WIR SIND VERNÜNFTIG KÄMPFERISCH

In Zeiten knapper Kassen sieht es düster aus auf vielen Spielplätzen. Obwohl Kommunen offensiv um Familien werben und in punkto Familienfreundlichkeit die Nase ganz weit vorne haben möchten, steht das Thema Spielplätze leider oft ziemlich weit hinten auf der Prioritätenliste. So reichen die Spielplatz-Budgets gerade noch dafür aus, den Bestand an Spielplätzen zu halten, abmontierte Spielgeräte können aus Geldmangel allerdings oft schon nicht mehr ersetzt werden und an Spielplatzneubau ist vielerorts gleich gar nicht zu denken.

Vera Breuer, Kinder- und Jugendbüro in Moers

Moers zählt zu den wenigen Kommunen, die es trotz schwieriger Haushaltslage schaffen, kontinuierlich Spielplätze zu erneuern, zu verbessern und auszubauen. Woran liegt das? Wir haben bei Vera Breuer, Leiterin des Kinder- und Jugendbüros der Stadt Moers und dort verantwortlich für die Spielplätze, nachgefragt.

 

Frau Breuer, was machen Sie besser als Ihre Kolleginnen und Kollegen in anderen Kommunen?

Breuer:  Es ist nicht die Frage ob besser oder schlechter. Entscheidend ist, dass die Spielplätze der Jugendhilfe zugeordnet sind und somit eine gute organisatorische Voraussetzung geschaffen wurde, sich offensiv und aktiv für die Spielplatzbelange einzusetzen.

Die hohe finanzielle Ausstattung der vergangenen Jahre war nicht immer so. Bis 1995 betrug unser Spielplatzetat zwischen 50.000 und 200.000 DM pro Jahr. 1996 fiel dann eine strategisch wichtige Entscheidung. Moers startete gemeinsam mit einem freien Träger der Jugendhilfe ein Landesprogramm für die ökologische Um- und Neugestaltung von Spielplätzen. Dabei ging es hauptsächlich darum, jungen Arbeitslosen einen Weg in die Arbeitswelt zu ebnen, und das „Abfallprodukt“ waren die Spielplätze.


Was war der entscheidende Vorteil dieses Programms?

Breuer: Durch dieses Programm, das bis 2003 lief, hatten wir die Möglichkeit, 30 öffentliche Spielplätze und sieben Grundschulhöfe unter ökologischen Gesichtspunkten zu sanieren. Dabei flossen 5 Mio. Euro in die Moerser Spielplätze – eine Summe, die Moers alleine nie hätte aufbringen können. 90 Prozent der Kosten waren über Landesmittel abgedeckt, Moers musste nur 10 Prozent Eigenmittel dazuzahlen. Ein absoluter Glücksfall.

So waren die Spielplätze bei uns über Jahre ein ganz zentrales Thema und es gelang im Laufe der Zeit, eine hohe Sensibilität in der Bevölkerung und in der Politik für Spielplätze zu erreichen. Spielplätze in Moers werden seitdem wie eine heilige Kuh behandelt.

 

Wie haben Sie es geschafft, die Spielplätze zu einem politisch wichtigen Thema zu machen?

Breuer: Wir haben in den Ausschüssen das Landesprojekt immer wieder intensiv diskutiert, darüber beraten und informiert. Jeder neu gestaltete Spielplatz wurde von einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit begleitet. Ich habe das immer „Schnittchenfete“ genannt. Wir haben die Bürger, die Presse, die Politik eingeladen, das Ganze vorgestellt und über unsere Arbeit berichtet.

Und ganz wichtig: Wir haben immer wieder den Wert des Spielens als Bildungsinstanz hervorgehoben. Wir haben darauf hingewiesen, wie wichtig Spielen für Kinder ist, um gesund aufzuwachsen, um soziale Kompetenzen zu erlangen und um ausreichend Bewegung zu haben. Wir haben deutlich gemacht, Schutzräume in Form von Spielplätzen sind notwendig, damit sich Kinder entsprechend entfalten können. Denn das Spiel auf der Straße, wie wir das noch von früher kennen, ist heute nicht mehr gegeben.

 

Was passierte als das Landesprogramm 2003 auslief?

Breuer: Mit Abschluss des Landesprogramms hatten wir eine Prioritätenliste nach Sozialindikatoren erarbeitet, welche Spielplätze als nächstes zur Renovierung anstünden oder welche im Rahmen von Bebauungsplänen neu zu bauen waren. Das waren insgesamt fast 45 Spielplätze mit einem Gesamtvolumen von mehreren Millionen Euro, auf Jahre verteilt.

Diese Prioritätenliste wurde von den politischen Gremien problemlos verabschiedet. Ich denke, durch die sieben Jahre Landesprogramm standen die Spielplätze in der politischen Diskussion so weit oben, dass diese in ihrem Fortbestand ganz hoch priorisiert wurden.

