WELTSPIELTAG: ELTERN SIND DIE STÄRKSTE LOBBY

Am 28. Mai 2011 ist Weltspieltag. Dieses Jahr lautet das Motto: „Spielorte neu entdecken!“

Holger Hofmann, Deutsches Kinderhilfswerk

Holger Hofmann vom Deutschen Kinderhilfswerk und Initiator des Weltspieltages erzählt, warum es wichtig ist, uns Spielorte bewusst zu machen, warum Naturerfahrungen nicht zu kurz kommen dürfen und warum ein Umdenken in der Gesellschaft und bei uns selbst notwendig ist, um die Lobby spielender Kinder zu stärken.

 

Herr Hofmann, warum ist es wichtig, Spielorte neu zu entdecken?

Hofmann: Wir müssen doch leider feststellen, der Freiraum, der Kindern und Jugendlichen für „freies Spiel und Bewegung“ zur Verfügung steht, nimmt stetig ab. Viele Aktivitäten finden nur noch im pädagogisch betreuten Rahmen statt.

Deshalb wollen wir mit dem Weltspieltag deutlich machen, dass es eine Vielfalt an Spielorten gibt, die nicht immer offensichtlich sind. Es gibt mehr als die ausgewiesenen Spielplätze oder den häuslichen Computer. Kinder haben auch heute Orte draußen, die sie anregen und es wäre das Ziel, diese zu benennen, kenntlich zu machen und weiterzuentwickeln.

Prinzipiell gilt: Wir als Erwachsene wollen uns nicht anmaßen, zu sagen, wir wissen, welche Orte für Kinder attraktiv sind. Wir gehen zwar davon aus, dass es Orte gibt, die wir aus unserer eigenen Kindheit kennen, die auch heute noch einen Stellenwert für Kinder haben müssten. Aber wissen, ob das für Kinder attraktiv ist, tun nur die Kinder selbst.

 

 

Welche Spielorte sind attraktiv für Kinder und Jugendliche?

Hofmann: Zum Beispiel die Wiese zum Bolzen oder die Marktplatz-Mauer, wo sich die Jugendlichen mit ihrer Clique treffen. Auch das sind Spielorte, weil sie der Interaktion und Kommunikation dienen, und weil das „Spiel“ außerhalb pädagogischer Kontrolle stattfindet. Das ist entscheidend, denn Kinder brauchen nach wie vor Erfahrungsmöglichkeiten, die sie eigenständig mit Gleichaltrigen ohne Anleitung von Erwachsenen machen.

Wenn es gelingt, uns diese Orte gemeinsam mit den Kindern bewusst zu machen und für alle sichtbar zu transportieren, was Kindern an ihren Spielorten gefällt und was ihnen nicht gefällt, dann sind wir schon ein ganzes Stück weiter.

 

Reicht es nicht aus, wenn Kinder selbst wissen, wo sie gerne spielen?

Hofmann: Nein, das reicht, aus unserer Sicht, gerade nicht aus. Es ist wichtig, dass diese Spielorte auch in der Stadtplanung und Stadtentwicklung erkannt werden. Es ist wenig hilfreich, wenn nur die Kinder wissen, dass die Mauer ihr Treffpunkt ist. Schon in der nächsten Planungsrunde kann es dann heißen, genau dort wird die Straße verbreitert, dafür steht die Mauer im Weg. Wir müssen gerade für diese nicht offensichtlichen Spielorte planerischen Umgang finden. Und wir müssen sie kenntlich machen, wie es teilweise mit Hilfe der Spielleitplanung bereits geschieht.

 

Sie rufen am Weltspieltag zu öffentlichkeitswirksamen Spielaktionen auf. Wie sollten diese angelegt sein?

Hofmann: Aus unserer Sicht wäre es prinzipiell wichtig, dass sich die Erwachsenen bei den Spielaktionen möglichst zurücknehmen.

Sicherlich ist es schwierig, gerade in den Innenstädten, Spielaktionen anzubieten, bei denen Kinder völlig frei und eigenständig spielen. Aber natürlich findet man dieses freie Spiel auch im Kleinen. Eine Rathaus-Rallye ist zum Beispiel auch eine Art von freiem Spiel. Oder wenn Kinder dazu aufgerufen werden, Spielorte, die ihnen gefallen, zu markieren, dann geschieht das zwar unter pädagogischer Vorgabe, ist aber gleichzeitig mit einer hohen Eigenständigkeit und Selbstbestimmung der Kinder verbunden.

Darüber hinaus wäre es natürlich wünschenswert, Aktionen durchzuführen, bei denen sich Kinder oder Jugendliche Orte wieder erobern, die ihnen verloren gegangen sind. Dass Kinder sagen, hier gibt es eine Brachfläche, hier gibt es einen Bachlauf, hier ist ein Platz, den wir nutzen, aber keiner hat diesen bisher als Spielort erkannt.

 

Stichwort „Brachfläche“ – in Ihrem Hintergrundpapier Weltspieltag 2011 betonen Sie, dass Naturerfahrungsräume besonders wertvoll für das freie Spiel sind. Warum?

Hofmann: Wenn wir an unsere Kindheit denken, dann denken wir zuerst an die Orte im Freien wo wir mit Gleichaltrigen Erfahrungen gemacht haben. Das ist prägend für das Aufwachsen und so hat jeder Erwachsene seinen eigenen Erfahrungsschatz, der ihn bereichert.

