Teil III: ALTERSGERECHTE SPIELPLÄTZE

Uwe Lersch ist Spielflächenplaner bei Kompan

Uwe Lersch ist Spielflächenplaner bei Kompan

In Teil I und II unserer BLOG-Serie ging es um die Sicherheit auf Spielplätzen und um den perfekten Spielplatz. Heute im dritten Teil wollen wir herausfinden, welche Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen bei der Planung von Spielflächen berücksichtigt werden sollten und warum.

Auch dieses Mal hat sich Uwe Lersch, Spielflächenplaner beim dänischen Spielgeräteentwickler und –produzenten Kompan, Zeit genommen, um unsere Fragen zu beantworten.

 

Herr Lersch, Sie haben beim letzten Mal betont, Spielflächen sollten möglichst genau auf die Bedürfnisse der jeweils anvisierten Zielgruppe zugeschnitten sein. Warum?

Lersch: Ziel meiner Arbeit ist es, eine Spielfläche so zu planen, dass Kinder optimal gefördert werden. Gerade in unserer Industrie- und Leistungsgesellschaft, in der die Entwicklung von Kindern auf vielerlei Art und Weise behindert und eingeschränkt wird, ist das besonders wichtig. Denn leider finden wir heute mehr Kinder, die ihrem Entwicklungsstadium „hinterherlaufen“ als umgekehrt.

Ein Spielplatz sollte mehr sein als Spaß und Zeitvertreib. In der spielerischen Auseinandersetzung mit den Geräten findet Kompensation und Entlastung statt. Unbewältigte und bedrückende Erlebnisse werden spielerisch verarbeitet. Spontanes Handeln nach eigenen Intentionen (Selbstbestimmungsfunktion) unterstützt wesentlich die Entwicklung der Persönlichkeitsmerkmale. Die „Ergänzungsfunktion“ hingegen ermöglicht das spielerische Erfahren von in der Wirklichkeit nicht realisierbaren Tätigkeiten. Diese Anregung der Phantasie stimuliert die Sinne und steigert Lernvermögen und Konzentrationsfähigkeit.

 

Nach welchen Altersklassen unterscheiden Sie?

Lersch: Eigentlich ist eine Unterteilung in fünf Altersklassen optimal: 0-3, 2-4, 4-8, 8-12, 12-16 Jahre. So lässt sich am differenziertesten auf das jeweilige typische Spielverhalten eingehen. Da wir hier jedoch von öffentlichen Spielflächen reden, erfolgt bereits aus Kostengründen eine Reduzierung auf folgende vier Altersklassen. Ausnahmen kommen jedoch vor und sind in diesem Sinne positiv zu bewerten.

  • 0-3 Jahre
    Hier sind die Kinder in der Selbstentdeckungsphase – sie schmecken, fühlen und machen erste Bewegungserfahrungen, krabbeln, stehen, lernen laufen.
  • 2-6 Jahre
    In dieser Phase entwickeln sich die kognitiven Fähigkeiten(Bewusstseinsbildung) in Verbindung mit grundlegenden motorischen Fähigkeiten. Außerdem werden erste soziale Erfahrungen gemacht – mitspielen, mitspielen lassen, helfen, Initiative ergreifen, gewinnen, verlieren, sich durchsetzen, nachgeben etc.
  • 6-12 Jahre
    Im Hinblick auf die körperliche Entwicklung erzeugen erste deutliche Wachstumsschübe einen erhöhten Bewegungsdrang bei den Kindern. Dieser wird leider oft durch zu hohes Körperfett, mediale Überforderung und/oder ein Mangel an Bewegungsmöglichkeiten gebremst. Hinsichtlich der sozialen Entwicklung suchen Kinder den direkten Kontakt im gemeinsamen Spiel und im Sport. So trainieren sie soziale Kompetenzen wie helfen, Rücksicht nehmen, Kritikfähigkeit, Gerechtigkeit, Durchsetzungsvermögen, Meinungen vertreten usw.
  • 12-16 Jahre
    In der Jugendphase stehen die Kinder im Übergang vom Spiel in sportliche Aktivitäten, Treffen, „abhängen“, Eindruck machen, „cool“ sein.

Diese Verhaltensmuster beziehen sich auf einen gesunden Durchschnitt von Kindern und Jugendlichen. In sozialen Brennpunkten bzw. bei sich wiederholender Körperverletzung oder Missbrauch ist das Entwicklungsbild nachhaltig gestört bzw. liegen traumatische Störungen vor, die natürlich nicht durch das gewöhnliche Spiel verschwinden. Hier sind selbstverständlich direkte psychotherapeutische Maßnahmen gefordert.

