ERINNERN WIR UNS ANS EIGENE SPIEL

Neulich bin ich durch Zufall auf dieses Spielplatz-Foto aus meiner Kindheit gestoßen. Auf dieser Schaukel ging es damals hoch hinaus und wir haben uns groß und stark gefühlt. Weil oder obwohl es riskant war? Erinnerungen ans eigene Spielen helfen mir heute, meinen Kindern mehr Freiraum zu gewähren. Ich denke, wir sollten uns alle mehr erinnern…

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Mit sechs Jahren auf meiner Lieblingsschaukel. Foto: privat

Ich hab mich stark und groß gefühlt

Ich bin übrigens das Mädchen, das nur von hinten zu sehen ist, blonde lange Haare, rote Jacke, gelbe Gummistiefel, damals ca. sechs Jahre alt. Ich erinnere mich noch sehr gut. Auf dieser Schaukel ging richtig die Post ab. Jeweils am Ende stand einer von uns – mit beiden Füßen auf der schmalen Sitzlehne – die Hände fest am Schaukelgestänge. Im Stehen holten wir richtig kräftig Schwung und flogen so hoch wir konnten.

In meiner Erinnerung war das sehr hoch und es war toll! Ich hab mich groß und stark gefühlt. Obwohl oder weil es riskant war?! Angst hatte ich jedenfalls keine. Auch wenn mir irgendwie klar war, dass ich im hohen Bogen von der Schaukel fliegen würde, wenn’s schief ging. Doch gemeinsam hatten wir die Schaukel fest im Griff, da waren wir uns sicher.

Ich hab gelernt ihnen zu vertrauen

Heute bin ich erwachsen und habe selbst zwei Kinder, fünf und acht Jahre alt. Ich möchte, dass auch sie häufig Gelegenheiten bekommen, spielerisch ihre eigenen Grenzen zu testen. Sie sollen die Chance erhalten, Herausforderungen eigenständig zu meistern und daran zu wachsen. Und ich hoffe, sie erleben viele intensive Momente, die sich für sie so gut anfühlen, wie für mich damals auf meiner Lieblingsschaukel.

Das bedeutet, ich muss in der Lage sein, meine Ängste und Sorgen in bestimmten Momenten bewusst hintenanzustellen. Wenn sich meine Kinder zum Beispiel auf dem Spielplatz in Situationen begeben, von denen ich befürchte, sie seien zu gefährlich, denke ich zwar oft innerlich „Oh je, hoffentlich geht das gut?!“ Aber nach außen strahle ich Zuversicht aus und rufe maximal: „Haltet euch gut fest!“.

Ich habe gelernt, genauso in die Fähigkeiten meiner Kinder zu vertrauen wie sie es selbst tun. Erinnerungen an meine eigene Kindheit, wie oben beschrieben, helfen mir dabei, mich besser zurückzunehmen. Dadurch ermögliche ich Freiräume, in denen meine Kinder sich ausprobieren können. So schaukeln sie in meinen Augen, vielleicht manchmal einen bisschen zu wild, klettern auf ziemlich wackelige Bäume, balancieren auf sehr hohen Mauern. Und das alles, weil sie es sich zutrauen. Das mit anzusehen, fällt mir manchmal nicht leicht, aber ich halte das aus.

Sicherheit heißt nicht gleich null Risiko

Zitat: Jesper Juul, Foto: familylab.de

Zitat: Jesper Juul, Foto: familylab.de

Nicht wenige Eltern, so mein Eindruck, gehen die Sache jedoch völlig anders an. Sie fokussieren sich auf ihre Ängste und Sorgen und räumen jede noch so kleine Gefahr aus dem Weg, damit sich ihre Kinder beim Spielen nicht verletzen. Und so engen sie nicht nur ihre eigenen Kinder ein („Renn‘ nicht zu schnell.“, „Kletter nicht zu hoch.“ „Komm da runter, das ist zu gefährlich.“). Sondern sie beschweren sich über vermeintlich zu gefährliche Spielplätze: die Rutsche ist zu steil, die Steine zu kantig, die Brennnesseln zu nah, das Wasser zu tief, die Mauer zu hoch, etc.

Dass dieser Ansatz kontraproduktiv ist, steht auch in den Europäischen Sicherheitsnormen für Spielplätze. Dort wird nämlich darauf hingewiesen, dass „kalkulierbare Risiken“ erwünscht sind und blaue Flecken und sogar Armbrüche, die durch das Spielen verursacht wurden, durchaus zum Erfahrungsspielraum von Kindern dazugehören. Kinder lernen dabei: „Wenn ich in Brennnesseln greife, tut das weh.“ und „Wenn ich auf einen Stein falle, ist das extrem schmerzhaft.“ Beim nächsten Mal wissen sie es besser und können ähnliche Situationen treffender einschätzen.

Erinnert euch an früher! Traut euren Kindern mehr zu!

Zu viel Vorsicht verhindert diese elementaren Erfahrungen und beschneidet Entwicklungschancen. Aber damit nicht genug. Genau genommen, reduziert zu viel Vorsicht die Möglichkeiten aller Kinder! Denn ein Zusammenhang darf nicht unterschätzt werden: Wenn auf Drängen übervorsichtiger Eltern Spielplätze entsprechend nachgebessert oder bei der Neugestaltung von vornherein jegliches „Risiko“ ausgeschlossen wird, dann wächst zwangsläufig die Anzahl übersicherter Spielplätze. Auf denen gibt es dann nicht mehr viel Spannendes zu entdecken oder Schwieriges zu meistern. Kinder langweilen sich und bleiben im schlimmsten Falle fern.

Was können wir dieser Entwicklung entgegen setzen? Mein Wunsch wäre: Kramt in euren Fotoalben oder Köpfen! Erinnert euch an früher! Wie und was hab ich eigentlich gespielt? Was hat mir damals besonders wie viel Spaß gemacht und warum? Wie viel Risiko war mit dabei und wie hat es sich angefühlt, etwas Schwieriges alleine geschafft zu haben?

Ich bin mir sicher: Unsere Erinnerungen an das eigene Spiel stärken das Vertrauen in die Fähigkeiten unserer Kinder und lassen uns etwas entspannter mit den Risiken des Alltags umgehen. Wenn wir alle am gleichen Strang ziehen, könnte in Zukunft wieder mehr spannender Spielraum entstehen. Zu idealistisch? Ja, vielleicht. Aber es wäre ein Start und es kommt auf einen Versuch an.

Welcher Typ bist du: „sicher ist sicher“ oder „no risk, no fun“? Welche Erinnerungen ans eigene Spiel sind hängengeblieben?

 

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