Naturerfahrungsraum "Gleisdreieck" in Berlin, fotografiert von Holger Schnaars

Wenn Kinder diese Erfahrungen heute nicht haben, dann haben sie sicherlich andere prägende Erfahrungen. Aber vielleicht geht ihnen auch etwas verloren. Ich glaube, wenn Kinder keinen Zugang mehr zur Natur haben, lernen sie diese auch nicht mehr schätzen und haben keinen Respekt mehr vor ihr.

Wissen Kinder heute überhaupt noch etwas mit puren Naturräumen anzufangen?

Hofmann: Es gibt tatsächlich Studien, die Hinweise geben, dass Kinder durchaus Schwierigkeiten haben, mit diesen Flächen etwas anzufangen. Es fällt ihnen nicht leicht, die versteckten Erfahrungsqualitäten eines Naturerfahrungsraumes zu entdecken. Dieser Zugang ist bei vielen Kindern so nicht mehr vorhanden. Wenn sich Kinder jedoch darauf einlassen, dann werden die Erfahrungen sehr prägend sein. Trotzdem müssen wir diese Schwierigkeiten ernst nehmen.

 

Also sind auch wir Eltern gefragt, unseren Kindern mehr Naturerfahrungen zu ermöglichen?

Hofmann: Ja, das wäre wichtig. Und ich glaube, dass es viel damit zu tun hat, wie wir über diese Dinge reden. Alle sind sich einig: Zur Kindheit gehört es, Spuren zu hinterlassen, Bretter zusammenzuzimmern, Tiere zu beobachten, Grunderfahrungen mit Grundelementen zu sammeln.

Inwieweit die Eltern die Auswirkungen im Alltag akzeptieren – angefangen von der verdreckten Hose bis hin zu der Sorge, welche Gefahren für die Kinder von solchen Abenteuern ausgehen – das ist eine schwierige Frage.

Warum das so ist, kann ich gar nicht genau sagen. Man könnte ein paar Argumente aufführen: weniger Kinder, mehr Aufmerksamkeit, größere Sorgen der Eltern… Aber ich glaube, letztendlich ist es auch eine Wechselwirkung von unseren Medien und anderen Gesellschaftsfaktoren, von der allgemeinen Verunsicherung, die wir nicht alle beeinflussen können. Daher kann es aber auch genauso sein, dass sich diese Einflussfaktoren ändern und sich dann wieder ein anderer Erziehungsstil breit macht.

 

Was muss geschehen, damit Sie Partner in den Städten und Kommunen finden, die mitziehen?

Hofmann: Auf Bundes- und Landesebene führen wir regelmäßig Gespräche zu verschiedenen Themen mit den jugend- und familienpolitischen Vertretern der Parteien. Wenn es in diesen Gesprächen um die Thematik „freies Spiel“ geht, kommt zunächst oft die Reaktion: Na ja, freies Spiel, ist das nun das wichtigste, was Kinder unbedingt brauchen?

Aber wenn man mit den Verantwortlichen dann über ihre eigenen Erfahrungen diskutiert, fragt, warum sie in der Lage sind, für sich selbst zu denken und zu arbeiten, sich durchzusetzen, dann sagen sie: Stimmt, das hab ich nicht aus der Schule, das habe ich mir draußen mit meinen Freunden angeeignet. Und wenn diese Erfahrung heute bei Kindern kaum mehr gemacht wird, dann ist das bedenklich. Deshalb glaube ich, auch in Politik und Verwaltung lassen sich Partner finden, die sagen, wir müssen diese Räume schützen und mehr davon zur Verfügung stellen.

 

Scheitert es vielleicht am fehlenden Geld? Die Kassen der Kommunen sind leer…

Hofmann: Ja, sicherlich ist es auch eine Frage des Geldes, ob Kommunen diese Flächen kaufen und als Naturerfahrungsräume bereitstellen.

Aber wie immer bei diesen Dingen, ist es auch eine Frage der Lobby. Und natürlich sind, neben Organisationen wie der unsrigen, die Eltern die stärkste Lobby. Wenn Eltern mehr Naturräume für das freie Spiel ihrer Kinder haben wollen, dann hat das Ganze gute Chancen. Denn den Kommunen ist nichts wichtiger, als dass die Familien sich ansiedeln und dort ihre Steuern bezahlen, um es mal etwas plump auszudrücken.

 

Sollte nicht die Qualität unserer Spielplätze verbessert werden, um intensive Erfahrungs- und Interaktionsqualitäten zu schaffen!

Hofmann: Ja unbedingt. So grün unsere Spielplätze vielleicht aussehen, so wenig gestaltbar sind sie trotzdem. Es gibt dort kaum Möglichkeiten für Kinder, ihre Spuren zu hinterlassen. Ein von einem Gärtner angelegter Spielplatz ist etwas komplett anderes, als ein Naturerfahrungsraum. Das Problem ist auch, dass die Kommunen, auch aus Kostengründen, auf den externen Planer verzichten. Wenn dann nur die Spielgerätefirmen möblieren, kommt nicht viel bei raus.

Spielplätze zeigen einmal mehr, wie wichtig es ist, dass wir über Spielraumqualitäten diskutieren. Es ist nicht ganz neu, aber immer wieder schwierig, Qualitäten für Spielräume möglichst ganzheitlich aufzustellen. Es ist wichtig, diese Diskussion anzustoßen mit Fachleuten, Eltern, Grünflächenämtern… etc. Das werden wir als nächstes angehen. Aber um uns nicht misszuverstehen… Wir brauchen die Spielplätze! Auch deshalb, weil es bereits definierte Orte sind und wir – bei allen Wünschen zur Verbesserung dieser Spielorte – nicht vergessen dürfen, das zu sichern, was bereits da ist.

Vielen Dank, Herr Hofmann, für dieses Interview und viel Erfolg für den Weltspieltag 2011!

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