„PASS AUF, RENN‘ NICHT SO SCHNELL!“

Freiräume, auf denen sich Kinder ausprobieren können, sind der beste Schutz für unsere Kinder. Ein Gespräch mit Annette Kuhlig, Mitarbeiterin der Abteilung Prävention der Berliner Unfallkasse, über untrainierte Schutzreflexe, ungeeignete Spielplatz-Kleidung und Eltern, die nicht loslassen können. 

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Kleinere Verletzungen gehören dazu. Foto: Schilling

 

Frau Kuhlig, haben Unfälle auf Spielplätzen zugenommen?

Kuhlig: Zunächst einmal, um deutlich zu machen, über welche Zahlen wir hier sprechen: In den Statistiken der Berliner Unfallkasse erfassen wir alle Spielplatz-Unfälle, die im Rahmen der Kita- oder Schulbetreuung passieren. Dabei werden auch Unfälle auf öffentlichen Spielplätzen erfasst, sofern diese im Rahmen der Kita- oder Schulbetreuung besucht wurden.

Von diesen Rahmenbedingungen ausgehend, ist die Anzahl der Spielplatz-Unfälle in den letzten Jahren relativ konstant geblieben. 2008 wurden uns 85 Unfälle gemeldet, 2011 waren es 90 Unfälle (je 1000 Kinder). Der leichte Anstieg erklärt sich für uns dadurch, dass der Anteil der unter 3-jährigen Kinder zugenommen hat und die Kinder inzwischen im Schnitt deutlich länger betreut werden.

 

Was sind das für Unfälle?

Das sind häufig keine schweren Unfälle. Die meisten sind leichte Sachen, die verheilen und keine bleibenden Schäden hinterlassen, wie Beulen, Schürfwunden, kleine Verstauchungen.

Unser Ziel ist gar nicht, all diese Unfälle zu verhindern. Im Gegenteil, wir sagen, es ist gut, wenn Kinder auch mal hinfallen. Gerade wenn sie klein sind, gehört das dazu. Denn so erfahren sie, was passiert, wenn sie abrutschen oder das Gleichgewicht verlieren und trainieren ihre motorischen Fähigkeiten und ihre Schutzreflexe. Fallen will eben gelernt sein.

Wir wollen vor allem Unfälle mit schweren oder gar bleibenden Schäden vermeiden. Hierauf liegt unser Hauptaugenmerk. Leider zeigt sich jetzt schon über mehrere Jahre, dass sich die Kinder zunehmend bei solchen Alltagsbewegungen, wie laufen, rennen oder springen, verletzen. Die motorischen Fähigkeiten weisen also bei vielen Kindern Defizite auf.

 

Woran liegt es, dass Kinder sich heute nicht mehr so sicher bewegen?

Zum einen haben Kinder immer weniger Möglichkeiten, sich zu bewegen, sich also in Bewegung zu erleben und  auszuprobieren. Die Nachmittage verbringen sie oft zu Hause vor dem Fernseher oder vorm Computer.

Aber auch die Orte, an denen Kinder sich bewegen sollen, wie die Spielplätze, bieten häufig zu wenig Anregung, wirklich vielfältig in Bewegung zu kommen. Spielgeräte sind in ihrer Nutzung häufig festgelegt (schaukeln, rutschen, wippen) und viele Bewegungsabläufe können Kinder somit gar nicht ausprobieren bzw. trainieren.

Spielplatz Ecke Flander- / Badbrunnenstr. in Stuttgart, Foto: Spielplatztreff-User Tamaris

Spielplatz Ecke Flander- / Badbrunnenstraße in Stuttgart, Foto: Spielplatztreff-User Tamaris

Und ein ganz großes Problem sind die zunehmend ängstlicheren Eltern. Gerade wenn die Kinder sehr spät geboren werden oder wenn sie Einzelkinder sind, geben uns die ErzieherInnen die Rückmeldung, dass die Kinder oft überbehütet werden. Eltern stehen immer daneben und wollen ihre Kinder rechtzeitig auffangen und sie vor allem bewahren. Sie empfinden es oft als schlimm, wenn sich ihre Kinder beim Spielen kleinste Verletzungen zufügen.

