ELTERN ERGREIFEN DIE INITIATIVE

In Obertshausen (ca. 20 km von Frankfurt a. M. entfernt) haben sich Eltern zusammengetan und die Elterninitiative „Sichere Spielplätze“ gegründet. Gemeinsam setzen sie sich seit einigen Jahren für mehr Sicherheit auf Spielplätzen in Obertshausen und den umliegenden Gemeinden ein – und das mit Erfolg!

Josef Wingsheim ist Sprecher der Elterninitiative "Sichere Spielplätze"

Josef Wingsheim ist Sprecher der Elterninitiative "Sichere Spielplätze"

Grund genug, mal genauer nachzufragen und zu erfahren, was sich erreichen lässt, wenn Eltern selbst aktiv werden.
Josef Wingsheim, Sprecher der Elterninitiative „Sichere Spielplätze“, war so freundlich, unsere Fragen zu beantworten. Dafür danken wir!

 

Herr Wingsheim, seit wann gibt es die Elterninitiative „Sichere Spielplätze“?

Wingsheim: Die Elterninitiative hat sich im April 2002 gegründet. Auslöser war der Tod eines vierjährigen Jungen durch ein umstürzendes Spielgerät und im besonderen die Aussage der Gemeinde, dass alles geprüft, gewartet und in Ordnung gewesen sei.

 

Das heißt, Sie wollten den Verantwortlichen nicht trauen und haben nach dem Unglücksfall auf eigene Faust ermittelt?

Wingsheim: Genau, wir haben den Verantwortlichen nicht getraut. Ermittlungen mussten wir allerdings nicht anstellen, sondern lediglich die richtigen Fragen stellen. Die Nervosität der Verantwortlichen zeigte uns dann, dass wir auf dem richtigen Weg waren.

 

Was haben Sie in diesem konkreten Fall mit Ihrem Protest erreicht?

Wingsheim: Durch gezielte Desinformationen wurde damals versucht, der Öffentlichkeit zu suggerieren, dass auch der Vater eine Verantwortung am Tod seines Sohnes trägt. Die umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit und unsere kritischen Fragen an die Verantwortlichen sorgten jedoch dafür, dass die volle Wahrheit ans Tageslicht kam. So verlief das Verfahren nicht im Sande und die Beteiligten mussten sich schließlich vor Gericht verantworten.

Weiterhin hat sich in der Zeit unserer Tätigkeit die sicherheitstechnische Situation wesentlich verbessert, so dass man heute beruhigt seine Kinder auf den Spielplätzen spielen lassen kann.

 

Würden Sie sagen, das primäre Ziel Ihrer Arbeit ist es, Spielplätze sicherer zu machen?

Wingsheim: Ja, das Hauptanliegen der Initiative ist es in der Tat, Spielplätze sicherer zu machen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir ein Rundum-Sorglos-Paket möchten. Vielmehr sind wir der Überzeugung, dass Kinder nur Gefahren ausgesetzt werden sollten, die sie je nach Alter auch einschätzen können. Beispiel: Wenn ein Kind versucht, ein Spielgerät zu erklimmen, dabei abrutscht und sich möglicherweise verletzt, dann dient dies der Erfahrung, das nächste Mal anders vorzugehen. Wenn jedoch ein Kind mit dem Kopf in einem Netz hängen bleibt, weil die Maschenweite zu groß ist oder, wie in unserem Fall, auf ein Spielgerät klettert und dieses dann umstürzt, so kann es weder die Gefahr einschätzen noch hat es die Chance, etwas dagegen zu tun. Hier müssen wir eingreifen und dafür sorgen, dass die Spielgeräte den geltenden Regeln und Normen entsprechen und auch die geforderte Wartung erfolgt.

 

Wie sieht Ihr Engagement aus, was genau machen Sie?

Wingsheim: Zum einen engagiert sich der größte Teil der Eltern als Spielplatzpaten, und wir stehen in Kontakt zu den zuständigen Fachbereichen der Gemeinden. Zum anderen haben wir durch viel Öffentlichkeitsarbeit (TV, Radio, Presse) ein Umdenken, zumindest in den Gemeinden der näheren Umgebung, erreicht. Weiterhin stehen wir Eltern für Fragen zu Spielplätzen und deren Sicherheit zur Verfügung und dies wird über unsere Internetseite auch deutschlandweit genutzt. Darüber hinaus hatten wir schon Anfragen aus Frankreich, Belgien und sogar Südkoerea!

 

Welche Erfolge konnten Sie bisher durch Ihre Arbeit verzeichnen?

Wingsheim: In den Gemeinden in unserem Umkreis haben mittlerweile alle, die mit der Kontrolle von Spielplätzen zu tun haben, die entsprechende Sachkunde einschließlich der Prüfung. Weiterhin gilt mittlerweile das Motto, Qualität statt Quantität auf den Spielplätzen.  Ebenso werden Sie kein Holzspielgerät mehr finden, welches ohne Pfostenschuhe ausgestattet ist. Das bedeutet der Pfosten steht über der Erde in einer Halterung und ist nicht mehr unter der Erde einbetoniert. Dies verzögert zum Beispiel Fäulnisprozesse und vereinfacht die Sicherheitskontrollen, weil der Pfosten nun sichtbar ist. Dieser Arbeitserfolg lag uns übrigens besonders am Herzen, weil genau solch ein morscher bzw. verfaulter Pfosten dem oben erwähnten Jungen damals das Leben gekostet hatte.

