SPIELPLATZ-SICHERHEIT: „DAS HIER IST KEIN LARIFARI“

Spielplätze sollen sicher sein. Keine Frage. Doch wie sicher ist sicher? Und was tun Betreiber, um die Sicherheit zu gewährleisten? Antworten auf diese Fragen und Tipps, wie auch wir Eltern zur Spielplatz-Sicherheit beitragen können, habe ich von Dietmar Hagen, Schreinermeister und Werkstattleiter bei der Stadt Köln, erfahren.  

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Dietmar Hagen (rechts) testet mit seinem Kollegen die Spannkraft der Seilbahn.  Foto: Schilling

Dietmar Hagen (42 Jahre alt, zweifacher Vater) gibt noch mal ordentlich Schwung und schon saust der Sitz der Seilbahn mit seinem Kollegen das Seil entlang. Was auf den ersten Blick wie Spaß aussieht, ist in Wirklichkeit Arbeit. Hagen überprüft, ob das Seil noch genügend Spannkraft hat.

Als Werkstattleiter ist Dietmar Hagen nicht täglich auf Spielplätzen unterwegs. Vielmehr fungiert er als Schnittstelle zwischen allen Ämtern und Personen (Amt für Kinderinteressen, Sachverständige, Ingenieure, Hersteller, etc.), die sich mit dem Thema Sicherheit auf den Köllner Spielplätzen befassen.

An diesem Tag sind wir auf dem Spielplatz Leipziger Platz verabredet und Dietmar Hagen zeigt mir die Arbeit eines Spielplatzprüfers. Gemeinsam mit seinem Kollegen gehen wir von Gerät zu Gerät und testen, ob noch alles in Ordnung ist. Mit dabei – der Koffer mit den Prüfkörpern, mit denen genaue Abstände an den Geräten gemessen und verschiedene Sicherheitschecks durchgeführt werden können.

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Koffer mit Prüfkörpern und Hilfsutensilien für die Spielplatz-Kontrolle. Foto: Schilling

Mit diesem kleinen Metallstab wird zum Beispiel ein kindlicher Finger simuliert. Damit lässt sich an Spielgeräten nach gefährlichen Stellen suchen, an denen Finger eingequetscht werden können. Hier werden an der Kletterspinne die Halterungen der Seite überprüft, ob sich dort evtl. im Laufe der Zeit Fingerfangstellen gebildet haben. Alles in Ordnung.

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Haben sich an den Seilhalterungen Fingerfangstellen gebildet? Foto: Schilling

 

Das Ziel ist nicht die 100-prozentige Sicherheit

Wir gehen zusammen zum nächsten Gerät und ich frage Hagen, ob ein Spielplatz denn wirklich 100-prozentig sicher sein kann. “Das Ziel unser Arbeit ist es nicht, alle Risiken auf einem Spielplatz zu beseitigen. Denn Kinder sollen ihre eigenen Erfahrungen machen, sie sollen auch mal runterfallen und sich eine Schramme holen dürfen. Selbst Knochenbrüche sind mit einkalkuliert. So steht es auch in den Sicherheitsnormen für Spielplätze.”, antwortet Hagen.

Vielmehr ist es die Aufgabe der Sicherheitsexperten, versteckte Gefahrenquellen, wie Fäulnis an tragenden Pfosten, abreißende Teile durch Verschleiß oder scharfkantige Stellen an defekten Oberflächen, zu erkennen und zu beseitigen. So soll Unfällen mit bleibenden Schäden (z. B. abgetrennte Finger) oder sogar mit Todesfolge (z. B. durch Strangulation) vorgebeugt werden, die durch solche versteckten Gefahren ausgelöst werden könnten.

Ein Federtier – fast auf jedem Spielplatz zu finden – darf zum Beispiel nicht plötzlich aus seiner Verankerung reißen und dann umfallen. Dabei könnte sich ein Kind schwer verletzen. Um das zu überprüfen, lehnt sich Hagens Kollege mit seinem ganzen Körpergewicht gegen das Federtier und schaut, wie fest die Verankerung im Boden sitzt. Alles vorschriftsmäßig.

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Ist die Verankerung im Boden noch fest? Foto: Schilling

Bei der Rutsche wird nachgemessen, ob noch genügend Sand am Rutschenende liegt, der als Fallschutz für die Kinder dient. Wenn nicht, wird wieder Sand nachgeschippt. Aber hier ist alles in Ordnung.