 

Was ist daran so schlimm, wenn Eltern ihre Kinder vor Verletzungen schützen wollen?

Eltern sind oft viel zu schnell dabei, ihr Kind zu beschützen. Das ist aber kein sinnvoller Schutz. Wenn übervorsichtige Eltern aus Angst vor Verletzungen, kaum noch was zulassen, werden Kinder in ihren Möglichkeiten ausgebremst. Ständig stehen Kinder unter Aufsicht und ständig wird kontrolliert, was sie machen. Wenn sie mal versuchen, eine Rutsche verkehrt herum hochzulaufen, dann wird gleich schon wieder eingeschritten.

Damit nimmt man Kindern nicht nur eigene Erfahrungen, sondern auch eigene Erfolge. Es ist für Kinder wichtig zu merken, was sie können und was sie noch nicht können, um sich weiter zu entwickeln und die eigenen Ängste zu überwinden. Die Kinder immer zu warnen: „Pass auf, renn’ nicht so schnell!“ und sie aufzufangen bevor sie fallen, ist, aus unserer Sicht, eher kontraproduktiv.

 

Wie können Eltern ihre Kinder sinnvoll schützen?

Eltern sollten, auch wenn es ihnen vielleicht schwer fällt, anerkennen, dass es für ihre Kinder wichtig ist, auch mal zu fallen, sich eine Beule zu holen oder das Knie aufzuschürfen. Sie sollten versuchen, ihre Kinder bewusst loszulassen, ihnen Freiräume zu geben, sie nicht auf Schritt und Tritt abzusichern. Denn Bewegung ist letztendlich die beste Prävention.

Wichtig ist natürlich auch, versteckte Gefahren zu erkennen und somit mögliche schwere Unfälle zu vermeiden. Hier sind in erster Linie die Spielplatzbetreiber gefragt, die für die technische Sicherheit und die Wartung der Spielplätze zuständig sind.

Helm ab auf dem SpielplatzAber auch Eltern können konkret etwas für die Sicherheit Ihrer Kinder tun. Zum Beispiel vor dem Spielen einen Rundgang über den Spielplatz machen und den Boden nach Scherben, Spritzen etc. absuchen. Außerdem ganz wichtig: Keine Ketten, keine Kordeln, keine Fahrradhelme auf dem Spielplatz! Alles, was in Kopfnähe zu Strangulation führen kann, ist sehr gefährlich.

Gut finde ich auch, wenn Eltern auf geeignete Kleidung achten, die Kinder in ihrer Bewegungsfreiheit nicht zu sehr einschränken. Aus Kitas höre ich oft, dass vor allem Mädchen unpraktisch angezogen sind und somit im Spiel durch ihre Kleidung ausgebremst werden. Das ist schade.

 

Wie sollte ein Spielplatz gestaltet sein, der die Kinder zur Bewegung anregt?

Gut sind Spielplätze, bei denen Kinder Veränderungsmöglichkeiten haben. Deshalb sind wir auch für die Bewegungsbaustelle, weil Kinder kreativ damit umgehen und Situationen immer wieder veränderbar sind.

Broschüre BewegungsbaustelleEine sehr lesenswerte Broschüre zur “Bewegungsbaustelle” hat die Unfallkasse Berlin in enger Zusammenarbeit mit Stephan Riegger vom berlinbewegt e.V.  kürzlich herausgegeben. Darin finden sich zahlreiche Tipps zu den diversen Einsatzmöglichkeiten sowie wissenschaftlich fundierte Fakten, die erläutern, warum es gerade für die gesunde Entwicklung von Kindern entscheidend ist, sich ausgiebig zu bewegen.

Aber auch naturnah gestaltete Spielplätze bieten viel kreatives Potential. Schön ist es auch, wenn ein Gelände so gestaltet ist, dass Kinder selbst damit etwas anfangen können. Wenn etwas zum Herunterkullern oder Durchkriechen vorhanden ist, wenn es Büsche zum Versteckenspielen gibt, wenn es genügend Platz zum Roller fahren gibt oder Wasser, das alle Sinne anspricht und vielfältige Spielmöglichkeiten bietet.