 

Worauf müssen Sie bei der Planung von Spielflächen für die jüngeren Kinder ganz besonders achten?

Lersch: Sowohl in Betreuungseinsichtungen als auch auf Spielflächen sollten Kinder von 0-3 Jahren einen separaten oder eindeutig abgeteilten Bereich für sich bekommen. Da sie weder motorisch ausgeprägt noch orientierungsfähig sind, ist ein gemeinsames Spiel mit anderen Altersklassen nicht ergiebig bzw. sogar schädlich.

Der Mensch befindet sich bis zum Abschluss des vierten Lebensjahres in der Prägungsphase. Das bedeutet, dass in dieser Zeit alle grundlegenden Faktoren für das gesamte zukünftige Leben gesetzt werden. Negative Erlebnisse bis hin zu traumatischen Erfahrungen belasten ein Leben lang, häufig unbemerkt, bis gewisse Ereignisse oder Zustände die negative Prägung hervortreten lassen. Ein stressfreies, positives Umfeld und freies Spiel dagegen ist eine der wichtigen Grundlagen für ein ausgeglichenes Persönlichkeitsbild.

Die Spielgeräte dieser Altersklasse sind daher entsprechend sensibel ausgelegt. Fallhöhen unter 60 cm, flache Stufen, idealerweise mit Haltegriffen, kurze Rutschenabgänge sind genauso wichtig wie eine dezidierte farbliche Abstimmung. Federgeräte sind für diese Altersklasse im Federweg deutlich gedämpft.

Die Praxis zeigt jedoch leider: Das eine durchdachte Spielfläche der kindlichen Entwicklung nur wenig nützt, wenn Eltern nicht verstehen wollen, dass Kinder jeder Altersklasse sich auf Spielflächen ohne jede Hilfe oder Einwirkung selbständig entwickeln müssen. Ob hochheben, hineinsetzen, anschubsen oder verbale Regieanweisungen, all das ist Gift für eine freie Ausprägung durch Spiel.

Bei Kindern von 2-6 Jahren sollten Klettersysteme mittlere Fallhöhen besitzen. Da die maximale freie Fallhöhe gemäß der europäischen Norm (DIN EN 1176) drei Meter beträgt (gilt nicht für die Gesamthöhe von Raumkletternetzen), sprechen wir in diesem Fall von etwa 1,50 bis 2,20 m.

Grundsätzlich ist hier wie auch für die weiteren Altersklassen eine gesunde Mischung von statischen und dynamischen Geräten erforderlich. Bedeutet, Klettersysteme (leidiger Volksmund: Klettergerüst), die auch die kognitive Entwicklung fördern (Themenspiel unter Einsatz der Fantasie, bewegliche Anbauteile, farbliche Abstimmung der Bauteile – Grundfarben) müssen ebenso präsent sein wie Geräte, die unter Einsatz der eigenen Körperkraft eine „erzwungene Bewegung“ erzeugen wie z.B. Federgeräte, Schaukeln und ergonomisch sinnvolle „Dreheinrichtungen“.

Spielgeräte für diese und die folgenden Altersklassen brauchen sowohl eine aufforderungsstarke Formensprache wie auch den sehr wichtigen „wiederkehrenden Spielwert“. Die Erfahrung zeigt leider, dass hier die Erwachsenen mit ihren festgefahrenen Vorstellungen und der Überzeugung im Sinne der Kinder entscheiden zu können, häufig Innovation ausbremsen. Von Erwachsenen oft bevorzugte so genannte „naturbelassene Abenteuerspielflächen“ sind dann das Ergebnis. Diese heißen jedoch nicht so, weil sie unter Betreuung von Jugendarbeitern auf naturbelassenen Flächen betrieben werden. Vielmehr wird diese Bezeichnung fälschlicherweise gerne für eine Ansammlung geschälter Stämme benutzt, die zu Türmen, Gängen und Plattformen verbunden wurden. Komplexe Kletterherausforderungen sucht man hier ebenso vergeblich wie wiederkehrende Spielwerte. Je nach Qualität der Hölzer und vorherrschenden Umwelteinflüssen können auch die Unterhaltskosten in unangenehme Höhen geraten.

Daher meine Empfehlung: Den eigenen Blick erst einmal nicht so sehr ins Gewicht legen, sondern informieren, lesen, nachfragen.

 

Welche Bedürfnisse der älteren Kinder bzw. Jugendlichen fließen in Ihre Spielflächenplanung mit ein?

Lersch: Bei Kindern von 6-12 Jahren dominiert der Anspruch an körperbetonten Herausforderungen. Daher hat auch die farbliche Abstimmung für die Spielgeräte keine wesentliche Bedeutung mehr. Außer natürlich als „eye-catcher“, um in dicht bebauten Bereichen oder als deutlicher Kontrast in bewaldeter Umgebung auf sich aufmerksam zu machen.