Liegt am Ende der Rutsche noch genügend Sand als Fallschutz? 40 Zentimeter müssen es sein. Foto: Schilling

Liegt am Ende der Rutsche noch genügend Sand als Fallschutz? Foto: Schilling

Sorgfältig werden auch die Oberflächen der Spielgeräte mit den Händen abgetastet, um zu sehen, ob hier vielleicht durch Verschleiß neue Gefahrenquellen entstanden sind. Auch an der Wippe alles okay.

Die Oberflächen der Geräte werden auf Verschleiß geprüft. Foto: Schilling

Die Oberflächen der Geräte werden auf Verschleiß (z. B. Splitter am Holzsitz) geprüft. Foto: Schilling

Spielgeraete Sicherheit DIN EN 1176Wie oft muss ein Spielplatz überprüft werden? Lt. der Europäischen Sicherheitsnorm für Spielplätze DIN 1176 gibt grundsätzlich: Die Spielplatz-Betreiber sind für die Verkehrssicherheit der Spielplätze zuständig. Um diese zu gewährleisten, müssen Spielplätze einmal pro Woche zur so genannten visuellen Inspektion angefahren werden. So verlangt es die DIN für Spielplätze. Zusätzlich geht jeder Spielplatz einmal im Monat durch die operative Inspektion. Der Prüfintervall kann aber auch acht oder 12 Wochen betragen, je nachdem wie intensiv der Spielplatz besucht ist und abhängig davon welche Spielgeräte auf dem Spielplatz stehen. Eine Seilbahn muss zum Beispiel öfter auf ihre Funktion überprüft werden als ein Basketballkorb. Einmal jährlich wird die besonders gründliche Hauptinspektion durchgeführt.

  

Wenn Eltern selbst zur Gefahrenquelle werden…

Manchmal wird ein Spielplatz übrigens erst durch die unsachgemäße Benutzung der Geräte unsicher. Indem Eltern in bester Absicht ihre Kinder auf Geräte heben, die für die Altersstufe nicht geeignet oder gar nicht zum Beklettern vorgesehen sind, umgehen sie versehentlich Barrieren, die bewusst von den Spielgeräte-Herstellern eingebaut worden sind. So bringen Eltern ihre Kinder in gefährliche Situationen und werden unbewusst selbst zur Gefahrenquelle für ihre eigenen Kinder.

Auf dem Spielplatz: Helm ab!Ein weiteres Problem: Viele Eltern denken immer noch, es ist sicherer für ihr Kind, wenn es beim Klettern den Fahrradhelm auf dem Kopf behält, um bei einem vermeintlichen Absturz geschützt zu sein. Aber das Gegenteil ist der Fall. Gerade auf den beliebten Kletterseil-Anlagen, kann diese Idee zur lebensbedrohlichen Gefahr für die Kinder werden. Sie bleiben beim Absturz mit dem Helm in den Seilzwischenräumen stecken und strangulieren sich.

Mit einem Prüfkörper, der den Kopf eines Kindes simuliert, werden die Seil-Zwischenräume an der Kletterspinne überprüft. Foto: Schilling

Mit einem Prüfkörper, der den Kopf eines Kindes simuliert, werden die Seil-Zwischenräume an der Kletterspinne überprüft. Foto: Schilling

Die Seilzwischenräume und die Prüfkörper (siehe Foto), mit denen diese kontrolliert werden, sind auf die durchschnittliche Kopfgröße von Kindern OHNE Helm ausgelegt. Deshalb gilt in jedem Fall: Helm ab auf dem Spielplatz!

 

Wir sind uns der großen Verantwortung bewusst

Angst, bei ihrer Arbeit etwas zu übersehen, haben Dietmar Hagen und seine Kollegen nicht. Dafür sind sie zu erfahren und zu gut ausgebildet. Alle zwei Jahre frischen die Spielplatzprüfer in Köln ihr Wissen während einer Sicherheitsschulung auf, das ist Vorschrift. Durch den Austausch mit den Kollegen aus den anderen Stadtbezirken kommt keine Routine auf und gerade bei ungewöhnlichen Mängeln kann eine zweite Meinung hilfreich sein. „So lernt man nie aus und bleibt sensibilisiert. Das ist wichtig, gerade bei der riesigen Verantwortung, die auf uns lastet. Denn man muss sich schon jeden Tag bewusst machen, das ist hier kein Larifari, sondern es geht hier um die Sicherheit der Kinder“, sagt Hagen mit ernster Miene.

