„WIR MUSSTEN ERST MAL SCHERBEN, MÜLL UND KIPPEN WEGRÄUMEN.“

Vor fünf Jahren gründet Nicola Hengst-Gohlke die Initiative „Spielplatzpaten für Mettmann“ und ist seitdem Dreh- und Angelpunkt, wenn es um Spielplätze in Mettmann geht. Ein Vollzeit-Ehrenamt, das sie einerseits mit Freude und Stolz über das Erreichte erfüllt, das sie andererseits aber auch nachdenklich stimmt: Erledigt sie einen Job, um den sich eigentlich die Stadt kümmern müsste?

 

Frau Hengst-Gohlke, Ihre Initiative „Spielplatzpaten für Mettmann“ wurde gestern mit dem LVR-Prädikat „kinderfreundlich“ ausgezeichnet. Erfüllt Sie das mit Stolz?

Prof. Dr. Rolle, Vorsitzender des Landesjugendhilfeausschusses (links), Nicola Hengst-Gohlke, Jan, und Bürgermeister von Mettmann Bernd Günther. Foto: Schilling

Prof. Dr. Jürgen Rolle (links), Nicola Hengst-Gohlke, Jan, Reinhard Elzer vom LVR und Bürgermeister von Mettmann Bernd Günther. Foto: Schilling

Hengst-Gohlke: Ja, ein bisschen stolz kann ich schon sein. Wobei strahlende Kinderaugen definitiv immer noch der größte Lohn für meine Arbeit sind. Aber klar, ich habe mich natürlich riesig gefreut über die Auszeichnung!

Dennoch stimmt mich der Preis auch ein wenig nachdenklich. Denn ich frage mich: Ist das wirklich in Ordnung, dass die Stadt sich in diesem Punkt so sehr auf mich verlässt und ich mit meiner ehrenamtlichen Tätigkeit eine Lücke fülle, die eigentlich Sache der Stadt sein sollte?

lvr_praedikat_kinderfreundlich_logoDer Landschaftsverband Rheinland (LVR) zeichnet jährlich Projekte mit dem LVR-Prädikat „kinderfreundlich“ aus, die sich im besonderen Maße für die Belange von Kindern einsetzen und als Vorbild und Inspiration für andere Personen und Institutionen dienen können.

 

Wofür setzen Sie sich konkret ein?

spielplatzpaten-logo-5-jahreHengst-Gohlke: Die „Spielplatzpaten für Mettmann“ kümmern sich seit nunmehr fünf Jahren freiwillig um die Spielplätze in unserer Stadt. Auf 30 der 70 Spielplätze stadtweit schauen ehrenamtliche Spielplatzpaten nach dem Rechten und kümmern sich nachbarschaftlich um die Belebung der Plätze.

Außerdem führen wir jährlich den Weltspieltag am 28. Mai in Mettmann unter der Schirmherrschaft des Bürgermeisters durch, haben bereits eine Fachtagung zum Thema „Freiraumgestaltung für Kinder“ nach Mettmann geholt, sammeln Gelder für Spielgeräte und machen uns prinzipiell für das „Recht der Kinder auf Spiel“ und für das „Recht auf Beteiligung von Kindern und Jugendlichen“ in Mettmann stark. Und das alles ehrenamtlich, als Netzwerk ohne jegliche Rechtsform, ohne finanzielle Unterstützung der Stadt und ohne einen Spielplatzbeauftragten vor Ort.

Spielplatzpaten sind Personen, Vereine, Organisationen, die sich ehrenamtlich und freiwillig um Spielplätze kümmern, die nach dem Rechten sehen, Mängel melden, Spielplatzfeste organisieren und als Ansprechpartner vor Ort für die Kinder und Anwohner im Quartier da sind.

 

Was war der Auslöser für Ihr Engagement?

Jan auf der Rutsche. Foto: Nicola Hengst-Gohlke

Jan auf der Rutsche. Foto: Nicola Hengst-Gohlke

Hengst-Gohlke: Ganz klar mein Sohn Jan. Im Sommer 2009 ging ich mit ihm – damals war er zwei Jahre alt – auf einen der Mettmanner Spielplätze. Wir mussten an jenem Tag erst einmal Scherben, Müll, Zigarettenkippen wegräumen und mit Feuchttüchern die Rutsche saubermachen, deren Rutschfläche mit geschmolzener Schokolade beschmiert war.

Und während ich da so verärgert wischte und aufräumte, fragte ich mich: „Wer, verdammt noch mal, kümmert sich eigentlich in dieser Stadt um die Spielplätze?“ Später recherchierte ich im Internet und erfuhr, dass unter anderem die Stelle für „Spielplatzarbeit“ aufgrund der schlechten Haushaltssituation der Stadt gestrichen worden war. Eine kinderfreundliche Stadt – wie in Mettmann immer betont wird – ohne Spielplatzarbeit? Das passte nicht zusammen…

 

Also haben Sie beschlossen, die Lücke selbst zu füllen…

Hengst-Gohlke: Stimmt. Denn mein Sohn wollte jetzt spielen!!! Dazu passt auch gut ein Beispiel aus einem unserer aktuellen Projekte. Der Spielplatz in der Goethestraße ist schon seit längerem so gut wie unbespielbar. Die Holzspielgeräte sind in die Jahre gekommen und der Platz ist ständig nass und sehr, sehr matschig.

