KINDERSPIELPLÄTZE SIND WIE AFFENZOOS

Jan-Uwe Rogge, Familienberater und Buchautor

Neulich war ich auf einem Vortrag von Dr. Jan-Uwe Rogge, einem der bekanntesten Erziehungsexperten Deutschlands. Unter dem Motto „Ohne Chaos geht es nicht“ bescherte Herr Rogge seinem Publikum (98% Mütter!) einen ausgesprochen unterhaltsamen Abend, gespickt mit vielen lustigen und zugleich zum Nachdenken anregenden Anekdoten aus seiner umfassenden Berufspraxis.

Besonders hellhörig wurde ich als Herr Rogge auf das Thema Spielplätze zu sprechen kam: „Kinderspielplätze sind wie Affenzoos: Drinnen die Affen – also die Kinder – und draußen die Mütter, die wie Hyänen bissig andere Mütter beäugen und überflüssige Ratschläge an ihre Kinder verteilen.“ Rums, das hatte gesessen! Wie das gemeint war, wollte ich dann doch genauer wissen und habe einige Tage später noch mal nachgefragt…

 

Herr Rogge, bei diesem Vergleich kommen Mütter nicht gut weg. Ist das ernst gemeint?

Rogge: Das ist schon ernst gemeint. Es gibt in der Tat viele Mütter, die sich durchaus wie Hyänen verhalten. Da herrscht häufig Kleinkrieg. Aber was ich damit sagen will, ist, Mütter sollten Kinder Kinder sein lassen. Mütter sollten Kinder nicht ständig miteinander vergleichen, sondern akzeptieren, dass Kinder unterschiedlich sind. Mütter sollten untereinander solidarischer sein und sie sollten ihre Kinder nicht ständig mit ihren Ratschlägen nerven: „Kevin mach dies.“ „Laura lass das sein.“

 

War das früher anders?

Rogge: Während früher Kinder meistens unter sich in Wäldern und auf Wiesen spielten, spielen sie heute zunehmend auf Kinderspielplätzen. Dort gibt es zwar auch immer noch Büsche, aber hinter jedem Busch steckt eine Mutter. Das heißt, wo das Kinderauge hinschaut, überall Mütter. Und diese Mütter gucken andauernd auf ihre Kinder. Sie gehen sozusagen in der Erziehung auf wie die Hefe im Kuchen.

 

Welche Nachteile entstehen Kindern daraus?

Rogge: Prinzipiell sind Kinder ja Anarchisten genug, sich immer wieder Freiräume und Zeiten zu erkämpfen. Diese kindliche Anarchie ist ja nicht stillgelegt. Aber die ständige Beobachtung im „Affenzoo“ macht es Kindern insgesamt schwerer. Kinder brauchen heute sehr viel Kraft und Energie, um ihre Freiräume gegen ständig glotzende und analysierende Eltern, die es natürlich nur gut meinen, zu verteidigen. Und wenn Kinder nicht die Möglichkeit haben, unbeobachtet zu sein, dann werden sie auch ein Stück weit unselbstständig, weil ständig Erwachsene da sind, die Probleme für sie lösen.


Dazu passt auch, dass Sie generell für mehr Gelassenheit in der Erziehung plädieren…

Rogge: Genau. Gelassenheit meint, nicht immer sofort einzugreifen, die Kinder auch ihre Konflikte beispielsweise selber miteinander austragen zu lassen, auch wenn es mal heftig wird. Gelassenheit meint auch, Kinder nicht ständig miteinander zu vergleichen. In Gelassenheit steckt auch zulassen. Ich lasse zu. Ich lasse auch Erfahrungen meiner Kinder zu, auch vielleicht nicht so tolle Erfahrungen.


Heißt das, Sie raten Eltern dazu, bewusst wegzuschauen?

Rogge: So ist es. Wenn ich mein Kind zum Spielplatz gebracht habe und merke, es ist alles in bester Ordnung, ungefährlich und ich kann meinem Kind vertrauen, dass es nicht wegrennt, dann kann ich doch die Kinder unter sich spielen lassen. Dann tratsche ich, dann ratsche ich und lasse es mir gut gehen. Also um es jetzt mal provokativ zu sagen: Mütter sollten sich Ohrstöpsel rein tun und sich mit dem Rücken zu ihren spielenden Kindern setzen. Dann bekommen sie nichts mit.