Ein besonderes Augenmerk legen die Sicherheitsexperten dabei auf die tragenden Holzpfosten der Spielgeräte. Die Pfosten werden in regelmäßigen Abständen freigeschaufelt, es gibt Klopfproben am Holz, bei denen sich am Geräusch erkennen lässt, ob sich im Innern Hohlräume gebildet haben oder manchmal kommt der Resistograph (Bohrwiderstandsmessgerät) zum Einsatz, die genauste Methode, um den Zustand der Holzstämme zu überprüfen. Grundsätzlich gilt: Ein Stamm wird eher zu früh als zu spät ausgetauscht, um auf der sicheren Seite zu sein.

Damit die Spielgeräte so schnell wie möglich wieder im Einsatz sind, werden möglichst viele Reparaturen, wie Muttern festziehen, Ketten kürzen, Holzsplitter entfernen, morsche Bretter austauschen, schon vor Ort ausgeführt. Dafür sind die Prüfer-Teams (immer ein Schreiner und ein Schlosser) bei ihren Funktionskontrollen in Köln mit so genannten Werkstattwagen unterwegs, ausgestattet mit Werkzeug, wie Schweißgerät, Bohrmaschinen, Schlagschrauber etc..

Mit diesem voll ausgestatteten Werkstattwagen sind die Prüfer unterwegs, um Reparaturen gleich vor Ort durchzuführen. Foto: Stadt Köln

Mit diesem voll ausgestatteten Werkstattwagen sind die Prüfer unterwegs, um Reparaturen gleich vor Ort durchzuführen. Foto: Stadt Köln

Werden Schäden festgestellt, die nicht vor Ort zu beheben sind, montieren die Sicherheitsexperten die Teile ab (z.B. der Schaukelsitz, damit nicht mehr geschaukelt werden kann) oder sperren Geräte ab und erteilen den Auftrag für die Reparatur.

 

Die Leute kommen mit dem Bolzenschneider

Es ist aber nicht der Verschleiß der Spielgeräte, der den Prüfern die größten Sorgen bereitet. Ein ganz großes Thema ist leider der Vandalismus. Da werden ganze Edelstahlrampen geklaut, Schaukelketten abgeschnitten, Tischtennisplatten aus der Verankerung gerissen. Die Leute kommen mit dem Bolzenschneider, fahren teilweise mit richtig schwerem Werkzeug vor und lassen auf dem Spielplatz ihrer Zerstörungswut freien Lauf.

Hilflos wieder und wieder die gleichen Vandalismus-Schäden zu reparieren, ist eines der unangenehmsten Aufgaben für die Spielplatz-Prüfer: „Wenn wir alle vier Wochen immer wieder den gleichen Schaukelsitz erneuern mussten, weil die Gummiumrandung (Aufprallschutz) von Hunden zerbissen wurde, dann hängen wir die Schaukel für eine Weile ab, in der Hoffnung, dass es dann aufhört.“, sagt Dietmar Hagen leicht frustriert.

Auch die Gummiumrandungen von Schaukelsitzen werden kontrolliert. Foto: Schilling

Auch die Gummiumrandungen von Schaukelsitzen werden kontrolliert. Foto: Schilling

Die Zerstörungswut macht leider auch vor ganz neuen Geräten nicht halt. Dietmar Hagen erzählt mir von einem neuen Piratenschiff, das noch mit einem Bauzaun umgeben war. Noch bevor dieses Piratenschiff eingeweiht werden konnte, hatten die Randalierer bereits in großen Buchstaben das Wort „Weed“ (Englisch für Gras, Haschisch) eingebrannt. „So was zu sehen, macht mich schon sehr traurig. Denn es betrifft letztendlich die Kinder, die dann dort nicht mehr spielen können.“, so Dietmar Hagen.

Was dagegen tun? Grundsätzlich gute Erfahrungen hat die Stadt Köln mit ihrem Konzept der Spielplatzpaten gemacht. Das sind engagierte Bürgerinnen und Bürger, die sich bereit erklären, ehrenamtlich auf einem Spielplatz nach dem Rechten zu schauen, als Ansprechpartner für die Spielplatz-Besucher vor Ort zu fungieren und direkt den Verantwortlichen Bescheid zu sagen, wenn sie vor Ort gebraucht werden.

 

Professionelles Arbeiten ist das A und O für die Sicherheit

Wie sicher Spielplätze sind, hängt aus Hagens Sicht von zwei wesentlichen Faktoren ab: “Die Arbeitsabläufe müssen gut strukturiert sein und die Mitarbeiter regelmäßig geschult werden. Das ist die Voraussetzung, um die Sicherheit auf deutschen Spielplätzen zu gewährleisten. Wir sind in Köln mittlerweile sehr gut aufgestellt und sind stolz auf unseren guten Ruf, den wir uns in den letzten Jahren als Spielplatz-Prüfer erarbeitet haben.”

