„FREIHEIT MUSS MAN BARFUSS SPÜREN“

Kürzlich wurde der Penzberger Barfußpfad auf Spielplatztreff eingetragen – ein Spielplatz für nackte Füße sozusagen. Hier heißt es: Schuhe und Strümpfe aus und mit allen Sinnen rein ins Naturvergnügen. Lorenz Kerscher, der diesen Barfußpfad betreibt, ist sich sicher: „Vollkommene Bewegungsfreiheit gibt es nur mit nackten Füßen.“ Das wollte ich genauer wissen… 

Mit nackten Füßen die "vollkommene Bewegungsfreiheit" genießen. Foto: Lorenz Kerscher

Mit nackten Füßen die „vollkommene Bewegungsfreiheit“ genießen. Foto: Lorenz Kerscher

Herr Kerscher, es ist Herbst – und trotzdem noch Barfuß-Wetter?

Kerscher: Auf jeden Fall! Der Herbst ist noch lange keine kalte Jahreszeit. Es gibt zwar Wetterstürze, die Kälte bringen, aber danach bilden sich oftmals stabile Hochdruckwetterlagen mit viel Sonnenschein.

Im Herbst ist das Gras feucht und wunderbar weich und die Blätter leuchten in den schönsten Farben. Foto: Lorenz Kerscher

Im Herbst lässt sich prima barfuß laufen. Das Gras ist wunderbar weich und die Blätter an den Bäumen leuchten in den schönsten Farben. Foto: Lorenz Kerscher

Dieser „Goldene Oktober“ ist die schönste Zeit zum Barfußlaufen. Der Untergrund, vor allem das Gras, ist feucht und wunderbar weich, aber keinesfalls zu kalt. Der Klee blüht längst nicht mehr, also besteht auch keinerlei Gefahr, auf Bienen zu treten. Lediglich dort, wo Fallobst liegt, muss man auf Wespen achten. Die sonnenbeschienene Herbstfärbung zusehen und barfuß das weiche Gras zu spüren, ist für mich eine Vorahnung auf das Paradies! Wenn die Temperaturen irgendwann dauerhaft auf unter zehn Grad fallen, ist dann leider auch für mich Schluss mit dem Barfußglück…

 

Sie sind Barfuß-Fan. Erklären Sie uns Schuhträgern mal: Was ist so besonders toll am Barfußlaufen?

Kerscher: Ich liebe das Gefühl vollkommener Bewegungsfreiheit, das sich nur einstellt, wenn ich die Füße vollkommen frei bewegen kann. Freiheit muss man barfuß spüren. Es ist ein wunderbares Erlebnis, den Boden in seiner ganzen Vielgestaltigkeit zu spüren: weiches Moos und Gras, Erde, in die man die Zehen eingraben kann, harte Wurzeln und Steine, auch jahrhundertealte Pflastersteine in historischen Altstädten.

Ich spüre, dass beim Barfußlaufen die Bewegung harmonischer wird, die Haltung sich verbessert, Schmerzen an Knien, Hüften und Rücken verschwinden. Wie sich viele andere Menschen diesem Zugewinn an Lebensqualität verschließen können, ist mit ein Rätsel.

Lorenz KerscherLorenz Kerscher (63), Biochemiker und seit Kurzem in Rente, lebt mit seiner Familie in Penzberg, südlich von München. Er ist Hobby-Musiker und passionierter Barfuß-Läufer: „Ich gehe vor Frühlingsbeginn bis Spätherbst fast nur barfuß, auch dort, wo vielleicht jemand komisch schauen könnte.“ Auch deshalb betreibt er den Penzberger Barfußpfad (Eintritt kostenlos), sammelt im Internet Infos zu Barfußparks in Deutschland und ist Autor des Methodenbuchs „Barfuß werden wir beweglich“ für Familien, Schulen, Vereine und Heileinrichtungen.

 

Sie betreiben selbst den Penzberger Barfußpfad. Was erwartet die Besucher dort?

Kerscher: Die Besucher werden sofort von der Landschaft verzaubert sein, vom Blick über die Wiese auf die naheliegenden Berge, auf das wunderschöne barocke „Hubkircherl“ (in dem meine Kinder getauft wurden), auf einen kleinen See.

Penzberger Barfußpfad

Der Penzberger Barfußpfad ist wunderschön gelegen. Foto: Lorenz Kerscher

Auf dem 1,8 Kilometer langen markierten Barfußspazierweg passieren die Gäste als erstes einen kleinen Spielplatzbereich und werden ihre Kinder überreden müssen, diesen erst auf dem Rückweg zu nutzen.

Die gelben Fuß-Wegweiser führen die Besucher den Barfußpfad entlang. Foto: Lorenz Kerscher

Die gelben Fuß-Wegweiser führen die Besucher den Barfußpfad entlang. Foto: Lorenz Kerscher

Natürlich werden auch die Spielgeräte im Prenzberger Barfußpark barfuß beklettert. Foto: Lorenz Kerscher

Natürlich werden auch die Spielgeräte im Prenzberger Barfußpark barfuß beklettert. Foto: Lorenz Kerscher

Das ist nicht allzu schwierig, denn schon in Sichtweite findet sich eine außergewöhnliche Attraktion, der „Nationenstamm“. Menschen aus über 80 Ländern dieser Erde leben in Penzberg friedlich miteinander und haben auf dem Stadtfest 2013 große Fußabdrücke in ihren Nationalfarben auf Baumstämme gemalt. Daraus wurde dann eine über 80 Meter lange Balancierstrecke auf dem Barfußpfad. Beim Rübergehen testen die Besucher dann, welche Länder sie an ihren Farben erkennen können. Dann führt der Barfußweg über angenehmen Wald- und Wiesenboden und zwischendurch über Felder mit unterschiedlichen Materialien und über weitere Balancierstrecken.

