SPIELEN AUF DEM SPIELPLATZ BILDET

Am 28. Mai 2013 ist Weltspieltag. An diesem Aktionstag sind auch Eltern aufgerufen, sich bewusst Zeit für ihre Kinder zu nehmen und mit ihnen zu spielen – denn spielen macht nicht nur Spaß, sondern „Spielen bildet“.

Holger Hofmann DKHWEin Gespräch mit Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks und Initiator des Weltspieltages, über Spielplätze als Bildungsorte, langweilige Rutschen als Experimentierfeld und über den schwierigen Weg, die Qualität von Spielplätzen zu verbessern.

 

Herr Hofmann, das Motto des diesjährigen Weltspieltages lautet „Spielen bildet“. Bildet auch das Spielen auf dem Spielplatz?

Hofmann: Kinder spielen überall – auch auf dem Spielplatz – und dabei lernen sie freiwillig und unbewusst, indem sie sich über Versuch und Irrtum ausprobieren. Kinder haben Spaß beim Spielen. Sie sind motiviert, Dinge zu erforschen und die kindliche Neugier sowie der kindliche Spieltrieb führen zu Lernergebnissen, die zwar beiläufig entstehen, die aber ganz wesentlich sind. Zwischen Spiel und Bildung gibt es also eine enge Verknüpfung, und darauf wollen wir mit dem diesjährigen Motto des Weltspieltages noch einmal bewusst hinweisen.

Spielplatz Grundschule Herzogstraße in Leverkusen

Spielplatz Grundschule Herzogstraße in Leverkusen, Foto: Spielplatztreff-Userin „MamAnne“

 

Haben Sie ein Beispiel für dieses spielerische Lernen auf dem Spielplatz?

Hofmann: Wenn Kinder ein Brett über einen großen Stein legen und ausprobieren, was passiert, wenn sie über das Brett auf die andere Seite gehen, lernen sie ganz beiläufig etwas über Hebelgesetze.

Spielplatz in Köln

Spielplatz Finkens Garten in Köln, Foto: Spielplatztreff-Userin „madeleine“

Das würden sie nicht so formulieren. Aber die Kinder, die diese Erfahrung gemacht haben, werden sich später in der Schule viel leichter tun diese Hebelgesetze zu verstehen, weil sie Anknüpfungspunkte zu ihrer Erlebnis- und Erfahrungswelt beinhalten. Im Gegensatz zu diesem spielerischen Lernen auf dem Spielplatz, geht das Lernen in der Schule ja leider oft mit einem hohen Leistungsdruck und Versagensängsten einher.

 

Auf den üblichen 0815-Spielplätzen lernen Kinder höchstens, sich brav anzustellen bis Schaukel, Wippe oder Rutsche frei geworden sind. Sehen Sie das auch so?

Hofmann: Natürlich finden wir bei Spielplätzen ganz unterschiedliche Qualitäten vor. Der Bildungseffekt ist bei einem Abenteuerspielplatz, auf dem sich Kinder selbst ihre Hütten bauen oder bei einem Kinderbauernhof, wo Kinder mit Tieren in Kontakt kommen, ein ganz anderer, als wenn Kinder auf einem Federtierchen hin und her wippen. Das ist klar.

Dennoch denke ich, dass Kinder sehr erfinderisch sind und auch auf relativ langweiligen Spielplätzen spielen und ihre Erfahrungen sammeln können. Zum Rutschen taugt eine kleinere Rutsche für ältere Kinder vielleicht nicht mehr, aber dafür nehmen sie Steinchen und schauen, wie weit sie diese hochwerfen können, sie schauen, was passiert, wenn die wieder runterkullern, oder sie erklettern diese Rutsche auf unterschiedlichste Weise. Also selbst mit einer gewöhnlichen Rutsche können Kinder ziemlich viel anfangen.

Spielplatz in Wismar

Spielplatz Böttcherstraße in Wismar, Foto: Spielplatztreff-Userin „köpfchen“

 

Brauchen wir nicht trotzdem bessere Spielplätze?

Hofmann: Entscheidend ist zunächst einmal, dass der Spielplatz ein Ort ist, der extra Kindern vorbehalten ist. Hier werden Kindern mehr spielerische Freiheiten als anderswo zugestanden und dadurch können sie ihren natürlichen Spieltrieb ausleben. Deshalb sollten wir Spielplätze generell schätzen.

Gleichzeitig ist natürlich nicht das Nonplusultra eine Rutsche, eine Wippe und ein Federtier hinzustellen. Wir wissen mittlerweile, was dazu führt, dass Kinder auf Spielplätzen länger verweilen und miteinander agieren. Die Verweildauer auf den klassischen Spielgeräten ist dabei relativ gering. Viel mehr ist entscheidend, ob die Kinder auf dem Spielplatz mit Natur bzw. Naturelementen wie Wasser in Kontakt kommen, ob auf dem Spielplatz die Interaktion mit anderen Kindern gefördert wird und sie selbst ihre Spiele bzw. Spielregeln aushandeln können und so Teamarbeit oder Fairness trainieren.