Intelligente Aktivitätssysteme für diese Altersklasse enthalten daher eine reichhaltige Kombination von Ansprüchen an Kraft und Bewegungsfähigkeit. Idealerweise sind diese vielschichtig ausgelegt, so dass auch Kinder, denen es schwerer fällt, die Möglichkeit gegeben wird, den „Helden“ des Spielgeräts allmählich nachzueifern.

Aus fachlicher Sicht als bedenklich einzustufen ist die allgemeine Ablehnung der Jugendlichen zwischen 12 und 16 Jahren in unserem Land. Seit langem setzen wir uns in Deutschland im Rahmen unserer Gespräche mit den Kommunen für den Bau von Jugendtreffpunkten ein, die in den westeuropäischen Nachbarländern mit komplexen Kletterherausforderungen und intelligenten Spielsystemen ausgestattet sind.

Innerhalb der letzten zwei Jahre beobachten wir eine allmähliche Wendung zum besseren. Die allgemeine Rechtssprechung beurteilt die akustische Präsenz von Kindern und Jugendlichen immer mehr als gewöhnliches und damit hinnehmbares Umgebungsgeräusch. Auch verstehen immer mehr Menschen, dass die Ausgrenzung von Jugendlichen mitverantwortlich ist für Vandalismus und Randale. Großstädte entwickeln erfreulicherweise zunehmend Treff- und Aktivflächen für 12-16-jährige. Es wird allmählig erkannt: Zeitgemäß gestaltete Flächen für Jugendtreffpunkte sind Hingucker und stoßen bei der Zielgruppe auf eine hohe Akzeptanz. Vernachlässigte Flächen und Schmuddelecken strahlen Gleichgültigkeit aus und verleiten daher zu Vandalismus und sonstigem Missbrauch.

 

Gibt es Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen, die Sie in Ihrer Planung berücksichtigen?

Lersch: Ja. Nächste Frage. Nein, Spaß beiseite. Die mentale Überlegenheit der Frauen und die körperliche Überlegenheit der Männer zeigen sich bereits in der spielerischen Entwicklung im Kindesalter.

Jungs sind überwiegend Draufgänger, die erst hineinspringen und dann aus den blauen Flecken lernen. Mädchen hingegen beobachten zunächst, besprechen sich dann gerne, um letztendlich auszuprobieren.

In der Auswahl der Spielgeräte sind diese Unterschiede jedoch überschaubar: Ist eine ausreichend große Spielfläche vorhanden, macht eine Mädchenecke immer Sinn, welche eine Kombination von Balanciersystemen, Turn- und Reckstangen sowie Sitzgelegenheiten enthalten sollte.

Insgesamt lassen sich die Ansprüche von Mädchen und Jungen auf Spielflächen jedoch miteinander in Einklang bringen. Hersteller wie KOMPAN, die Spiel- und Aktivitätssysteme vor ihrer erstmaligen Präsentation über Jahre entwickeln und testen, lassen Bedürfnisse beider Geschlechter in die Geräteserien einfließen.

 

Welche besonderen Ansprüche stellen Spielplätze auf Schulhöfen?

Lersch: Mittlerweile finden wir auf Schulhöfen zweierlei Ansprüche vor, denen Spielflächen gerecht werden sollten.

Da sind zum einen die kurzen Pausen, innerhalb derer Wachstumsschübe, Müdigkeit und aufgestaute Kräfte aus Beinen und Oberkörper „herausgetrieben“ werden müssen. Diese erfordern in erster Linie hochbelastbare statische und dynamische Kletter- und Aktivitätssysteme. Leider gilt immer noch sehr häufig: Balancierbalken, Balancierstrecken mit Seiltechnik, Tischtennisplatten und Nestschaukeln oder auch sehr oft gar nichts prägen unsere Schulhöfe.

Zum anderen sind die Freizeiten im Rahmen der offenen Ganztagsschulen zu berücksichtigen, die zusätzlich Sport- und Entspannungsbereiche erfordern.

Erst seit verstärkt Fördervereine private Gelder in Spielgeräte investieren, werden zunehmend traditionelle Sichtweisen durch zeitgemäße Erfahrungswerte ersetzt. Es bleibt viel zu tun. Spielflächenplanung ist und bleibt eine Synthese aus Bedürfnis- und Unterhaltskostenorientierung.

Vielen Dank für das spannende Interview!

Mehr lesen:
Teil I: SICHERHEIT GEHT VOR!
Teil II: DER PERFEKTE SPIELPLATZ
TEIL IV: SPIELPLÄTZE BRAUCHEN INNOVATION

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