Spielplatz Ökologischer Bürgerspielplatz Ammerndorf, Foto: Spielplatztreff-User "mgh"

Spielplatz Ökologischer Bürgerspielplatz Ammerndorf, Foto: Spielplatztreff-User „mgh“

Aber häufig ist es natürlich so, dass solche naturnahen Spielplätze in der Wartung aufwändiger sind, weil das Gelände entsprechend gepflegt werden muss. Und da scheuen sich die Träger  oft vor den langfristig höheren Wartungskosten.

 

Können zu sichere Spielplätze Bewegung verhindern?

Die technische Sicherheit befindet sich in Deutschland auf einem sehr hohen Niveau, manchmal auch auf Kosten der Angebote. Man verzichtet auf bestimmte Risiken, um mehr Sicherheit zu gewährleisten.

Wir machen leider die Erfahrung, dass viele Erzieherinnen Schwierigkeiten haben, herausfordernde Geräte anzuschaffen, weil sie selbst ein hohes Sicherheitsbedürfnis haben, auf Grund des eigenen Aufwachsens oder auf Grund der ängstlichen Haltung der Eltern. Und dadurch verhindert ein überhöhtes Sicherheitsdenken letztendlich Bewegung.

Große Kletterspinne

Spielplatz Fort X Neusser Wall West, Köln, Foto: Schilling

Dabei wäre das gar nicht nötig. Denn die Sicherheitsnormen sind – und das ist richtig und wichtig – so ausgelegt, dass schwere Verletzungen mit bleibenden Schäden oder Todesfolge vermieden werden sollen. Aber deshalb dürfen Kinder auch mal fallen und Spielgeräte dürfen eine gewisse Höhe haben. Erkennbare Risiken sollen die Kinder herausfordern und sie  einladen, ihre Grenzen auszutesten.

Vielen Dank, Frau Kuhlig, für dieses interessante Gespräch.

 

Kuhlig_Annette_130Annette Kuhlig: „Als gesetzlicher Unfallversicherungsträger ist die Unfallkasse Berlin für den öffentlichen Dienst im Land Berlin zuständig. Unter die versicherten Personen fallen u. a. alle Kinder, die Berliner Schulen und Kitas besuchen. Die Unfallkasse Berlin achtet im Rahmen ihrer Präventionstätigkeit auch auf Umsetzung von Sicherheitsvorschriften auf Schul- und Kitaspielplätzen und berät zu Bauvorhaben oder Problemen vor Ort.“

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2 Antworten auf „PASS AUF, RENN‘ NICHT SO SCHNELL!“

  1. Bettina Bettina sagt:

    Hallo Herr Kalinowski,

    ich stimme Ihnen zu. Ein „Umdenken“ muss stattfinden, dann geht in den Kommunen Vieles, was heute vielleicht noch nicht geht. In diesem Sinne… vielen Dank für Ihren Kommentar und herzliche Grüße.

  2. Hallo,
    sehr guter Artikel.
    Nur dieser Aussage kann ich nicht zustimmen: „Aber häufig ist es natürlich so, dass solche naturnahen Spielplätze in der Wartung aufwändiger sind, weil das Gelände entsprechend gepflegt werden muss. Und da scheuen sich die Träger oft vor den langfristig höheren Wartungskosten.“
    Klar ist, es muss anders gepflegt und gewartet werden. Gerade die Pflege setzt dann gärtnerische Fachkenntnisse vorraus. Der Zeitwaufwand wird aber nicht größer, da ich mit der Natur arbeiten kann. Das ist zeitlich nicht aufwändiger, als jede Woche den Rasen auf einem üblichen Spielplatz zu mähen.
    Nur setzt das ein Umdenken bei Bauhöfen etc. vorraus. Ich kann dann nicht mehr billige „EinEuroJober“ zum Rasenmähen losschicken, sonder muss bei den, dann nur noch ein bis zwei notwendigen jährlichen, Pflegegängen mehr Sachverstand und Gespühr für die Natur mitbringen. Nach einer Einweisung kann das aber auch Jedermann, dafür braucht es nicht nur Biologen oder Studiert Fachkräfte. Nur müsste sich in jeder Gemeinde erstmal einer mit der Thematik ernsthaft auseinandersetzen. Dann ließen sich Spielplätze im Sinne des Artikels auch ohne Mehrkosten Warten und Pflegen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Sven Kalinowski

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