Spielplatz in Leverkusen

Spielplatz Neulandpark in Leverkusen, Foto: Spielplatztreff-Userin „MamAnne“

Gerade in der Interaktion mit anderen Kindern liegen ja ganz hohe Bildungskompetenzen. Der Mitteleinsatz ist so zu steuern, dass er möglichst viele Spielqualitäten abbildet. Und da gibt es noch einiges zu tun.

 

Wie kann es trotz knapper Kassen gelingen, langweilige Spielplätze in spannende Lernorte zu verwandeln?

Hofmann: Sicherlich haben die Spielplatzverantwortlichen in den Kommunen große finanzielle Schwierigkeiten. Aus meiner Sicht, werden aber zum Teil Prioritäten falsch gesetzt. Da werden dann 100.000 Euro für einen Spielplatz ausgegeben, um exklusive und schöne Ergebnisse vorweisen zu können. Das ist nicht immer im Interesse der Kinder. Hier wäre ein Umdenken möglich und nötig.

Wir plädieren dafür, eher mal auf ein teures Spielgerät zu verzichten und dafür das Gelände zu modellieren oder eine Wasserpumpe anzuschaffen. Doch da höre ich dann oft: „Aber das ist doch auch teuer, da brauchen wir wieder Frischwasser.“ Dabei muss ein Wasserspielplatz nicht zwangsläufig an Frischwasser angeschlossen sein. Schließt man eine Wasserpumpe an, die nicht nach einem Wasserhahn aussieht, geht es auch ohne Frischwasser.

Ein einsehbarer Spielplatz, auf dem alles eben ist, ist vielleicht in den Unterhaltungskosten günstiger, aber Kinder lieben es, sich zu verstecken. Und erst, wenn sie solche Gelegenheiten haben, gehen sie zum Beispiel in Rollenspiele und fangen an zu interagieren. Unförmige Mauern, Sträucher, Hügel, Hecken, ein Baum wo mal Blätter runterfallen und Ähnliches – das sind machbare Dinge, die sich auch mit geringen finanziellen Mitteln umsetzen lassen.

Spielplatz in Mettmann

Spielplatz Schwalbenweg in Mettmann, Foto: Spielplatztreff-Userin „Spielplatzpatin“

 

Warum ist es offensichtlich schwierig, das Wissen um Spielqualitäten bei allen Beteiligten zu verankern?

Hofmann: Das Besondere an dem Thema Spiel ist ja, dass zwar unterschiedliche Fachdisziplinen und Experten, wie Pädagogen, Spielplatzplaner, Landschaftsarchitekten, Gartenamtsleiter, Stadtplaner etc. mit diesem Thema Überschneidungspunkte haben, diese Berufsgruppen aber bisher in ihrer Arbeit wenig miteinander verbunden sind. Es fehlt eine Kernkompetenz, die in den Kommunen und auf Landes- und Bundesebene dafür sorgt, dass das Thema Spiel zentrale Beachtung findet und weiterentwickelt wird. Daher nimmt Spielen, aus unserer Sicht, so einen randständigen Stellenwert ein. Und deshalb sind wir auch sehr zufrieden, dass es in den letzten Jahren gelungen ist, ganz unterschiedliche Berufsgruppen in unserem Bündnis für Recht auf Spiel zusammenzuführen und gemeinsam dieses Thema weiterzuentwickeln.

 

Seit 2008 wird der Weltspieltag in Deutschland gefeiert, um das Thema Spiel ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Ist Ihnen das in den letzten Jahren gelungen?

Logo Weltspieltag 2013Hofmann: Mit dem Weltspieltag haben wir einen Aktionstag ins Leben gerufen, an dem wir das Spiel in den Vordergrund stellen. Hier haben auch Eltern die Möglichkeit zu sagen, heute trete ich bei der Arbeit kürzer und nehme mir ganz bewusst Zeit mit meinen Kindern oder mit Nachbarn und Freunden zu diesem Thema was zu entwickeln, eine Spielaktion durchzuführen.

Wir haben den Weltspieltag mit 60 Aktionen 2008 gestartet und sind momentan bei rund 200 Aktionen, die wir dieses Jahr erwarten. Hier ist eine positive Tendenz zu sehen. Aber natürlich ist es im Verhältnis zu dem was möglich wäre noch zu gering. Aber gut, man braucht ja auch Herausforderungen. Von daher bin ich optimistisch, dass wir diese positive Tendenz in Zukunft weiter ausbauen können.

Vielen Dank, Herr Hofman, für dieses interessante Gespräch!

 

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Eine Antwort auf SPIELEN AUF DEM SPIELPLATZ BILDET

  1. Ein toller Beitrag, dem ich nur zustimmen kann!!!
    Letztes Jahr schrieb ich einen ähnlichen Artikel:
    http://papiredetmit.de/2012/04/spielen-im-freien-das-tut-kindern-gut/

    Ganz liebe Grüße, Christian

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