 

Woran liegt es, dass trotz vorgegebener Sicherheitsnormen die Mängel auf unseren Spielplätzen oft so gravierend sind?

Wingsheim: Sicherheitsmängel sind meistens auf Fehler bei der Inspektion, Wartung und Instandhaltung zurückzuführen. Als Grund kommt sowohl die fehlende Sachkunde der Mitarbeiter als auch die nicht eindeutig geregelte Organisation des Arbeitsablaufes in Betracht. Weiterhin wird in Zeiten  finanzieller Schwierigkeiten der Gemeinden oft am falschen Ende gespart. Das bedeutet, dass Mitarbeiter zu Tätigkeiten innerhalb der Prüfung und Wartung herangezogen werden, die weder über die entsprechende berufliche Qualifikation verfügen noch eine entsprechende Sachkunde nachweisen können. Zudem kosten die Überprüfungen Geld, im Besonderen die jährliche Hauptuntersuchung durch unabhängige Institute. Hier wird dann am falschen Ende gespart indem man zweifelhafte Personen damit beauftragt – wie damals in unserer Gemeinde geschehen – oder den billigsten Anbieter nimmt, ohne die Qualität der Arbeit zu kennen.

 

Da offensichtlich nicht immer auf die Sicherheit eines Spielplatzes Verlass ist… Wie können wir als Eltern Sicherheitsmängel selbt erkennen?

Wingsheim: Als Laie ist es unmöglich tatsächlich alle Sicherheitsmängel zu erkennen – das gelingt nur speziell ausgebildeten Sachverständigen. Dennoch hilft es, wenn Eltern wachsam sind und sich die Spielgeräte mal genauer anschauen. Das heißt, in welchem Zustand sind diese? Gibt es morsche Holzstellen besonders im Bodenbereich? Wie ist die Rutsche beschaffen? Gibt es an der Rutsche zum Beispiel Stellen, an denen sich eine Anorakkordel verfangen kann. Wie ist der optische Gesamteindruck?

Für Eltern, die ihren Spielplatz mal etwas genauer unter die Lupe nehmen wollen, haben wir eine Checkliste: Spielplatzsicherheit erstellt, an der man sich gut orientieren kann.

 

Was sollen Eltern tun, wenn sie Mängel feststellen?

Wingsheim: Eltern sollten sich an die zuständige Stelle der Gemeinde wenden, zumeist ist dies der Bauhof oder das Gartenbauamt. Am besten in schriftlicher Form möglichst mit Bildmaterial. In unserer Gemeinde ist auf jedem Spielplatz ein Schild, das unter anderem auch die Telefonnummer des zuständigen Sachbearbeiters sowie diverse Notrufnummern beinhaltet – auch das ein Erfolg unserer Initiative. Was Eltern auf keinen Fall tun sollten, ist selber Reparaturen vorzunehmen! Dies gehört in die Hand von Fachleuten.

 

Wie viele Eltern engagieren sich derzeit in der Initiative?

Wingsheim: In der Elterninitiative engagieren sich zur Zeit rund 10 Familien im besonderen auch als Spielplatzpaten. Treffen der Elterninitiative finden in unregelmäßigen Abständen statt. Bei den Treffen werden dann zum einen aktuelle Themen zu den Spielplätzen besprochen, wo sind Probleme und wie können diese beseitigt werden, zum anderen geht es um allgemeine Themen, die von Eltern angesprochen werden.

 

Können sich interessierte Eltern Ihrer Initiative anschließen?

Wingsheim: Grundsätzlich ja. Wir sind allerdings nur im Kreis Offenbach aktiv und im Moment auch nur unregelmäßig. Wichtiger wäre es uns, wenn Eltern in anderen Gemeinden ebenfalls Initiativen gründen würden, um sich auch dort aktiv für mehr Sicherheit auf Deutschlands Spielplätzen einzusetzen. In einigen ist dies auch schon geschehen, und diesen Initiativen stehen wir gerne mit unserem Rat und unserer Erfahrung zur Seite. Es gibt noch viel zu tun, aber unsere Erfolge zeigen, dass sich eigenes Engagement lohnt!

Vielen Dank, Herr Wingsheim, für dieses interessante Interview! Wir haben großen Respekt vor Ihrer Arbeit und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg!

Natürlich würden wir uns riesig freuen, wenn sich Eltern andernorts auch durch dieses Interview ermutigt fühlen, ebenfalls aktiv zu werden. Gerne könnt ihr uns eure Erfahrungen schreiben.

Mehr zum Thema:
Blog-Serie Teil I: SICHERHEIT GEHT VOR!

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Eine Antwort auf ELTERN ERGREIFEN DIE INITIATIVE

  1. Susanne Wiedensohler sagt:

    Hallo Herr Wingsheim,
    habe mit großem Interesse das Interview gelesen.
    Wir sind ein paar Eltern die gerne eine Elterninitiative Spielplatz gründen würden.
    Wissen jedoch nicht wie wir hier vorgehen müssen und was wir beachten müssen.
    Wir wären sehr dankbar für eine Hilfestellung und Tips
    Wir sind eine kleines Dorf Gündlingen bei Breisach
    Über eine Kontaktaufnahme würde ich mich sehr freuen
    Susanne Wiedensohler

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