Unbespielbarer Spielplatz in der Goethestraße in Mettmann, Foto: Spielplatzpatin Claudia Aust

Unbespielbarer Spielplatz in der Goethestraße in Mettmann, Foto: Spielplatzpatin Claudia Aust

Die Stadt hat zwar ein jährliches Budget für die Sanierung von Spielgeräten von 70.000 Euro (das ist nicht viel, aber besser als nichts), darf diese Mittel aber erst im Sommer 2014, nach Genehmigung des Mettmanner Haushaltes durch den Kreis, einsetzen. Auf Initiative der zuständigen Spielplatzpatin hat die Stadt bereits für eine ganz notdürftige Sanierung dieses Platzes ein Budget in den Haushalt eingestellt. Aber selbst wenn das genehmigt wird, dann dauert es in der Regel weitere drei  Monate bis beispielsweise Spielgeräte ausgeliefert werden. Zudem möchte  meine zuständige Spielplatzpatin einfach mehr aus dem wunderschönen naturnahen Platz, gelegen in einem Park, machen. So werden wir uns in Absprache mit der Stadt Mettmann mit diesem Spielplatz für die Fanta Spielplatz-Initiative 2014 bewerben. Und wir hoffen, die 10.000 Euro Sanierungshilfe zu bekommen.

 

Gehen wir noch mal einen Schritt zurück. Wie haben Sie angefangen? Was waren Ihre ersten Schritte?

Hengst-Gohlke: Von Beginn an war mein primäres Ziel, die Spielplätze in Mettmann wieder bespielbar zu machen. Durch meine Recherchen im Internet wurde ich auf das Spielplatzpaten-Konzept aufmerksam, mit dem schon andere Kommunen gute Erfahrungen gemacht hatten. Mein Entschluss stand ziemlich schnell fest: So etwas wollte ich für Mettmann auch aufbauen.

Und so gründeten eine Erzieherin aus der Nachbarschaft und ich bereits eine Woche nach der anfangs erwähnten Säuberungsaktion kurzerhand die „Spielplatzpaten für Mettmann“. Schnell gewannen wir weitere Spielplatzpaten, es kamen Vereine dazu, ein erster Unternehmer und wir konnten sogar eine Grundschule mit 16 Schüler-Spielplatzpaten für die Idee begeistern.

Das entwickelte sich sehr rasant. Viele waren froh über unser Engagement und wollten unsere Idee gerne unterstützten. Ich merkte dann, wie ich zunehmend auch als Ansprechpartner für das Thema Spielplätze in Mettmann wahrgenommen wurde. Weitere Projekte kamen hinzu.

 

Das klingt nach sehr viel Arbeit. Würden Sie sich freuen, wenn die Stadt mehr Aufgaben übernehmen würde? Sie sprachen das anfangs an…

Hengst-Gohlke: Prinzipiell funktioniert die Zusammenarbeit mit der Stadt sehr gut. Wir treffen uns regelmäßig zum Austausch und wenn ich den Bürgermeister einlade, steht er als Schirmherr gerne bereit. Aber die früher hauptamtlich geleistete Spielplatzarbeit fehlt aus meiner Sicht.  Mettmann bezeichnet sich gerne als kinderfreundliche Stadt. Doch was das in puncto Spielplätze wirklich heißt, dazu gibt es keine Strategie.

Ich muss sagen, eine wirklich große Hilfe war und ist der ABA Fachverband, der sich in Nordrhein-Westfalen für die Belange von Spielplatzpaten einsetzt und mich immer wieder berät und unterstützt.

Auch mein Mann hilft mir natürlich sehr, indem er mir, besonders an den Wochenenden, oft den Rücken freihält für die vielen Veranstaltungen und Aktionen.

 

Wie könnte dieses Konzept für kinderfreundlichere Spielräume in Mettmann aussehen?

Hengst-Gohlke: Es steht mir nicht zu, Ihnen das an dieser Stelle zu beantworten. Wir setzen uns ja gerade dafür ein, dass die Spielplatznutzer, vor allem die Kinder- und Jugendlichen, in die Planung mit eingebunden werden. Insofern müsste ein Konzept erst noch gemeinschaftlich entwickelt werden. Ich würde diese Auszeichnung jedenfalls gerne als Startschuss und als Brücke für eine neue Qualität der Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen bei der Stadt und der Politik sehen.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Lokalpolitik das Thema noch ernster nimmt und Rahmenbedingungen schafft, unter denen eine enge Zusammenarbeit zwischen der Stadt mit allen Beteiligten – Baubetriebshof, Ordnungsamt, Stadtentwicklung, Grünflächenamt, Jugendamt und natürlich die Spielplatzpaten – möglich wird. Ein runder Tisch, der regelmäßig zum Thema Spielräume diskutiert und sich auf konkrete Maßnahmen verständigt und eine Person bei der Stadt, die alle Fäden in der Hand hält und die Prozesse koordiniert, Kompetenzen bündelt und alle stärker miteinander vernetzt, das wäre wichtig, um weiter voranzukommen.

 

Wir sind beeindruckt von so viel Power, gratulieren und wünschen Nicola Hengst-Gohlke weiterhin viel Erfolg, Kraft und Geduld für Ihre Arbeit. Danke für diese spannenden Einblicke. Zur Nachahmung dringend empfohlen! 

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