 

Wenn sich gelassene Eltern auf Spielplätzen zurücknehmen, machen sie häufig die Erfahrung, dass sich andere Eltern einmischen…

Rogge: Dann empfehle ich den gelassenen Eltern, sobald sich die Situation beruhigt hat, das Gespräch mit diesen Eltern unter vier Augen zu suchen und zu sagen: „Das finde ich nicht in Ordnung, wie Sie eben reagiert haben.“ Um das noch mal klar zu unterscheiden: Wir reden hier von normalen pädagogischen Situationen, also nicht davon, dass Gefahr in Verzug ist. Wenn ein anderes Kind meinem Kind ständig die Schaufel über die Rübe haut, dann muss ich natürlich eingreifen, um mein Kind zu schützen.


Aber wenn ein Kind sich über ein anderes beschwert und von seiner Mutter Hilfe einfordert?

Rogge: Wenn ein Kind sich beschwert, nimmt man es kurz in den Arm, tröstet es und schickt es zurück.


… und sagt: Klärt das unter euch?

Rogge: Nein, man sagt am besten gar nichts. Mütter müssen immer viel zu viel reden. Deshalb sind Kinder oft „muttertaub“. Kinder machen dann einfach dicht und hören nicht mehr hin. Warum auch? Und Kinder haben keine Chance zu erfahren, wie es ist, die Konfliktsituation selbst zu meistern.


Stichwort „Situationen selbst meistern“: Würden Sie sagen, Kinder sollten nur Spielgeräte nutzen, die sie aus eigener Kraft erklimmen können?

Rogge: Ja. Ich kann zwar gemeinsam mit meinem Kind überlegen, wie es ein Gerät hinaufklettert, aber ich sollte es nicht hochheben. Kinder müssen lernen, dass sie nicht in jeder Situation alles und zugleich können. Sie müssen auch Frustrationen aushalten und dazu zählt, dass es vielleicht mit zwei oder drei Jahren noch nicht auf das Klettergerüst kommt, obgleich der gleichaltrige Freund das schon schafft. Das ist Begleitung der Kinder ins Leben, das ist Aushalten von Frustration. Wenn ich ein Kind hoch hebe, riskiere ich, dass es runter fällt.


Sie sprachen in Ihrem Vortrag davon, dass Väter ein Leben jenseits des „pädagogischen Vollprogramms“ darstellen. Sind Väter, in Ihren Augen, gelassener und deshalb die besseren Erzieher?

Rogge: Nein, es geht in der Erziehung nicht um besser oder schlechter. Väter erziehen anders und daraus resultiert, dass sie nicht selten eine etwas größere Distanz haben. Dadurch können sie häufig gelassener reagieren. Wobei gerade bei Vätern auch die Gefahr besteht, von der Gelassenheit in die Gleichgültigkeit, in das gleichgültige gewähren lassen zu kippen.


Was sind die drei wichtigsten Verhaltensregeln für Eltern auf dem Spielplatz?

Rogge: Ich möchte keine Verhaltensregeln aufstellen. Aber ich gebe gerne Überlegungen oder Tipps, weil ich davon überzeugt bin, dass Mütter und Eltern bereit sind, sich selbst zu verändern. Und mein Tipp von vorhin „Kopfhörer auf und mit dem Rücken zum Kind“, ist zum Beispiel eine solche Überlegung. Also einfach mal auszuprobieren, wie es ist, nicht ständig im pädagogischen Einsatz zu sein.

Ein zweiter Tipp: Je jünger Kinder sind, umso schneller vergessen sie Regeln. Dann kann es sinnvoll sein, vielleicht ein „Zauberwort“ mit dem Kind zu vereinbaren. Dieses Wort steht zum Beispiel für „Nein“, „Pass auf!“ oder „Erinnere dich an die Regel, die wir abgesprochen haben.“ Eltern sind dadurch nicht gezwungen, ständig die Namen ihrer Kinder zu rufen oder Ratschläge zu verteilen, von denen ich anfangs gesprochen habe.

Der dritte Tipp: Wenn ich ein Kind reglementieren muss, weil es sich unangemessen verhalten hat, dann hole ich es aus dem Spiel raus und bespreche die Situation kurz unter vier Augen. Ganz wichtig: Kinder nie vor anderen Kindern reglementieren. Denn damit beschämt man das Kind – ein beschämtes Kind geht in die Rachefantasie und macht erst recht weiter.