Durch die bescheidene Haushaltslage konnten wir aber leider nicht in dem Umfang sanieren, wie wir das ursprünglich geplant hatten. Trotzdem standen uns jedes Jahr zwischen 500.000 und 700.000 Euro zur Verfügung. Das ist sehr viel Geld.

 

Das heißt, auch Sie müssen heute um ihren Spielplatz-Etat kämpfen?

Breuer: Leider sind auch wir von der zunehmend dramatischeren Haushaltssituation betroffen. Das haben wir gerade bei unserem aktuellen Projekt – einer neuen Skateranlage – zu spüren bekommen. Die konzeptionelle Planung steht, die politischen Gremien und Fachausschüsse haben das Projekt abgesegnet und die Finanzierung in Höhe von 470.000,– Euro ist beantragt. Doch auf Grund der Sparmaßnahmen wurde das Geld jetzt noch nicht freigegeben. Wir hoffen, dass wir das Projekt dennoch mit dem jetzigen Haushalt und dem vom kommenden Jahr realisieren können.

Prinzipiell glaube ich, wenn man deutlich macht, was man mit dem zur Verfügung stehenden Geld erschafft und zeigt, wie positiv sich das auf alle Beteiligten auswirkt, hat man auch weiterhin die politische Unterstützung. Diese Transparenz ist ganz wichtig und es ist wichtig, viel dafür zu arbeiten und nicht alles als selbstverständlich hinzunehmen.

 

Wie gelingt es Ihnen, effizient mit Ihrem Spielplatzbudget umzugehen?

Breuer: Grundsätzlich achten wir sehr darauf, effizient mit dem Geld umzugehen. Wir verwenden möglichst haltbare Materialien, wie Edelstahl oder Robinie (hartes Holz). Gerätepfosten werden grundsätzlich auf Edelstahlfüßen aufgeständert, um Fäulnis im Erdreich entgegen zu wirken. Bei unseren Matschanlagen verzichten wir auf Holz- bzw. Edelstahl-Rinnen, sondern bauen diese in Form von gegossenen oder gepflasterten Flächen. Diese Matschanlagen sind noch da, wenn ich in Rente gehe.

Matschanlage auf dem Spielplatz "Kranichstraße in Moers

Außerdem arbeiten wir stark über Bodenmodellierungen. Das heißt, wir setzen die Spielgeräte nicht auf platte Rasen- oder Sandflächen. Modellierte Flächen haben den Vorteil, dass diese einen hohen Spielwert bieten, auch wenn ein Gerät abgebaut wird. Dabei achten wir auch auf eine gute Bepflanzung mit vielen Büschen und Labyrinthwegen, damit Kinder auch ohne Geräte spielen können.


Wie entscheidend ist das Engagement der Eltern bei dieser schwierigen Haushaltslage?

Breuer: Sehr entscheidend! In Moers gibt es erfreulicherweise viele Fördervereine und Elterninitiativen für Spielplätze, die sich teilweise auch schon während des Landesprogramms gegründet haben. Wir versuchen, diese Fördervereine in ihrer Tätigkeit so gut es geht zu beraten und sie bei der Akquise finanzieller Mittel zu unterstützen.

Wir wollen nicht nur die Verwaltung sein, die sich hinter dem nicht vorhandenen Geld versteckt, sondern wir zeigen Wege auf, wie es geht, wenn man zusammen was macht. Dadurch kriegen wir gemeinsam kleine Spielplätze umgesetzt und einen guten Draht zum Bürger. Positiver Nebeneffekt: Die so entstandenen bzw. erneuerten Spielplätze unterliegen übrigens einer hohen sozialen Kontrolle. Vandalismus ist hier kein Problem.


Haben Sie viel mit Vandalismus auf Spielplätzen zu tun?

Breuer: Eigentlich hält sich das in Grenzen, aber es gibt Stadtteile, wo es häufiger mal kracht. Wir versuchen natürlich mit der passenden Spielplatzplanung entgegen zu wirken.

Der Spielplatz „Hexentanz“ im Stadtteil Meerbeck ist ein gutes Beispiel dafür. In diesem Stadtteil hatten wir immer einen ganz hohen Vandalismus auf Spielplätzen. Deshalb bekam der Planer den Auftrag, einen vandalismusresistenten Spielplatz mit einem hohen Bewegungspotential zu machen. Die Lösung: Ein Robinienwald mit verschiedenen Kletterelementen.

Spielplatz "Hexentanz" in Moers

Für die jüngeren Kinder schön, aber nichts Spektakuläres. Für die Älteren sehr herausfordernd, denn man kann da eben auch hochklettern, und das ist ziemlich schwer. Seit fünf Jahren gibt’s diesen Spielplatz, bis heute hatten wir keinen Schaden daran, obwohl der immer brechend voll ist.

 

Was gehört für Sie auf einen guten Spielplatz?

Breuer: Auf jeden Fall Spielgeräte, die von vielen Kindern gleichzeitig, kreativ bespielt werden können. Also Geräte mit Kletterseilen, Netzen, mit Rutsche, Balancierelementen, Feuerleiter etc. Was wir vermeiden sind Einzelspielgeräte, bei denen Kinder warten müssen bis ein anderes Kind fertig ist. Deshalb werden Sie auf unseren Spielplätzen kaum eine Schaukel finden und wenn ja, dann sind es mehrere.

