliche in Lahr haben erstmals einen Raum, in dem sie ganzjährig, ganzheitlich, sinnbetont und frei Spielen und Erleben können – rund um die vier Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft.

 

Ist viel los auf dem Platz?

Ja, kann man schon sagen. Das mag wohl auch daran liegen, dass der Abenteuerspielplatz im Hebelpark liegt. Der Platz liegt direkt neben einer Schule und wird von Kindern in den angrenzenden Reihenhäusern der Umgebung sowieso schon zum Abhängen und Spielen genutzt. Auch ein Spielplatz mit einigen Spielgeräten sowie ein Fußballplatz sind vorhanden.

Die Kinder nutzen die neuen Spielmöglichkeiten gerne. Foto: Abenteuerspielplatz Lahr

Rund die Hälfte des Geländes hat uns die Stadt pachtfrei überlassen für den Abenteuerspielplatz zur Verfügung gestellt. Wir haben den Bereich aber erstmal noch sehr offen aufgezogen. Es gibt einen abgesperrten Bereich, wo die Feuerstelle liegt sowie das Holz und der Material-Container, aber der Rest ist offen begehbar. Es sollen sich alle eingeladen fühlen.

 

Welche Chancen bietet der Abenteuerspielplatz für die Kinder vor Ort?

Der Stadtteil Lahr-West hat einen hohen Anteil an Bewohnern mit Migrationshintergrund und ist ein sozial belasteter Stadtteil. Vielen Kindern fällt es schwer, den Anschluss an unser Bildungssystem und ein miteinander zu finden. Aus unserer Sicht kann der Abenteuerspielplatz ein idealer Auffangort sein, um Verbindungen zwischen Kindern und Erwachsenen sowie zwischen den Nachbarschaften zu knüpfen. Beim gemeinsamen Kochen können Kinder beispielsweise ganz basale gesellschaftliche Kompetenzen lernen, die den Umgang miteinander erleichtern. Demnächst soll eine Wildküche eingerichtet werden, so dass mit dem Lehmofen gekocht werden kann. Zeitnah wird eine Unterstellmöglichkeit gebaut und auch ein Konzept für das Schulklassenangebot soll ausgearbeitet werden, damit wir noch mehr Kinder mit unserem Angebot erreichen.

Auf dem Gelände im Hebelpark ist viel Platz und Raum für freies Spiel. Foto: Abenteuerspielplatz Lahr

Gerade in Städten, wo der Bezug zur Natur so stark verloren geht, hoffen wir, dass Bürger und Politiker erkennen, wie wertvoll ein solcher Abenteuerspielplatz ist, ein wichtiger Beitrag zu einer positiven Gesamtpersönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen.

 

Die meisten Abenteuerspielplätze sind Jahrzehnte alt. Wie entstand die Idee zu einem neuen Abenteuerspielplatz?

Die Idee wurde bereits 2015 von Mitarbeitern des städtischen Kinder- und Jugendbüros angeregt. Sie fanden es damals schade, dass es in den Sommerferien zwar beliebte Ferienfreizeiten gab, bei denen sich Kinder in der Natur austoben, Hütten bauen und Feuer machen konnten. Aber ein ganzjähriges Angebot dieser Art fehlte in der Stadt.

Weil das Kinder- und Jugendbüro seine Idee, neben der bestehenden Arbeit, nicht umsetzen konnte, wurden über Zeitungsanzeigen, Mailverteiler und soziale Netzwerke freiwillige Helfer gesucht, die Lust und Zeit hatten, sich der Abenteuerspielplatz-Idee anzunehmen.

 

Und so kam eine Gruppe ehrenamtlicher Helfer zusammen…

Genau. Überraschend schnell fanden sich viele Interessierte und gründeten die Initiative „Abenteuerspielplatz Lahr“. Nachdem am Anfang sehr viel „nur“ geredet wurde, war irgendwann allen klar: entweder, wir machen jetzt was oder das Ding geht unter. Plötzlich gab’s dann Hauruck-Aktionen mit vielen freiwilligen Helfern und so wurden schnell konkrete Fortschritte auf dem Gelände sichtbar.

Nach den Arbeitseinsätzen wird gemeinsam gefeiert. Foto: Abenteuerspielplatz Lahr

 

Wie viele Leute engagieren sich aktuell freiwillig für den Abenteuerspielplatz?

