KEINE ZEIT ZUM SPIELEN

In Gesprächen mit Spielplatz-Betreibern höre ich in letzter Zeit häufiger, die Spielplätze werden inzwischen weniger genutzt, u. a. weil viele Kinder keine Zeit mehr hätten dort zu spielen. Kann das wirklich sein?

Doch bei genauerer Betrachtung fallen auch mir Kinder in meinem Bekanntenkreis ein, die eine extrem volle Woche haben, in der jede freie Minute mit pädagogisch wertvollen Freizeitaktivitäten, wie Musikschule, Klavierunterricht, Ergotherapie, Logopädie, Tanzen, Fußball, Schwimmen und vieles mehr belegt ist. Da bleibt kaum Zeit, sich in der Woche mit ihren Freunden draußen auf dem Spielplatz zu verabreden.

Spielplatz in Lehrte

Spielplatz Kaliweg in Lehrte, Foto: Umweltamt Lehrte

Ich hab schon gehört (wir Mütter tauschen uns ja immer gerne aus), bei Schulkindern wird’s dann richtig ernst und der Druck steigt noch mal enorm an. Zu den bestehenden Freizeitaktivitäten kommen weitere AGs in der Schule hinzu, oft noch Förder- bzw. Nachhilfeunterricht und in den Ferien dann Schülersprachreisen oder Austauschprogramme.

 

Das Beste für unsere Kinder

Klar, als Eltern wollen wir nur das Beste für unsere Kinder. Und deshalb haben wir Angst, die Weichen für die Zukunft falsch zu stellen. Aus Sorge, wichtige Chancen zu verpassen, packen wir den Tag unserer Kinder voll mit frühkindlichen Bildungsprogrammen und nehmen ihnen so wertvolle Zeit, um selbstbestimmt zu spielen.

Ist das dann noch das Beste? Ich befürchte nicht. Denn Kinder lernen im freien Spiel eine ganze Menge von dem, was für die spätere Weichenstellung – um bei dem Bild zu bleiben – von Bedeutung ist. Darin sind sich die Experten einig. Kinder begreifen durch ihr Handeln und indem sie sich bewegen ihre Umwelt und schulen ihre motorischen Fähigkeiten. In der Interaktion mit anderen Kindern trainieren sie soziale Kompetenzen, ihrer Fantasie und Kreativität können sie in selbstbestimmten Spielszenarien freien Lauf lassen. Außerdem schulen Kinder im freien Spiel ihre Selbstwahrnehmung und lernen mitunter auch ihre eigenen Grenzen kennen, zum Beispiel beim Erklettern eines großen Kletterbaumes.

 

Liebste Freizeitaktivitäten

Kein Wunder, dass ausgerechnet „Freunde treffen“ und „Draußen spielen“ seit Jahren die Liste der liebsten Freizeitaktivitäten unserer Kinder anführen. Das zeigt die KIM Studie vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest, die schon seit 1999 regelmäßig als Basisstudie zum Stellenwert der Medien im Alltag von 6- bis 13-jährigen Kindern durchgeführt wird. Umso bedauerlicher, dass die Zeit zum Spielen draußen an der frischen Luft für unsere Kinder immer knapper wird.

KIM Studie 2010

KIM Studie 2010 – klicke für die Großansicht

 

Was heißt das für uns? 

Ich glaube, es wäre gut, nicht alles auf einmal zu wollen. Spezielle Förder- und Freizeitangebote für Kinder können durchaus sinnvoll sein und es ist gut, dass es sie gibt. Trotzdem gilt es genau hinzuschauen, schafft mein Kind so ein volles Tagespensum überhaupt. Im Zweifel ist es wohl besser, eher einen Gang zurück zu schalten. Genügend freie Zeit zum Spielen muss sein – dafür haben wir uns jedenfalls entschieden.

Unser Sohn spielt dienstags und samstags Fußball und wir gehen einmal die Woche Schwimmen, wenn wir Lust dazu haben. Musikschule haben wir gestrichen. Die restlichen Tage sind nicht fest verplant. So bleibt genügend Zeit für gemeinsame Spielplatzbesuche, Vorlesestunden oder Treffen mit Freunden. Im Herbst kommt er in die Schule. Ich hoffe, wir kriegen es dann trotzdem hin, ihm genügend Zeit zum Spielen mit Freunden an der frischen Luft freizuhalten. Und ich hoffe, die Eltern seiner Freunde versuchen das auch.

Wie geht ihr mit dem Druck um und welche Lösungen habt ihr für euch und eure Kinder gefunden?

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf KEINE ZEIT ZUM SPIELEN

  1. Truddel sagt:

    Ich habe 2 3-jährige Kinder und wir haben gar keine festen Termine. Der Kindergarten bis 14.30 ist anstrengend genug, und da habe ich keine Lust, uns alle regelmäßig zu einem weiteren Termin zu hetzen. Es gibt genügend einmalige Angebote wie Kasperletheater, wenn man mal etwas Abwechsung haben will. Und wir kennen genügend Leute, mit dennen wir uns auch nachmittags verabreden können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.