Auch Matschanlagen sind uns ganz wichtig, deshalb installieren wir sie wann immer es geht. Nichts ist schöner, als wenn Kinder rumsauen, selber Wasser stauen, Wasserwege verändern und kreativ sein können.

Und auch ganz wichtig: Unsere Spielplätze sind zwar für unterschiedliche Altersgruppen ausgelegt, aber es dürfen alle auf die Spielplätze rauf, auch Jugendliche.

 

Das heißt, Sie haben keine Altersbeschränkung auf Spielplätzen?

Breuer: Genau. Dahinter steht die Überzeugung, dass auch Jugendliche Orte brauchen, an denen sie sich treffen können. Also warum nicht auf dem Spielplatz? Das hat den Vorteil, dass man weiß wo die Jugendlichen sind. Man kann mit ihnen reden, arbeiten, man kann ihnen etwas anbieten.

Dieser Ansatz ist, aus unserer Sicht, der richtige, auch wenn er arbeitsintensiver ist. Wir holen abends häufiger Cliquen von den Spielplätzen runter, weil sich Anwohner über die Lärmbelästigung beschweren. Den Jugendlichen ist oft gar nicht klar, wie laut die sind, wenn abends die Nebengeräusche wegfallen. Deshalb müssen Sie mehrmals mit ihnen reden, Sie müssen Regeln vereinbaren und Sie müssen das kontrollieren.


Sie betreuen Ihre Spielplätze also ganz intensiv…

Breuer: Ja. Unser Ansatz der Betreuung ist Prävention. Auf den Spielplätzen stehen unsere Telefonnummern, wenn es Ärger gibt, rufen die Anwohner an und beschreiben das Problem. Innerhalb der nächsten 2 Tage sind wir dann draußen und gucken, was auf dem Spielplatz los ist. Das machen wir übrigens auch am Wochenende und an Feiertagen.

Sehr gute Erfahrungen haben wir auch mit Spielplatzpatenschaften gemacht, die wir in diesem Jahr zum ersten Mal eingerichtet haben. Die Spielplatzpaten fungieren als „Kümmerer“. Sie sollen uns schnell informieren und Ansprechpartner für die Anwohner sein. Sie sollen nicht den Müll aufsammeln, nicht Spielgeräte ausbessern und nicht bei Randalen vermitteln.

 

Was bieten Sie den Jugendlichen in Moers an?

Breuer: Aus den vielen Gesprächen mit den Jugendlichen wissen wir, sie haben bestimmte Bedürfnisse, wissen aber nicht, wo sie diese ausleben sollen. Dann gucken wir ganz genau, was brauchen die und wo können wir das sinnvoll umsetzen. Daraus entstehen oft groß angelegt Projekte, bei denen die Jugendlichen selbst mitmachen. Zum Beispiel machen wir viel im Biker-Bereich (BMX). Wir planen und bauen mit Jugendlichen gemeinsam so genannte Dirtbahnen, oft als Ferienprojekte.

Bikerbahn Freizeitpark Moers, klicke auf das Bild für mehr Infos.

Aktuell haben wir zusammen mit Jugendlichen, einem Landschaftsarchitekten und einem professionellen Skater eine neue Skateranlage geplant, die hoffentlich im kommenden Jahr in einem ganz zentralen Freizeitpark hier in Moers gebaut werden wird.

 

Können Sie abschließend noch einmal das Gesamtpaket Ihres Erfolgs beschreiben?

Breuer: Also, das Landesprogramm war sicherlich für den Einstieg ein extremer Glücksfall. Aber prinzipiell brauchen Sie eine gute Politik. Die Spielplätze waren in Moers nie Spielball der Politik. Es bestanden parteiübergreifend immer ein hoher Konsens und eine hohe Einsicht in die Notwendigkeit. Ohne das hätten wir gar nichts machen können, denn wir sind ja von der Politik beauftragt.

Darüber hinaus braucht es engagiertes Personal und Durchhaltevermögen. Ich denke, wir sind nicht stur, aber schon kämpferisch – vernünftig kämpferisch. Man muss dranbleiben und sich kümmern. Dafür brauchen Sie Kollegen, die mitziehen. Wenn Sie Mitarbeiter haben, die sagen: „18 Uhr ist bei mir Schicht.“, funktioniert das Ganze schon nicht mehr. So ein bisschen bekloppt muss man schon sein. Und vielleicht ist bei uns auch der Luxus, dass wir solche Kollegen haben.

Frau Breuer, wir freuen uns mit Ihnen und den Familien in Moers über Ihren Erfolg und danken Ihnen für das tolle Gespräch. Wir wünschen Ihnen, dass sich die Politiker in Moers auch zukünftig mit hoher Priorität für die Spielplätze einsetzen werden. Und wir hoffen, dass sich andere Kommunen vielleicht ein Beispiel an Moers nehmen.

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