Derzeit sind wir eine Gruppe von ca. 15 Leuten, die sich regelmäßig treffen, ganz viele ehrenamtliche Zeitstunden investieren und so das Projekt maßgeblich voranbringen. Das sind vor allem Personen aus dem sozialpädagogischen Bereich, aber auch Eltern, denen ein Abenteuerspielplatz gefehlt hat.

Als Träger kam noch vor der Eröffnung des Abenteuerspielplatzes das Jugendwerk im Ortenaukreis e.V. hinzu und übernimmt seitdem administrative Aufgaben. Ich selbst bin zum Beispiel beim Jugendwerk angestellt und kümmere mich mit einem Teil meiner Arbeitszeit um die Öffentlichkeitsarbeit, Verwaltung und Finanzierung des Abenteuerspielplatzes.

Es gibt wahnsinnig viel zu tun. Da können wir jede Unterstützung gebrauchen und freuen uns auch weiterhin über Menschen, die ehrenamtlich mitarbeiten möchten und natürlich über Spenden.

Werde auch du Teil des Teams und engagiere dich ehrenamtlich für den Abenteuerspielplatz Lahr oder unterstütze das Projekt mit deiner Spende!

 

Menschen starten mit unterschiedlichen Vorstellungen in so ein Projekt. Wie schafft man es, alle Interessen unter einen Hut zu kriegen?

Sie haben Recht, Menschen engagieren sich aus persönlichen Wünschen heraus. Da ist es teilweise schwer, so einer zusammengewürfelten Gruppe Form und Struktur zu geben, aber eben auch notwendig, um voranzukommen. Unser Team muss sich immer wieder neu verständigen und miteinander aushandeln, wie es weitergeht.

Rückblickend würde ich sagen, sind wir doch ziemlich naiv an die Sache herangegangen. Das war wohl auch nötig, weil wir sonst gleich die Flinte ins Korn geworfen hätten. Ich habe festgestellt, dass man ganz viel Herzblut für so ein Projekt braucht. Ohne geht es nicht!

Die Feuerstelle ist auf dem Abenteuerspielplatz schon fertig. Foto: Abenteuerspielplatz Lahr

 

Gibt es Unterstützung seitens der Stadt?

Die Stadt Lahr hat uns, wie gesagt, das Gelände im Hebelpark zur Verfügung gestellt und außerdem einen Zuschuss in Höhe von 15.000 Euro als Anschubfinanzierung bewilligt. Davon konnten die Materialien für die Baumaßnahmen auf dem Gelände gekauft werden. Außerdem werden darüber teilweise zwei geringfügig beschäftigte Mitarbeiter finanziert, die sich vor Ort um den Platz kümmern, Angebote betreuen, Sachspenden entgegennehmen und pädagogische Konzepte weiterentwickeln. Wie es finanziell weitergeht im nächsten Jahr ist noch unklar.

 

Das heißt, das Projekt könnte am fehlenden Geld doch noch scheitern?

Die Finanzierung ist tatsächlich unser größtes Problem. Aber wir sind guter Dinge und hoffen, dass es soweit nicht kommt. Die Organisation des Platzes steht. Im Moment sind wir dabei, einen Förderantrag für 2018 beim Deutschen Hilfswerk Fernsehlotterie zu stellen, um damit die beiden eingerichteten Mitarbeiterstellen und evtl. eine 3. Mitarbeiterstelle für drei Jahre zu sichern.

Hoffentlich bleiben die Tore noch lange geöffnet! Foto: Abenteuerspielplatz Lahr

Wenn das klappt, verbessert sich unsere Position gegenüber potentiellen Spendengebern und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass wir mit Hilfe weiterer Spenden und Fördergelder die notwendigen Anschaffungen im nächsten Jahr stemmen können. Das Fernziel ist, den Abenteuerspielplatz langfristig zu finanzieren, um ihn auf Dauer betreiben zu können.

Herzlichen Dank, Frau Feist, für das Gespräch. Wir wünschen gutes Gelingen und drücken die Daumen, dass die langfristige Finanzierung bald in trockenen Tüchern ist. Und allen, die noch überlegen, selbst ein solches Projekt auf die Beine zu stellen, rufen wir zu: Legt los! Es lohnt sich!

 

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