 

Und eine letzte Frage: Wie sollten Spielplätze, aus Ihrer Sicht, gestaltet sein um das kindliche Spiel optimal zu unterstützen?

Rogge: Spielplätze sollten immer Bereiche haben, die nicht einsehbar sind. Also Büsche, hinter den sich Kinder verstecken können. Sie sollten viel Aneignungstätigkeit der Kinder zulassen. Das heißt, nicht so viel Vorgeprägtes beinhalten, wie z.B. Spielgeräte. Die sind bestimmt auch wichtig, aber zentral für Kinder ist, dass sie im Spiel ihre Spielumgebung auch verändern können. Mit Sand beispielsweise können Kinder ungeheuer viel machen, Burgen und Straßen bauen und diese wieder vernichten. Das sind zentrale Momente des Spiels.

Spielen ist die wichtigste Form der Weltaneignung und das Spielen ist die wichtigste Tätigkeit für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. Je mehr sich Kinder im Spiel ausleben und ausdrücken können, umso besser ist das. Von daher kommt natürlich auch dem Spielplatz eine ganz zentrale Bedeutung zu. Wie alle andere Orte des Spielens auch.

Vielen Dank für dieses interessante Gespräch.

 

 

Zur Person:
Dr. Jan-Uwe Rogge ist der bekannteste Erziehungsexperte und Familienberater Deutschlands. Er gibt Kurse und hält Seminare im In- und Ausland. Der Bestsellerautor schreibt über Familie, Kindheit und Medien und versteht es, seine umfangreichen Beratungserfahrungen informativ und zugleich humorvoll in seinen zahlreichen Büchern und Vorträgen zu verarbeiten.


Links:

Offizielle Internetseite von Jan-Uwe Rogge
Familienzirkus: Infos, die den Familienalltag leichter machen

Bücher:

Das neue Kinder brauchen GrenzenDas neue Kinder brauchen Grenzen (2008)



Wenn Kinder trotzen (2006)



Ohne Chaos geht es nicht: 13 Überlebenstipps für Familien (2000)





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4 Antworten auf KINDERSPIELPLÄTZE SIND WIE AFFENZOOS

  1. Rene sagt:

    Ich bin Vater am Spielplatz!
    Mir fällt auch auf das Mütter sich permanent einmischen und Kinder überhaupt kaum eine Möglichkeit haben ihre Anliegen selbst zu lösen.Sollen sie sich halt um ein Spielzeug streiten, kleinere mit Sand anfüllen, oder in der Rutsche sitzen und diese blockieren. Das halten <Mütter nicht mehr aus. Früher waren Kinder unbeobachteter und erlernten auch soziale Kompetenz. Solange keine Gewalt im Spiel ist brauchen wir uns nicht einmischen.

  2. Daniela sagt:

    ich war grad auf einem abend und muss feststellen das es wirklich so ist…diese vergleiche ob es um die größe der kinder oder die aussprache geht …
    eine mutter prägt ihre kinder….ob positiv oder negativ…

  3. Bettina Bettina sagt:

    Das stimmt, wir Mütter müssen schon ziemlich oft ihren Kopf hinhalten! 😉 Aber das liegt wahrscheinlich auch ein bisschen daran, dass es eben die Mütter sind, die die meiste (Erziehungs)Zeit mit den Kindern verbringen…

    Sich nicht verrückt machen zu lassen, halte ich für einen prima Tipp 🙂

  4. Ursula sagt:

    Wie üblich bekommen wieder mal die Mütter den Schwarzen Peter. Sie sind es, die ängstlich glucken und im Zweifelsfalle zu Hyänen werden. Kümmern sie sich jedoch wenig oder gar nicht um ihre Kinder, dann werden sie zu Rabenmüttern. Ja, Tierbezeichnungen gibt es viele für uns.
    Geben sie ihrem Kind Biokost, dann sind sie die Vollwerttanten mit dem Biotick, natürlich mega-uncool, geben sie ihm Pommes, dann sind sie verantwortungslose Faulpelze.
    Lassen wir uns nicht verrückt machen. Die meisten Mütter, die ich kenne, machen einen tollen Job in einer immer kinderfeindlicher werdenden Umwelt.

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