Sehr beliebt im Penzberger Barfußpfad: Die 80 Meter Balancierstrecke mit den Fußabdrücken in verschiedenen Nationalfarben. Foto: Lorenz Kerscher

Sehr beliebt im Penzberger Barfußpfad: Die 80 Meter Balancierstrecke mit den Fußabdrücken in verschiedenen Nationalfarben. Foto: Lorenz Kerscher

Untergründe mit verschiedenen Materialien (hier Zapfen) vervielfältigen und intensivieren die Sinneserfahrungen. Foto: Lorenz Kerscher

Untergründe mit verschiedenen Materialien (hier Zapfen) vervielfältigen und intensivieren die Sinneserfahrungen. Foto: Lorenz Kerscher

An der tiefsten Stelle sind einige Schlammlöcher entstanden, die immer tiefer werden und irgendwann der Schauplatz der Castingshow „Penzberg sucht die Moorleiche“ sein werden. Deshalb empfiehlt es sich, die Kinder so leicht wie möglich zu bekleiden, damit danach die Waschmaschine nicht überfordert wird.

Mit ein paar harmlosen Schritten durch seichtes Wasser beginnt die Schlammschlacht auf dem Penzberger Barfußpfad. Foto: Lorenz Kerscher

Mit ein paar harmlosen Schritten durch seichtes Wasser beginnt die Schlammschlacht auf dem Penzberger Barfußpfad. Foto: Lorenz Kerscher

In diesem Schlammloch können die Besucher mit ihren nackten Füßen mal so richtig ausgiebig rummatschen. Foto: Lorenz Kerscher

In diesem Schlammloch können die Besucher mit ihren nackten Füßen mal so richtig ausgiebig rum matschen. Foto: Lorenz Kerscher

 

Wovon sind Ihre Besucher hinterher am meisten überrascht?

Kerscher: Die Leute sind überrascht, dass ihnen ein so einfaches Freizeitangebot so viel Freude macht. Ich sehe dabei, dass die Kinder und Leute die Liebe spüren, mit der ich so vieles an dem Pfad einfach selber mache. Vor allem die Schlammstrecken, die ganz von alleine entstanden sind und immer größer und tiefer werden, lösen hemmungslose Begeisterung aus.

Nach dem Matschen im Schlammloch geht es auf Schlamm-„Strümpfen“ weiter durch den Prenzberger Barfußpark. Foto: Lorenz Kerscher

Nach dem Matschen im Schlammloch geht es auf Schlamm-„Strümpfen“ weiter durch den Prenzberger Barfußpark. Foto: Lorenz Kerscher

Das ist ein richtig schönes und auch gesundes Kontrastprogramm zu dem Hygienewahn, dem unser Alltag sonst oft unterworfen ist. Nichts gegen Hygiene an der richtigen Stelle, nämlich in der Krankenpflege und in der Lebensmittel- und Arzneimittelproduktion! Aber von ein wenig Schlamm zwischen den Zehen ist noch niemand krank geworden. Am Ende des Rundgangs kann man ihn auch abwaschen oder am nahegelegen Badeplatz vollständig loswerden.

Keine Sorge: Niemand muss den Schlamm mit nach Hause nehmen. Foto: Lorenz Kerscher

Keine Sorge: Niemand muss den Schlamm mit nach Hause nehmen. Foto: Lorenz Kerscher

Wie sind Sie auf die Idee für den Barfußpfad gekommen?

Kerscher: Bei meinen ersten Ausflügen im Internet bin ich auf den Barfußpfad von Bad Sobernheim an der Nahe gestoßen, der nach wie vor eines der attraktivsten Ausflugsziele seine Art ist. Da ich für mein Leben gerne barfuß gehe, wollte ich so etwas auch vor meiner Haustüre haben.

Das ist mit dem Penzberger Barfußpfad gelungen. Es steckt zwar auch eine Menge Arbeit drin – im Durchschnitt kümmere ich mich etwa vier Stunden pro Woche um den Barfußpfad, damit alles in gutem Zustand bleibt (einige gröbere Arbeiten kann ich an den städtischen Bauhof delegieren). Aber an jedem schönen Tag treffe ich dort Dutzende fröhlicher Kinder und Leute und fühle mich damit reichlich belohnt für meine Initiative.

Hier gibt’s noch mehr Eindrücke vom Penzberger Barfußpark:

 

Also auf zum Penzberger Barfußpfad! Und für alle, die nicht in der Nähe wohnen… Lorenz Kerscher hat im Internet ein Verzeichnis vieler Barfußparks in ganz Deutschland angelegt. Der Klick dorthin lohnt sich. Bestimmt findet ihr ein Angebot auch in eurer Nähe. Der Oktober wird golden!!! 🙂

Herzlichen Dank, Lorenz Kerscher, für das tolle Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit Ihrem Barfußpfad-Projekt!

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Eine Antwort auf „FREIHEIT MUSS MAN BARFUSS SPÜREN“

  1. Zusammen mit meinem Partner, war ich im Juni 2014 auf dem Penzberger Barfußpfad unterwegs. Bei 11 °C Außentemperatur waren es leider weniger Besucher, als wir es im Juni sonst erwarten würden. An alle, die ihre Füße immer „zum Schutz vor Kälte“ in geschlossene Schuhe packen: Die Füße waren hinterher noch lange „wohlig warm“ und gut durchblutet.
    Der Pfad wir mit sehr viel Liebe gewartet. Ist sehr zu empfehlen, für Kinder und für Erwachsene. Ansonsten gilt für mich, die Aussage auf Lorenz‘ Internetseite: „Die ganze ist Barfußpark“.

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