Der Verwaltungsaufwand ist allerdings auch enorm hoch und hat in den letzten 10 bis 15 Jahren deutlich zugenommen. Einerseits erfordert professionelles Arbeiten die reibungslose Kommunikation zwischen allen beteiligten Ämtern. Denn nur so weiß die eine Hand, was die andere tut. Dringende Reparaturen werden nicht vergessen und es werden keine Geräte repariert, die eigentlich schon auf der Streichliste standen und ein paar Wochen später hätten entsorgt werden sollen. Das ist früher alles vorgekommen, heute nicht mehr, versichern mir die beiden.

Zum anderen ist es für die Absicherung der Stadt notwendig, den Sicherheitsstand eines Spielplatzes genau zu dokumentieren. Hagen dazustolz: „Wir können alles belegen. Es gibt für jeden Spielplatz ein Kontrollblatt mit Angaben zur Lage des Platzes, Datum und Uhrzeit der Kontrolle, Name der Prüfer, Geräteausstattung, so dass die geprüften Geräte abgehakt und ggf. mit Notizen versehen werden können, welche Mängel wurden festgestellt, welche Maßnahmen ergriffen usw.“

 

„Manchmal dürfen wir auch kreativ sein“

Doch nicht nur genaues Arbeiten und Dokumentieren sind entscheidend. Manchmal sind kreative Ideen gefragt, wie mir Hagen mit einem Augenzwinkern erzählt als er stolz die selbst entwickelten Gummischutzkappen für die Kettenglieder der Nestschaukel präsentiert. Diese werden inzwischen bei vielen Nestschaukeln montiert.

Die Gummikappen als Schutz für die Kettenglieder der Nestschaukel sind eine Eigenerfindung der Kölner Spielplatzprüfer. Foto: Schilling

Die Gummikappen als Schutz für die Kettenglieder der Nestschaukel sind eine Eigenerfindung der Kölner Spielplatzprüfer. Foto: Schilling

Eigene Lösungen für immer wieder auftauchende Schwachstellen zu entwickeln, die die Arbeit erleichtern und die Spielgeräte sicherer machen, macht besonders viel Spaß.

Auf meine Frage, was das tollste daran sei, für die Spielplatzsicherheit zu sorgen, antwortet Hagen ohne zu zögern: „Unser Job hält jung. Man kommt sehr viel mit Kindern in Kontakt. Ich freue mich, dafür sorgen zu können, dass Kinder unbesorgt spielen können. Ich gucke Spielplätze jetzt mit anderen Augen an und ich erlebe bewusst, wie unterschiedlich die Kinder mit den selben Spielgeräten umgehen. Mein Großer will mit seinen acht Jahren natürlich schon immer hoch hinaus, meine 2-jährige Tochter erkundet den Spielplatz lieber im noch im Kleinen. Durch meinen Job habe ich einen tieferen Einblick in das Thema Sicherheit bekommen. Das tut richtig gut.“

Vielen Dank für diesen ausgesprochen interessanten Spielplatz-Ausflug zum Thema Sicherheit. 

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3 Antworten auf SPIELPLATZ-SICHERHEIT: „DAS HIER IST KEIN LARIFARI“

  1. Marie sagt:

    Ein sehr wichtiges Thema. Unsere Kleine hat sich erst vor kurzem auf dem Spielplatz verletzt. So etwas ist total bescheiden und es war echt schlimm. Toller Beitrag, bitte weiter so!!!

  2. Vielen Dank für diesen sehr informativen Beitrag zum Thema Sicherheit!

    Leider sieht man immer wieder Spielplätze und Geräte, die einen geradezu fadenscheinigen Eindruck machen. Morsche Stützen von Kletterhäuschen zum Beispiel. Es ist immer gut zu wissen, an wen man sich dann wenden kann und es ist noch besser zu sehen, dass auch proaktiv gehandelt wird.
    Es kommt wohl (leider) auch darauf an, wieviel Engagement in der Stadt oder Gemeinde für Kinder übrig bleibt und ob die offiziellen Prüfintervalle dann auch eingehalten werden.

    In diesem Sinne auf unbeschwertes und sicheres Spielen
    Ian

  3. derWerkstattwagen sagt:

    Wichtiges Thema und ein sehr gut geschriebener Beitrag, vielen Dank.

    Beste Grüße
    Peter

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